Islamische Konservative und Fundamentalisten begegnen der UN-Menschenrechtscharta häufig mit dem Einwand, dass sie als menschliche Erfindung nicht mit dem Wort Gottes auf eine Stufe gestellt werden könne. Andere muslimische Kritiker weisen darauf hin, dass die Geschichte der Kolonialmächte, von denen die Charta verfasst wurde, voller schwerwiegender Menschenrechtsverletzungen ist. Sie betrachten die Menschenrechtscharta als Werk einiger weniger westlicher Akteure, die versuchen, den Muslimen einen säkularen Ansatz im Gewand universeller Standards aufzuzwingen.

Aber das sind nicht die einzigen Stimmen in der muslimischen Welt. Der aus dem Sudan stammende Juraprofessor Abdullahi an-Naim sieht in der Scharia eine Sammlung rechtlicher und ethischer Prinzipien, die von muslimischen Rechtsgelehrten basierend auf ihrer Interpretation des Koran und der Tradition des Propheten zusammengestellt wurde. Diese Sammlung sei nicht als universal anwendbare Gesetze und Regeln zu lesen, sondern als Leitfaden für ein gelungenes Leben im Einklang mit den heiligen Schriften des Islam.

Der Islamwissenschaftler Mohammad Fazlhashemi. Er wurde 1961 in Teheran geboren und lebt seit 1977 in Schweden. Er ist Professor für Islamische Theologie und Philosophie an der Universität Uppsala. © privat

Als ein strukturelles Problem beschreibt der Islamwissenschaftler Abulaziz Sachedina die Entstehung der rechtlichen Diskriminierung von Frauen in den muslimischen Ländern. Die nachteilige Geschlechterordnung gegenüber Frauen ergebe sich aus dem historischen Umstand, dass die heiligen Schriften bisher nur von Männern interpretiert wurden.

Die Diskussion über die islamische Gesetzgebung der Scharia und ihre straf- und grundrechtliche Differenzierung zwischen Gläubigen und Ungläubigen, Muslimen und Nicht-Muslimen sowie Frauen und Männern wird aber nicht nur durch strukturelle und genderspezifische Fragen bestimmt.

Eine neue Gruppe muslimischer Gelehrter beurteilt die Widersprüche zwischen der Menschenrechtscharta und der Scharia unter ganz neuen Gesichtspunkten. Zwar halten sie einige Punkte für unvereinbar mit einem modernen Menschenbild, aber sie sehen auch eine große Anzahl an Rechtsgrundsätzen im Koran, die zum Schutz der Menschenwürde dienen können. Der Geist hinter diesen Grundsätzen wirke jenseits von Raum und Zeit, aber ihre Anwendung in konkreten Verfahren könne sich aktuellen Gegebenheiten anpassen.

Der iranische Theologe Mohsen Kadivar arbeitet an einem teleologischen Interpretationsmodel der Scharia, mit der Absicht, islamische Rechtsgrundsätze, Menschenwürde und Zeitgeist in Einklang zu bringen. Viele Regularien der Scharia, die sich auf vormoderne Sozialstrukturen beziehen, meint Kadivar, sollten aufgegeben oder an heutige Standards angepasst werden.

Die Rechtsgrundsätze des Koran werden zu dessen höchsten Prinzipien gezählt. Die Würde des menschlichen Wesens wird durch die Verteidigung von Gerechtigkeit, Überparteilichkeit, Rechtsempfinden und Rechtschaffenheit gewahrt, auch wenn dieses zum eigenen Nachteil gereicht. Gleichzeitig war es in vormodernen Gesellschaften üblich, Rechtsansprüche mit der Religionszugehörigkeit zu verbinden oder mit der Geschlechtszugehörigkeit, wie innerhalb der muslimischen und anderer religiöser Kontexte.

Das Recht auf Freiheit gilt universell

Erst heutzutage wird Gerechtigkeit als etwas definiert, das einem unabhängig von religiöser oder anderweitiger Zugehörigkeit zuteil wird. Der iranische Theologe Mohammad Mujtahed Shabestari, der während der 1970er Jahre in Berlin lebte und von dem deutschen Theologen Friedrich Schleiermacher beeinflusst wurde, ist der Meinung, dass viele unserer heutigen Vorstellungen von Gerechtigkeit und Menschenrechten mit denen vormoderner Gesellschaften völlig unvereinbar seien. Dennoch seien heutige Muslime in der Lage, neue Definitionen von Recht und Gerechtigkeit zu entwickeln.

Er stellt fest, dass viele fundamentale Prinzipien im Islam, wie zum Beispiel das Recht auf Freiheit, als universell und ewig gelten können. Wichtig sei es, dabei nicht auf den historischen Ausformungen des Rechts zu beharren. Diese Lesart ermögliche es, so Shabestari, einer Aussage des Korans zu folgen, die einen Zwang zur Religion verbiete. (2.256, 88:22) Glaube und Religiosität sind Menschenrechte und sollten keine Pflicht sein. Das bedeute Religionsfreiheit: das Recht, einen Glauben zu wählen, aufzugeben oder die Religion zu wechseln. Diese Perspektive enthält auch die Möglichkeit, zwischen Glauben und Grundrechten zu unterscheiden. Der individuelle Glaube oder Unglaube wird im Bezug auf Menschen- und Freiheitsrechte zu einem irrelevanten Faktor. 

Ein weiterer Beitrag zur Debatte bezieht eine Tradition der Interpretation mit Fokus auf die Menschenrechte ein. Der Philosoph Abdulkarim Soroush ist ein Kritiker der traditionellen Auslegung der islamischen Rechtslehre, die sich auf die Pflichten der Menschheit konzentriert. Eine Interpretation mit Schwerpunkt auf den Rechten der Menschen unterscheide zwischen Glauben und Grundrechten. Die Begründung ist, dass es keinen logischen Zusammenhang zwischen dem Glauben eines Individuums und seinen Grundrechten gibt. Eine Verwehrung von Grundrechten, die sich durch den Glauben oder Unglauben einer Person zu rechtfertigen versuche, schreibt Soroush, sei ein Verbrechen gegen die Würde des Menschen.

Die Steinigung ist keine Erfindung des Islam

Der Theologe Taqi Fazel Meybodi widmet sich dem Gegenstand der islamischen Strafmaßnahmen – Hinrichtung, Steinigung, Amputation, und so weiter. Nach seiner Überzeugung stammen diese Regelungen aus dem Alten Testament. Sie seien keine Erfindungen des Islam, sondern wurden einer existierenden Rechtspraxis entnommen. Deshalb dürfen sie nicht als unumstößlich angesehen werden, sondern als historisch und mit spezifischen sozialen Bedingungen verknüpft. Sie können einfach durch alternative Methoden ersetzt werden. Der Zweck dieser Regeln sei der Schutz menschlichen Lebens, ihre historische Ausprägung weniger wichtig.

Habermas' rettende Übersetzungen für den Islam

Die Debatte unter den neuen muslimischen Denkern verdeutlicht den Paradigmenwechsel, der unter dem starken Einfluss zeitgenössischer Ideen, der Veränderungen historischer, politischer und ökonomischer Bedingungen sowie den neuen sozialen Strukturen der Moderne stattgefunden hat.

Die vorgenommenen Neuinterpretationen können als Antwortversuche auf die Herausforderungen der Moderne gesehen werden. Sie versuchen auf die Moderne zuzugehen, um die islamische Tradition oder zumindest Teile davon gegen sie zu behaupten.

Diese Aufgabe erfordert wiederum, einen Einklang zwischen Glaubenssätzen, Normen und Werten der islamischen Tradition und der modernen Gesellschaft herzustellen. Man kann das mit einem Begriff von Jürgen Habermas als "rettende Übersetzungen" beschreiben. Übersetzungen in eine Sprache, deren Terminologie, semantische Struktur und Wertesystem sowohl von muslimischen als auch von säkularen Denkern verstanden wird. 

Alle Menschen haben das Recht zu sprechen

Ein Beispiel für eine solche "rettende Übersetzung" gab der iranische Großajatollah Hussein Ali Montazeri (1922-2009) in seiner Verteidigung der Redefreiheit. Er bezog sich auf den Koranvers (55:3 – 4), der überliefert, dass Gott den Menschen die Fähigkeit zu sprechen lehrte.

Montazeri formulierte in seiner Verteidigung der Redefreiheit eine rhetorische Frage: "Wie kann Gott dem Menschen erst die Fähigkeit zu sprechen geben und sie danach beschränken?" Er beantwortet seine Frage damit, dass man annehmen müsse, dass allen Menschen grundsätzlich das Recht zu sprechen gegeben sei – egal, ob wahr oder falsch. Es müsse also erlaubt sein, Meinungen frei zu äußern. Deshalb dürfe niemand für Ketzerei, Verleumdung oder Beleidigung verurteilt werden.

Islam mit der Moderne kompatibel

Eine der Konsequenzen aus den "rettenden Übersetzungen" der neuen muslimischen Gelehrten ist, dass das Normen- und Wertesystem einer modernen Gesellschaft nicht als Fremdkörper erscheint. Der islamische Glaube wird als mit der Moderne kompatibel dargestellt. Die Übersetzungen sind das Ergebnis einer ganzen Reihe von Paradigmenwechseln, die durch den Einfluss der Moderne ausgelöst wurden.

Bedingung für diese Veränderungen war die Offenheit und Aufnahmebereitschaft der muslimischen Erneuerer. Auf dieser Grundlage konnten Teile der islamischen Tradition neu bewertet, andere angepasst werden, während einige Gebiete auf Eis gelegt wurden.

Zusammenfassend kann man sagen: Der Kampf um die Deutungshoheit im Islam ist im vollen Gange.

Aus dem Englischen übersetzt von Robin Thiesmeyer