Mohamed Iqbel Ben Rejeb ist angespannt. "Ich spreche zum ersten Mal vor so einem Publikum", entschuldigt er sich und sortiert noch einmal seine Unterlagen. Eigentlich ist Ben Rejeb mittlerweile ein Medienprofi: Die Washington Post schrieb über ihn, Sky News begleitete ihn mit der Kamera, er ist ein gefragter Interviewpartner in arabischen Medien. Doch heute spricht er auf einer internationalen Konferenz über Deradikalisierung. Im Tagungshotel in Tunis hören potenzielle Kooperationspartner zu – aus arabischen Nachbarländern, vor allem aber aus Europa. Und die will Ben Rejeb überzeugen.

Mohamed Iqbel Ben Rejeb © Privat

Wie geht man mit Menschen um, die aus Syrien, dem Irak und Libyen zurückkehren, aus jenen Gebieten, die von den Dschihadisten des "Islamischen Staats" beherrscht werden? Ben Rejeb sucht seit 2013 mit seiner Organisation Rescue Association of Tunisians Trapped Abroad, kurz Ratta, nach Antworten auf diese Frage, die nicht nur in Tunesien gestellt wird. Er plädiert für psychologische Betreuung, Einbeziehung der betroffenen Familien und dafür, auch Rückkehrer selbst in der Präventionsarbeit einzusetzen. Das Medienecho ist groß, die tatsächliche Unterstützung für diesen Ansatz noch nicht.

"Es ist ein heikles und emotionales Thema", sagt Ben Rejeb. Die ganze Gesellschaft sei betroffen; Scham, Wut und Hilflosigkeit mischten sich in die Debatte, da sei es schwierig, differenziert über Lösungen zu diskutieren. Offizielle Stellen agieren nur zögerlich, der Staat versteht Prävention vor allem so: An der Grenze zu Libyen errichtete Tunesien gerade erst eine 200 Kilometer lange Mauer, Tunesier unter 35 Jahren unterliegen seit den Attentaten von Tunis und Sousse strengen Ausreisebeschränkungen.

Seit 2013 wurden zudem mehr als 12.000 Tunesier inhaftiert, die verdächtigt werden, sich jenseits tunesischer Grenzen Organisationen wie dem IS, der Al-Nusra, Ansar al-Scharia oder Al-Kaida im Maghreb anschließen zu wollen. Derart restriktive Maßnahmen wecken bei manchen Tunesiern eher Erinnerungen an das Ben-Ali-Regime, die Frage nach dem Umgang mit den Rückkehrern wird so nicht beantwortet. Dabei drängt das Problem: Von den rund 6.000 Tunesiern, die sich Terrororganisationen in Syrien, im Irak und in Libyen angeschlossen haben sollen, sollen mittlerweile bis zu 700 wieder im Land sein. Das sind gewaltige Dimensionen für eine Gesamtbevölkerung von gerade einmal rund elf Millionen Menschen.

Persönliche Kontakte auch in Konfliktregionen

"Wir haben kein Budget, keine offiziellen Partnerorganisationen und noch nicht einmal ein eigenes Büro" erzählt Ben Rejeb am Tag nach der Konferenz über die Arbeitsbedingungen von Ratta. Die sind alles andere als einfach: Alle, die sich für die Organisation engagieren – momentan sind das fünf feste Mitglieder – tun das rein ehrenamtlich. Neben dem Job, nach Feierabend und an den Wochenenden.

Ben Rejeb selbst arbeitet bei einer Telekommunikationsfirma. "Ich bin ein ganz normaler Angestellter", sagt er. Nur etwa vier Stunden pro Nacht schlafe er. Vor der Arbeit und danach spricht er mit Familien von Rückkehrern, organisiert Veranstaltungen und verwaltet die Facebookseite von Ratta. Die sei gerade für Angehörige eine wichtige Plattform und Informationsquelle.

Der persönliche Kontakt zu Rückkehrern und deren Familien sei unerlässlich – in Tunesien, aber auch in Konfliktregionen. 2013 reiste Ben Rejeb etwa nach Syrien und sah dort junge Tunesier in den Gefängnissen des Assad-Regimes. Die Mehrheit von ihnen ist bis heute dort inhaftiert. 45 tunesische Familien, deren Söhne zum Teil unter diesen Häftlingen sind, betreut Ben Rejeb. Um ihre Überführung nach Tunesien und ihre Rehabilitation zu erleichtern, hält er die umstrittene Wiederherstellung der 2012 abgebrochenen diplomatischen Beziehungen zwischen Tunesien und Syrien für wichtig.