Im vergangenen Jahrzehnt ist das Interesse an einem scheinbar unorthodoxen Ansatz gewachsen: Menschen mit sehr wenig Geld zu helfen, indem man ihnen bedingungslos mehr davon gibt. Wie sagt das alte Sprichwort? "Gib einem Mann einen Fisch und du ernährst ihn für einen Tag …" Die Idee, ihm nicht nur das Fischen beizubringen, sondern einfach Geld zu geben, war bislang wenig verbreitet.

Sei nicht so naiv – Du kannst armen Menschen nicht einfach Geld geben! Sie werden resignieren und ihr Engagement einstellen! Sie werden sich nur noch betrinken! Diesen Vorurteilen liegt die Annahme zugrunde, dass arme Menschen unfähig sind, eigene Entscheidungen für sich zu treffen. Das sollen gefälligst Experten übernehmen!

Wie sich herausstellte, war diese Annahme falsch. In vielen Kontexten und Kontinenten zeigen experimentelle Untersuchungen, dass Menschen nicht aufhören zu arbeiten, um ihre Armut zu überwinden, auch wenn man ihnen Geld gibt. Und keinesfalls betrinken sie sich ausschließlich.

Stattdessen nutzen sie die Geldmittel, um ihre Familie zu ernähren, sie schicken ihre Kinder in die Schule und investieren in Unternehmertum und ihre eigene Zukunft. Selbst eine kurzfristige Kapitalspritze führt zu einer signifikanten langfristigen Verbesserung des Lebensstandards, zur Verbesserung des psychisches Wohlbefindens und zur Verlängerung der Lebenszeit um ein Jahr.

Auf der anderen Seite greifen gut gemeinte Sozialprogramme oft zu kurz. Eine aktuelle Studie der Weltbank kommt zu dem Schluss, dass "Qualifizierung und Mikrofinanzierung wenig Einfluss auf Armut oder Stabilität gezeigt haben, vor allem im Verhältnis zu den Kosten des Programms". Darüber hinaus erweist sich dieser paternalistische Ansatz oft als vergebliche Liebesmüh: Jesse Cunha von der Stanford University erkennt beispielsweise keine Unterschiede im Ergebnis für Gesundheit und Ernährung zwischen Hilfsprogrammen, die Grundnahrungsmittel bieten oder solchen, die mit gleich hohen Geldtransfers arbeiten.

Entscheidend scheint jedoch zu sein, dass die arme Bevölkerung selbst die Freiheit, Würde und Flexibilität von Geldtransfers schätzt. Laut einer Studie im indischen Bundesstaat Bihar waren über 80 Prozent der Ärmsten bereit, ihre eigenen Lebensmittelkarten weiter zu verkaufen, manche sogar bei einem 25- bis 75-prozentigen Preisverfall.

Zunehmend kommt die Entwicklungspolitik deshalb zu einer neuen Einschätzung, wie Hilfe funktioniert. Die Europäische Kommission gab kürzlich zu bedenken, die Politik solle sich "immer die Frage stellen, warum nicht einfach Geld geben?" So machte auch der UN-Generalsekretär Ban Ki Moon deutlich, dass "Geld-basierte Hilfsprogramme anderen vorgezogen werden und zur Standardmethode gehören sollten." Mit anderen Worten: Die Erfahrungen geben den Bargeldhilfsprogrammen recht und erzeugen eine gesunde Debatte darüber, wie Armutsbekämpfung und Entwicklungshilfe reformiert werden könnten.