Berlin, Warschauer Straße, zwei Uhr morgens: Die betrunkene Masse feiert noch, aber für Romi R. ist der Abend plötzlich zu Ende. Ein Mann bietet der 27-Jährigen erst Drogen an, dann Sex. Er kommt ihr so nahe, dass sie seinen Atem spüren kann, so beschreibt sie die Begegnung später dem Tagesspiegel. Als er ihr droht, flüchtet sich die junge Frau in eine Dönerbude, ruft die Polizei. Die Gäste reagieren kaum, die Polizisten routiniert: Bereits nach sechs Minuten waren sie am Ort. Das Gebiet rund um das RAW-Gelände ist einer der Partyhotspots Friedrichshains. Und derartige Vorfälle sind dort längst keine Ausnahme mehr.

Diese Szene vom vorvergangenen Wochenende veranschaulicht, was auch die aktuellen Zahlen der Polizei zeigen: Die Kriminalität in der Hauptstadt ist gestiegen, besonders am Kottbusser Tor in Kreuzberg und am besagten RAW-Gelände. Beide Orte wurden von der Polizei als "kriminalitätsbelastete Orte" eingestuft. Dort haben sich die Taschendiebstähle vom Jahr 2014 auf 2015 verdoppelt, rein rechnerisch sind es zwei bis drei am Tag. Drogenhandel, Raub, Körperverletzung – auch diese Delikte sind laut Polizeistatistik angestiegen. "Die Dunkelziffer bei Drogendelikten und Taschendiebstählen liegt noch wesentlich höher", sagt Michael Böhl, Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK). Denn weder Drogenkonsumenten noch Dealer wenden sich bei Problemen gerne an die Polizei. Auch Touristen, die häufig Opfer von Diebstählen werden, zeigen die Taten selten an. 

Die Gegend um das Kottbusser Tor, Verkehrsknotenpunkt und Drogenumschlagplatz in Kreuzberg, galt schon immer als sozialer Brennpunkt. Seit Jahrzehnten liegt die Gegend auf dem Sozialindex weit unten: Über die Hälfte der Kinder hier lebt von Transferleistungen, etwa drei Viertel der Menschen haben einen Migrationshintergrund. Was sich geändert hat, ist das Lebensgefühl: 2010 gaben bei einer Befragung des Quartiersmanagements noch über 90 Prozent der Bewohner an, dass sie sich wohlfühlen in ihrem Kiez. Heute sprechen viele von Angst. Der Student Julian Mohn, breites Kreuz und Jogginghose, wohnt seit vier Jahren in einer der Seitenstraßen und sagt, er gehe seit einigen Wochen lieber einen Umweg, um nachts sicher nach Hause zu kommen. "Fast jede Woche höre ich neue Geschichten von Bekannten, die hier abgezogen wurden oder in Schlägereien geraten sind, da wird einem schon mulmig."

Warnwesten für den Kotti

Längst sind die Sorgen über die zunehmende Gewalt an Berlins bekanntesten Feierplätzen zu einem nationalen Thema geworden. Durch die Medien geistert der Begriff von "rechtsfreien Räumen". Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller wehrte sich jüngst in den Tagesthemen gegen diesen Vorwurf. Trotzdem stehen Polizei und Justiz in Berlin unter Druck. Am Kottbusser Tor stehen jedenfalls seit vergangenem Donnerstag zusätzliche Streifen, die rund um die Uhr für mehr Sicherheit sorgen sollen.

Am Donnerstag, dem ersten Einsatzabend, steht die Spätschicht – zehn bis vier Uhr morgens – in gelben Warnwesten auf dem Bürgersteig und erregt Aufmerksamkeit. Obdachlose, die am Straßenrand unter Deckenburgen sitzen, Jungs mit Schirmmützen und Kettchen um den Hals, Kioskbesitzer, Touristen mit Bierflaschen in der Hand – fast alle freuen sich über die Präsenz der Ordnungshüter. Ein Junge ruft ihnen zu: "Cool, Straßenschutz! Find ich richtig gut. Ich bin von hier, weißt du, das ist mein Kiez."

Die Beamten selbst sehen ihren Einsatz kritischer. Ein Polizist, markante Züge, verstärkte Schutzhandschuhe, sagt: "Wir sind hier, um der Bevölkerung zu zeigen: Der Staat tut was. Drehen wir uns aber um, dealen die Jungs weiter." Und selbst wenn die Polizisten Straftäter auf frischer Tat ertappen, interessiere das die Täter nicht, solange sie nicht verurteilt würden, sagt er. "Wir schieben Überstunde um Überstunde, um Delikte zu dokumentieren, aber am Ende wird kaum jemand verurteilt. So juckt das doch keinen."

Tatsächlich werden trotz hoher Polizeipräsenz nur vergleichsweise wenige Täter verurteilt. Taschendiebstähle gelten als Bagatelldelikte und der Besitz kleiner Mengen von Betäubungsmitteln ist in Deutschland erlaubt. Zwar wird jeder Drogenbesitz angezeigt, häufig werden aber Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt und sogar die Dealer sind schnell wieder zurück.