ZEIT ONLINE: Frau Hinz, wer künftig den Integrationskurs abbricht oder wichtige Dokumente für das Asylverfahren nicht vorzeigt, riskiert eine Kürzung seines Asylbewerberleistungssatzes. Sorgen sich die Flüchtlinge um die verschärften Regeln?

Britta Hinz: Ich glaube nicht, dass man mit einem Integrationsgesetz jemanden dazu zwingen kann, sich zu integrieren, der das nicht will. Andererseits kennen wir in unseren Einrichtungen ohnehin keine Integrationsunwilligen. Besonders die Jugendlichen wollen unbedingt lernen. Selbst wenn das Wetter schön ist und wir vorschlagen zu grillen, haben die Angst etwas zu verpassen. Lehrer, die bei uns seit 30 Jahren unterrichten, sagen: Ich möchte nur noch Flüchtlinge unterrichten, weil die so lernwillig sind. Das Problem ist ja viel mehr, dass gar nicht alle unterkommen. Hier in Hamburg reichen die Plätze in Integrationskursen jedenfalls schon jetzt nicht mehr aus. Da gibt es Wartezeiten von drei bis zu sechs Monaten. Jugendliche steckt man dann häufig in Berufsorientierungsmaßnahmen, auch wenn sie noch nicht besonders gut Deutsch sprechen. Gerade den Älteren und Frauen bleibt aber nichts anderes übrig, als abzuwarten und über Ehrenamtsstrukturen oder Vereine Deutsch zu lernen.

ZEIT ONLINE: Den sogenannten Integrationsverweigerer gibt es also gar nicht?

Hinz: Nein, den kenne ich nicht. Was bei uns an Integration angeboten wird – also berufliche Orientierung, Sprachkurse oder Praktikumsplatzsuche – da stehen die Leute Schlange. Selbst wenn es darum geht, sich an typisch deutschen Aktionen zu beteiligen, sind die Flüchtlinge kaum zu bremsen. Im April haben wir hier "Hamburg räumt auf" gefeiert. Da haben sie von sich aus gesagt: Wenn das in Hamburg so ist, dann machen wir das auch. Wirklich, ich habe noch keine Integrationsverweigerer erlebt. Ich denke, wenn von dem Begriff die Rede ist, dann hat man vielleicht Frauen vor Augen, die in den 1970er Jahren ihre Männer nach Deutschland begleitet haben und nie aus dem Haus gegangen sind und nach 30 Jahren immer noch kein Deutsch sprechen. In den Flüchtlingsunterkünften heute begegne ich diesen Menschen aber nicht.

ZEIT ONLINE: Immerhin ein Drittel aller Flüchtlinge in Deutschland sind auch heute Frauen, besteht da nicht dieselbe Gefahr?

Hinz: Bei uns in der Unterkunft hatten wir eine Zeit lang sogar genauso viele Frauen wie Männer. Natürlich haben die Frauen es ein bisschen schwerer, zum Beispiel, weil ihre Ehemänner es nicht zulassen, dass sie in Kurse gehen, in denen andere Männer sitzen. Da muss es dann spezielle Angebote für Frauen geben, auf ehrenamtlicher Basis gibt es die auch schon. Geflüchtete Frauen haben es, wie im Übrigen auch deutsche Frauen, schwerer, solche Angebote anzunehmen. Das fängt ja bei der Kinderbetreuung an. Wenn das Kind krank ist, dann haben die geflüchteten Frauen eben keine Oma in der Nähe, die mal aufpassen kann. Frauen nehmen deshalb insgesamt vielleicht weniger Integrationsangebote wahr, aber das liegt nicht daran, dass sie das nicht wollen, sondern, dass sie es nicht können.

ZEIT ONLINE: In den Integrationskursen soll künftig auch die Vermittlung deutscher Werte eine größere Rolle spielen. Halten Sie das für nötig?

Hinz: Deutsche Werte zu vermitteln, das halte ich für eine gute Idee. Ich habe hier zum Beispiel zwei afrikanische Flüchtlinge. Wenn ich denen sage, ihr kommt morgen um halb acht, dann kommen die um halb zehn und finden das ganz normal. Das müssen die ganz einfach lernen – und dann machen die das auch. Aber erst mal muss ihnen ja jemand beibringen, dass Pünktlichkeit und Verlässlichkeit in Deutschland wichtige Werte sind, da können Unterrichtseinheiten helfen. Vieles ergibt sich aber auch von selbst durch den Kontakt mit Menschen hier. In unserer Metallwerkstatt beispielsweise arbeiten hauptsächlich männliche Jugendliche. Die beiden Leiterinnen sind aber Frauen, da hatte ich am Anfang meine Zweifel, ob das gut geht. Aber das war gar kein Problem, die Flüchtlinge merken ganz schnell, dass das hier anders läuft. Besonders junge Flüchtlinge gewöhnen sich schnell an andere Gegebenheiten.