So haben wir uns den Besuch bei der Bäuerin vorgestellt: Im Schatten eines riesigen Obstbaums wartet Sylvane da Mota auf die Journalisten aus dem Ausland. Hunde und Hühner liefern sich Wettrennen ringsherum, es riecht nach Kuhmist, und die 32-jährige Frau schneidet Obststücke auf. In Nova Guarita, einer kleinen Landgemeinde im Herzland von Brasilien, sieht alles nach einer Idylle aus. Doch die Leute hier sehen es völlig anders. "Unser Leben ist eine Hölle", klagt die Bäuerin zum Gruß. Mein Reisebegleiter, Vertreter einer brasilianischen Landrechteorganisation, flüstert mir schauerlich ins Ohr: "Dieses Land hat schon viel Blut getrunken".

Die kleine Bauernsiedlung ist noch gar nicht alt. Sie ist 2005 auf Geheiß der Regierung angelegt worden. Zwölf kleine Bauernbetriebe wurden damals hier gegründet. Leute wie da Mota bekamen die Schlüssel ausgehändigt: ehemalige Landarbeiter und sonstige arme Menschen, die bisher keinen Grundbesitz hatten, sich aber durchaus mit dem Bewirtschaften von Land auskennen und dadurch der Armut entfliehen möchten. Dieses Sozialprogramm hat Brasiliens Regierung im ganzen Land aufgelegt, vor allem aber hier im Herzen der Republik: in den gigantischen Agrargebieten des Bundesstaates Mato Grosso, wo Maisfelder, Sojaplantagen und Rinderweiden überall bis an den Horizont reichen. Die Regierung wollte auf den Landstücken, die ihr selber gehören, einen Kontrapunkt zum gigantischen Agrarbusiness setzen. Sie wünschte sich Familienbetriebe, die noch traditionell wirtschaften, viele Arbeiten von Hand erledigen, Naturdünger einsetzen und im Gegenzug wöchentlich Produkte an die nahen Schulen und Pflegeeinrichtungen liefern.

Es gab dabei nur ein Problem: Großfarmer mit Rinderherden, Ernterobotern und Sprühflugzeugen hatten sich die Landstücke der Regierung längst unter den Nagel gerissen. In vielen Fällen einfach so, ohne rechtliche Grundlage. Sie haben Ländereien eingezäunt und bewirtschaftet und folgen der Erfahrung: Die Mühlen der brasilianischen Justiz mahlen außerordentlich lange. Richter und Politiker kommen armen Menschen selten zu Hilfe. Für die wirtschaftliche Entwicklung sind Großfarmer von entscheidender Bedeutung, sie sind Big Business und nebenbei auch ein Millionengeschäft für internationale Agrarchemiekonzerne und Futtermittelimporteure. Auch solche aus Deutschland.

Land ohne Recht und Gesetz

Alle Erfahrung sagt: Wenn man als Großfarmer lange und frech genug durchhält, gibt es irgendwann eine sogenannte Amnestie. Dann wird der erkämpfte Landbesitz nicht mehr infrage gestellt. Der Agrarstaat Mato Grosso ist, in diesem Sinne, für viele Menschen ein Land ohne Recht und Gesetz.

"Hier nebenan hat früher mein Haus gestanden", sagt Sylvane da Mota, als wir durch sattes Weidegrün stapfen. Mittendrin, schon halb überwuchert, ist die Zerstörung zu sehen: ein Platz voller Brandreste mit ein paar Steinen dazwischen, verkohlte Reste eines Herdes. "Vergangenes Jahr haben sie uns in Brand gesteckt", sagt da Mota, erst grimmig und kämpferisch, doch als sie mehr erzählt, steigen Tränen in ihre Augen. "Um zehn Uhr abends wurden wir verjagt." Die Bäuerin schildert, dass sie mit ihrer Mutter, ihrem Vater und ihrem dreijährigen Kind zu Hause saß. Sie hatten die Lichter schon ausgeschaltet. Da kamen die Pistoleiros, bewaffnete Sicherheitskräfte, von der nahen Großfarm: "Sie schrien uns an, dass wir verschwinden sollten, und haben alles in Brand gesteckt! Alles war weg, auch die Betten, die Kleider, meine Motorsäge, unsere Vorräte."