Angesichts einer Million Flüchtlinge allein im Jahr 2015 hätten rechtsextremistische Einstellungen in Deutschland eigentlich zunehmen müssen – so lautete eine gängige Vermutung. Die Pegida-Bewegung und das Erstarken der AfD schienen auch darauf hinzuweisen. Entgegen dieser Erwartung hat die Flüchtlingskrise in den vergangenen zwei Jahren aber keine Zunahme rechtsextremer Einstellungen bewirkt, fanden Forscher der Universität Leipzig heraus.

Jedoch, so eine zentrale Erkenntnis der Studie Die enthemmte Mitte – autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland, hat sich in der Mitte der Gesellschaft eine Gruppe herausgebildet, die Gewalt nicht nur akzeptiert, sondern auch selbst anwenden will. Sie rekrutiert sich aus Angehörigen sogenannter autoritärer Milieus, die wenig Vertrauen in demokratische Institutionen haben. Hinzu kommt: Vorurteile und Überlegenheitsgefühle gegen Minderheiten nehmen zu, vor allem gegen Muslime, Sinti und Roma und Homosexuelle. Ausländer werden zunehmend nach ihrer Nützlichkeit beurteilt: Nur wer ökonomisch wertvoll ist, wird akzeptiert.

Die gute Nachricht wird also durch mehrere schlechte überlagert.

Die Suche nach Gründen für diese Entwicklungen ist schwierig. Das Team um die Sozialforscher Elmar Brähler und Oliver Decker steht erst am Anfang der Datenanalyse – die Antworten der mehr als 2.000 zu Jahresbeginn Befragten stehen erst seit April zur Verfügung. Entsprechend schwer fällt den Forschern die Deutung ihrer Ergebnisse

Ein zentraler Faktor ist die AfD. Ihr Erstarken in den vergangenen zwei Jahren machen die Forscher als eine der Hauptursachen der Radikalisierung der Mitte aus – und zugleich als deren Folge. Wie die Interviews zeigen, hat sich ein Großteil der Wähler mit einem gefestigten rechtsextremistischen Weltbild von anderen Parteien ab- und sich der AfD zugewandt. Ein Beispiel: Das rechtsextreme Wählerpotenzial in der SPD sank von einem Viertel auf 15 Prozent, ähnlich verhält es sich bei CDU/CSU – sie absolvieren eine Art Reinigungsprozess.

Die AfD hingegen fungiert als Sammelbecken und als Katalysator für rechte Einstellungen. Ihr Auftreten in der Öffentlichkeit, auf Demonstrationen und ihr Antreten bei den Landtagswahlen macht sie für Menschen anschlussfähig, die bei Wahlen bisher zu Hause blieben, weil ihnen die NPD als rechtsextreme Partei unwählbar erschien. Die bürgerlich anmutende AfD ist die für sie wählbare Alternative, sie macht rechtsextreme Einstellungen hoffähig. "Ich bin rechts" ist kein Stigma mehr und für viele ein Mittel der Selbstbeschreibung geworden.

Dieser Teil der gesellschaftlichen Mitte hat in der AfD eine politische Ausdrucksform gefunden. Er sei dadurch sichtbarer geworden und handele offen, schreiben die Forscher. Jetzt könnten extrem eingestellte Menschen ihre autoritären Positionen noch stärker artikulieren. "Die Personengruppen werden sich ihrer selbst bewusst", sagt Oliver Decker, einer der Mitautoren der Studie.

Es gebe ein konstantes Potenzial rechtsextrem eingestellter Menschen, "die treten jetzt aber stärker hervor". Angesichts der vielen unentschlossenen Nichtwähler dürfte diese Entwicklung noch eine Weile anhalten. "Die AfD hat noch Luft nach oben", sagt Elmar Brähler, ebenfalls einer der Autoren der Studie. 

Da ist der Schritt zum Schleudern von Brandsätzen auf Asylbewerberunterkünfte nur ein kleiner. Die rechtsextrem eingestellten Gruppen sähen sich in dem so entstandenen Klima berechtigt, ihre Ziele und Ansichten auch mit Gewalt durchzusetzen, sagt Decker. Sie sähen Gewalt als legitimes politisches Mittel.