Der "Sex-Kindergärtner hat zugeschlagen!" – eine Schlagzeile, die wir glücklicherweise so noch nicht in den Boulevardblättern lesen mussten. Denn nicht einmal diese wagen es bei einem vergewaltigten Kind von einer "Sex-Attacke" zu reden. Es klingt ekelhaft, pervers, einfach falsch. Dabei schreiben ebendiese Medien regelmäßig von "Sex-Gangstern", oder vom "Sex-Mob". Begriffe mit "Sex-irgendwas" werden inflationär verwendet. Aber Sprache ist eine Waffe und Worte prägen Einstellungen.

Eine Vergewaltigung darf nie als Sex bezeichnet werden – aber das wird immer wieder ignoriert. Den meisten Lesern wird erst bewusst, wie absurd diese Gleichsetzung ist, wenn es um Kindesmissbrauch geht. Wortkreationen wie "Sex-Gangster" würden allen Lesern im Zusammenhang mit Kindern als unpassend aufstoßen. Aber offensichtlich haben Frauen als Opfer ein anderes Image als Kinder. Sex ist für Klatschblätter vor allem eines: Entertainment. Das, was im Kontext von Kindern geschmacklos klingt, soll mit Frauen Unterhaltungswert haben.

Das Luder

Frauen wie Gina-Lisa Lohfink, oder Ashley Youdan, die Ex-Freundin von David Garrett, kommen da wie gerufen. Sie werden mit Begriffen belegt, wie "Ex-Party-Girl", "Ex-Porno-Sternchen" und nicht zu vergessen: "Luder". Ein Luder, das ist eine Frau, die viel feiert und viel Sex hat. Sie ist eben das, was andere als Schlampe bezeichnen würden. Luder klingt nur irgendwie verspielter, freundlicher. So berichtet die Bild-Zeitung des Öfteren von der "Luder-Liga", mit Titeln wie "Voller Körpereinsatz, wenig Talent, dafür viel Hinterlist – all das muss ein Luder bieten, um ganz vorne zu liegen". Bei diesem Lifestyle ist es doch kein Wunder, wenn dann so etwas passiert. Oder sogar: Haben Luder überhaupt Grenzen, die Männer überschreiten können?

"Luder" – steht in der Jägersprache für ein totes Tier, das als Lockmittel für Raubwild verwendet wird. Es ist die Verschriftlichung der visuellen Objektifizierung, ein sozial anerkanntes Wort, das unterschwellig klarmacht: Das ist eine Frau, die wir ungestraft verachten können. Frauen wie Lohfink werden in diesen patriarchalen Strukturen zu einem geeigneten Lockmittel für die Boulevardpresse – respektiert werden sie selten. Deutlich wird das besonders in der Art, wie darüber berichtet wird, wenn eine Frau einen Mann wegen Körperverletzung anzeigt, etwa im Fall von Garrett: "Die Vorwürfe des Garrett Luders" ist eine Schlagzeile der Bild, auch wenn noch niemand weiß, wer die Wahrheit sagt und wer nicht. Neutralität sieht anders aus.

Sprechzeit ist Macht

Über Luder wird berichtet, zu Wort kommen lässt man sie jedoch selten. Sowohl für die vermutlichen als auch für die verurteilten Täter sieht es anders aus: So ist der angeklagte Garrett in der Bild mit folgendem Titel zu finden: "Ich kämpfe um meinen Ruf." Er wird angehört, ihm wird nicht misstraut. Und wenn ein Täter wie der Stanford-Vergewaltiger Turner eben nach anwaltlicher Beratung nicht selbst sprechen kann, so machen es die Medien für ihn: Er wird, nicht wie üblich mit dem polizeilichen Foto des Tattages abgebildet, sondern mit seinem Jahrbuchfoto, das ihn sympathisch lächelnd präsentiert und gleichzeitig seinen gesellschaftlichen Hintergrund vermittelt. In beiden Fällen kommen die Väter zu Wort: Garretts Vater hält es für ausgeschlossen, dass sein Sohn ein Gewalttäter ist, erfahren wir. Der Vater von Turner spricht ungeschickt von "20 minutes of action", also 20 Minuten Spaß, die seinem Sohn ungerechterweise das Leben ruinieren könnten. Die Boulevardpresse versteckt sich hinter der Aussage: Man berichte ja nur, was passiert.

Diese angeblich neutrale Berichterstattung bezeichnet die Klägerinnen als Luder und lässt die Täter sich selbst verteidigen. Die Täter müssen nicht mal selbst reden, um diese Sprechzeit zu bekommen. Das können auch ihre Angehörigen erledigen. Opfer wiederum werden, wenn sie doch selbst reden, in einem anderen Zusammenhang präsentiert. So hat ein Interview mit Lohfink eine andere Wirkung als eines mit Garrett, weil es mit "Das Luder packt aus" beworben wird. Ihre Mutter sagt in der Spalte daneben nicht aus, was Lohfink doch für ein fantastischer Mensch sei.

Die neue Sprechzeit

Luder haben eigentlich in der Boulevardpresse gar nicht zu sprechen, wenn ihre Worte ihre mediale Rolle dekonstruieren könnten und sie auf eine unbequeme Weise menschlich erscheinen ließen. Es würde die Narrative des Objekts zerstören, dessen Leben die Leser zur Ausschlachtung verbiegen können, wie sie wollen. Am Ende bleibt hängen: Luder wie Lohfink und Youdan können gar nicht missbraucht werden, denn sie sind eh schon kaputt. Sie haben sich längst selbst entwürdigt, zu Objekten gemacht. Und mit Objekten kann man machen, was man will.

Nun zeigen diese Frauen plötzlich, was ihnen sonst abgesprochen wird: einen Charakter mit Bedürfnissen, die weiter gehen als die neueste Handtasche und der straffste Hintern. Denn im Internetzeitalter kann jeder Sprechzeit bekommen. Und so hat sich eine Solidarität um Lohfink gebildet, die Außenstehende verwundert: Warum haben denn auf einmal diese biederen Feministinnen sich mit Lohfink, dem Sinnbild der objektifizierten Frau verbündet? Warum hören sie diesem Luder zu, glauben ihm gar?

Sprechzeit ist auch für sie Macht, und auch ihre Worte sind Waffen. In einer Zeit in der ein Vorsitzender Richter des Bundesgerichtshofs hier auf ZEIT ONLINE meint, dass es valide sei, die Meinung einer Journalistin durch ihre Hormonschwankungen abzutun, hört man Lohfink auf einmal zu. Am 27. Juni werden sich Menschen vor dem Gerichtshaus treffen, um für die zweite Etappe zu kämpfen: Ein "Nein" soll endlich reichen – das Wort Luder können sich die Klatschblätter hingegen wieder für die Frettchenjagd aufheben.