In Bochum-Wattenscheid sind die Rentner zuerst dran. Ohne den üblichen Lärm und das Gedrängel dürfen sie den ausgemusterten Einkaufswagen an den Stapelkisten mit Salatköpfen oder Streuselplätzchen entlang schieben. Ehrenamtliche Tafelmitarbeiter geben die Waren aus. Dass die Rentner nicht mehr anstehen müssen, ist eine Konsequenz aus den Erfahrungen der vergangenen Monate, als die Tafel plötzlich zur Anlaufstation von tausenden Flüchtlingen wurde. Menschen aus Syrien, Rumänien oder dem Libanon hatten von anderen Flüchtlingen oder sogar im Jobcenter den Tipp bekommen: "Wenn das Geld nicht reicht, geht zur Tafel." Aus 8.000 Kunden waren über Nacht 13.000 pro Woche geworden.

Der Begründer der Bochumer und Wattenscheider Tafel Manfred Baasner sagt: "Früher kannte ich unsere Gäste. Das ist vorbei. Viele alte Menschen kamen mit der Situation nicht mehr klar und blieben einfach weg." Deshalb beschloss der 72-Jährige: Die Alten zuerst – und danach alle anderen, die bedürftig sind. Damit das auch wirklich jeder versteht, werden die Kunden zu Beginn des Ausgabetages mit einem per Lautsprecher übertragenen Tafelgebet berieselt: "Sei er arm oder reich, egal welche Sprache, Religion oder Hautfarbe, vor Gott sind wir alle gleich." Ein Dolmetscher übersetzt auf Arabisch.

Viele Tafeln in Deutschland stoßen an ihre Grenzen. Zu den 1,5 Millionen einheimischen Kunden, die an den Tafel-Ausgabestellen Woche für Woche kostenlose, von Supermärkten ausgemusterte Lebensmittel erhalten, werden nach Angaben des Bundesverbandes Deutsche Tafel aktuell 250.000 Flüchtlinge unterstützt. Und die Zahl steigt weiter.

An vielen Standorten fühlen sich Kunden benachteiligt, reagieren neidisch oder hetzen gegen die Flüchtlinge. Die ehrenamtlichen Helfer wiederum müssen eine immer größere Zahl an Menschen unterstützen. Sie müssen mit Sprachbarrieren und mit traumatisierten Menschen umgehen. Außerdem werden sie auch selbst beschimpft, weil die Tafeln Flüchtlinge aufgenommen haben. Arme Menschen ringen hier mit noch ärmeren Menschen um Lebensmittel. Der Tafelverbandschef Jochen Brühl fordert deshalb die Bundesregierung auf, Ehrenamtliche durch Schulungen auf die Herausforderungen vorzubereiten. Er fürchtet, die Bereitschaft zum freiwilligen Engagement könne sonst langfristig sinken.

Die Tafeln reagieren unterschiedlich. In Dachau bekamen Flüchtlinge tageweise keine Lebensmittel. In Düsseldorf hat die Tafel öffentlich erklärt, dass sie "auch Deutsche" und nicht "nur Flüchtlinge" unterstützt. Das heißt jedoch: Jeder bekommt etwas weniger.

Im Düsseldorfer Stadtteil Derendorf übernimmt die Diakonie in der Zionskirche die Ausgabe des Essens. Sozialarbeiterin Andrea Schmitz sagt, Anfang des Jahres hätten sie sich förmlich überrannt gefühlt, als neben den bekannten Kunden (viele Familien mit Kindern und Alleinstehende) Flüchtlinge ihre Plastiktüten mit kostenlosem Essen füllen wollten. Auch sie sagt: "Es gibt immer Leute, die sich beschweren und Angst haben, benachteiligt zu werden."

In der Schlage für die Tafel in Bochum © Silke Hoock

Dabei betonen die Tafeln immer wieder, dass sie nur ein zusätzliches Angebot sind und keineswegs eine staatliche Pflichtleistung. "Viele wissen, wo etwas umsonst zu holen ist. Wir hätten es lieber, dass sie ihre Energie darauf verwenden, wieder selbst etwas zu schaffen", sagt Karin Mittelstädt, Assistentin des Vorstandes. Sie fände es gerechter, wenn nur wirklich bedürftige Rentner, Alleinerziehende und Flüchtlinge unterstützt würden.

Doch heute Morgen steht niemand an, der es nicht nötig hätte, auf jeden Cent zu achten: Eine 78-Jährige aus Bochum hat sich Erdbeeren, Champignons, Zwiebeln und einen Rosinenstuten ausgesucht. Sie ist verwitwet, hat drei Kinder großgezogen und in einer Heißmangel gearbeitet. Heute lebt sie von 800 Euro Rente. Seit fünf Jahren ist sie Kundin. Hinter ihr steht eine junge syrische Frau mit ihrem Sohn Kqis. Sie hat von anderen Flüchtlingen erfahren, dass man hier Lebensmittel bekommt. Alte, Junge, Deutsche. Migranten, Flüchtlinge, Alleinerziehende scheint die Not hier eher in stiller Apathie zu einen als gegeneinander aufzubringen.

Der Politwissenschaftler und Armutsforscher Professor Christoph Butterwegge kritisiert, dass sich der Staat auf das Engagement der 60.000 Ehrenamtlichen der Tafeln verlässt und aus eigenem Interesse unterstützt. Die Spender müssen auf gespendete Waren keine Mehrwertsteuer zahlen. Außerdem hat der Staat das Ehrenamt und das Stiftungsrecht gestärkt. Den Sozialstaat zu ergänzen sei gut und notwendig, sagt er, aber er dürfe nicht durch karitatives Handeln ersetzt werden. Denn da, wo es keine engagierten Bürger gebe, gebe es kaum noch Hilfe für Bedürftige – auch keine vom Staat.

Konkurrenzsituationen wie bei den Tafeln, wo Hass und Neid offen zu Tage treten, dürften laut Butterwegge in einem Sozialstaat nicht vorkommen. Doch letztlich, meint der Forscher der Universität Köln, legt die Flüchtlingsproblematik lange Zeit verdeckte Probleme offen: Der Regelsatz von Hartz-IV-Empfängern sei so niedrig, dass diese Menschen oft auf gespendete Lebensmittel angewiesen sind. Außerdem gebe es keinen bezahlbaren Wohnungsraum, weil der soziale Wohnungsbau vernachlässigt wurde.

Arme Menschen seien nun mal nicht besser als reiche – weder solidarischer noch weniger missgünstig, neidisch oder rassistisch.