Moneer Al-Shikh mit zwei Kollegen © Christoph Herwartz

Tief im Sauerland, im schmucklosen Rathaus von Arnsberg, Raum 116, passiert gerade etwas, das zum Leitbild auch für große Städte werden könnte. In der kleinen Kammer steht ein Schreibtisch, darauf ein PC, daneben liegen mehrere Stapel Informationsbroschüren. Hinter dem Schreibtisch sitzt Moneer Al-Shikh. Er bietet schwarzen Tee an und Wasser aus Plastikbechern. Al-Shikh ist in Arnsberg für die Integration von Flüchtlingen zuständig. Seine Leute begleiten bei Ämtergängen, übersetzen Dokumente, suchen nach Wohnungen und Arbeitsstellen, organisieren einen Frauentreff, eine Fußballmannschaft und einen Fahrradkurs und helfen der Stadt dabei, ihre Angebote für Flüchtlinge zu verbessern.

Das besondere daran: Al-Shikh ist selbst ein Flüchtling. Im vergangenen Jahr arbeitete er noch als Elektroingenieur für ein Ölunternehmen im Osten Syriens, umgeben vom "Islamischen Staat" (IS). Jetzt hat ihn die Stadtverwaltung von Arnsberg wie einen leitenden Mitarbeiter aufgenommen. Er hat ein eigenes Büro und engen Kontakt zum Bürgermeister.

Al-Shikhs Geschichte beginnt wie die vieler Flüchtlinge, die jetzt in Deutschland leben. Als er im Internet sah, dass es viele seiner Landsleute über die Balkanroute bis nach Deutschland schafften, verabredete er sich mit einem Kollegen zur Flucht. Er gehörte zu den Flüchtlingen, die zu Fuß von Budapest Richtung Deutschland liefen, bis die Bundesregierung die Menschen mit Bussen ins Land bringen ließ. Bald darauf änderte Al-Shikh sein Facebook-Profilbild in eine deutsche Flagge. Er hatte es geschafft.

Kurz nachdem Al-Shikh in Arnsberg in einer Unterkunft untergebracht wurde, geschahen die Terroranschläge von Paris. IS-Attentäter zündeten Bomben vor dem Stadion, in dem Deutschland gegen Frankreich spielte, sie schossen während eines Rockkonzerts in die Menge und feuerten in einem Ausgehviertel wahllos auf die Leute. 130 Menschen starben, viele weitere wurden verletzt. Gerüchte machten die Runde, wonach einige der Attentäter als Flüchtlinge über Deutschland nach Paris gereist sein sollten.

Al-Shikh spürte, dass der IS Erfolg haben könnte mit seiner Strategie, die Europäer und die Flüchtlinge gegeneinander aufzuwiegeln. Also trommelte er in seinem Flüchtlingsheim die Leute zusammen und zog durch die Straßen. Rund 200 folgten ihm. Auf Einladung der katholischen Gemeinde sprach er in einer Kirche und rief die Arnsberger auf, gemeinsam mit den Flüchtlingen ein Zeichen gegen den Terror zu setzen.

Nach der Rede fragte Bürgermeister Hans Josef Vogel den Flüchtling, ob er sich nicht weiter engagieren wolle. Vogel merkte schnell, dass Al-Shikh ein Netzwerker ist. So einen kann man gebrauchen, dachte er sich. Zwei Monate später bezog Al-Shikh mit vier Mitstreitern sein Büro im Rathaus. Die Organisation nannte er "Neue Nachbarn Arnsberg".

Dort zeigt er nun auf einen Zettel an der Wand, darauf ist ein kleines Organigramm. Oben stehen er und weitere Vorstandsmitglieder, darunter die Arbeitsgruppen: Übersetzung, Sport/Gesundheit, Feiern, Kultur, Frauen und Kinder. Jede Arbeitsgruppe ist per WhatsApp verknüpft. Wenn jemand Hilfe braucht, posten Moneer oder seine Leute eine Anfrage in einer dieser Gruppen. Meistens findet sich dann jemand, der die Aufgabe übernimmt. Oft ist es die Stadtverwaltung, die sich auf diese Weise helfen lässt.

Vogel sagt, dass die Neuen Nachbarn die Stadt auch dabei unterstütze, ihre eigenen Integrationsangebote zu verbessern. So wünschten sich die Frauen unter den Flüchtlingen einen Raum, in dem sie gemeinsam Gymnastik machen könnten. Kein Problem für die Stadt, doch ohne die Flüchtlingsorganisation hätten sie davon nicht erfahren. Die Neuen Nachbarn sind das Bindeglied zwischen Stadt und Flüchtlingen geworden.