Das Papier ist ein Katalog von Selbstverständlichkeiten: Respektvoll mit Kindern und Kollegen umgehen, jegliche Form der Gewalt unterlassen, suspektes Verhalten von Mitarbeitern ansprechen. Wer in einer Kita der Hamburger Pestalozzi-Stiftung arbeiten will, bekommt diesen Verhaltenskodex beim Vorstellungsgespräch in die Hand. Unterschreibt er ihn nicht, wird es nichts mit der Stelle.

Denn die Stiftung weiß, dass sich selbst gut ausgebildete Erzieherinnen der Risikosituationen im Kita-Alltag nicht immer bewusst sind. Der Katalog dient nur einem einzigen Zweck: Kinder und Mitarbeiter vor Gewalt zu schützen.

Auch in Einrichtungen renommierter Träger gehen Mitarbeiter grob mit Kindern um: Sie schreien herum, sperren Kinder weg, manchmal schlagen sie sogar zu. Das ergab eine Befragung der Leser von ZEIT ONLINE von Anfang Mai. Wir hatten nach Missständen in Kindertagesstätten gefragt, mehr als 2.000 Eltern und 200 Kita-Mitarbeiter nahmen an der Befragung teil. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ, zeigen aber, dass das Krisenmanagement oft unprofessionell ist. Viele Eltern und Kita-Mitarbeiter halten ihre Einrichtung für personell unterversorgt. Erzieherinnen berichten von systematischer Überforderung.

"Fehler macht jeder einmal", sagt Sandra Schmücker, die bei der Hamburger Pestalozzi-Stiftung für das Qualitätsmanagement zuständig ist. "Wichtig ist aber, dass das transparent reflektiert wird." Das ist jedoch nicht überall selbstverständlich.

Während Hamburg bislang ergebnislos über eine Qualitätskontrolle seiner Kindertagesstätten diskutiert und Wissenschaftler vergeblich ein Bundesqualitätsgesetz oder einen Kita-TÜV fordern, spannt die Pestalozzi-Stiftung für ihre sieben Kitas ein Netz, das Missstände verhindern soll. Auch in anderen Städten versuchen Träger und Verwaltungen, in den Kitas die Standards zu sichern – mit Unternehmergeist, wie die Hanna-Kitas in Berlin, oder mit freiwilliger Qualitätskontrolle, wie in Heidenheim in Baden-Württemberg.

Mitarbeiter der Hamburger Pestalozzi-Kitas haben ihr umfangreiches Konzept für den Schutz von Kindern und Mitarbeitern vor zwei Jahren entwickelt. Kinder und Mitarbeiter – dieses doppelte Ziel ist der Qualitätsbeauftragten Sandra Schmücker wichtig. "Wir wollen die Kinder schützen und zugleich mit den Mitarbeitern einen Spielraum definieren, in dem sie handeln können. Denn natürlich gibt es bei Kindern herausforderndes Verhalten, auf das eine Erzieherin reagieren muss."

Kindergarten - Nicht ohne Papa Jungen Eltern fällt die Trennung von ihren Kleinkindern in der ersten Kita-Zeit oft schwer. Ein Berliner Kindergarten bietet deshalb Vätern und Müttern seit einiger Zeit einen Co-Working-Space an.

Täterstrategien untergraben

Hinter jedem Punkt des Konzepts stehen konkrete Alltagssituationen. Die Mitarbeiter haben darüber diskutiert und sich verständigt, wie sie handeln wollen. Zum Beispiel beim Mittagessen. Müssen Kinder bei jeder Mahlzeit alles probieren? Und wenn ein Kind sich vor Brokkoli ekelt, darf man es zwingen, trotzdem davon zu kosten? Bei der Pestalozzi-Stiftung sollen alle verbindliche Grenzen kennen, sie akzeptieren und achten. Beim Thema Essen hieße das dann: Dem Kind zureden, das fremde Essen doch zu probieren, ist in Ordnung. "Es aber lange zu bedrängen oder ihm gar den Löffel einfach in den Mund zu schieben, geht nicht", sagt Schmücker. 

Die Mitarbeiter sollen also lernen, ihre Macht über die Kinder pädagogisch angemessen einzusetzen. Und die Kinder sollen immer wissen, woran sie damit sind. "Die Teams werden darin unterstützt, eine gemeinsame Haltung dazu entwickeln, wie sie handeln", sagt Schmücker. Das biete den Kindern die Gewissheit, dass sich alle Erwachsenen in ähnlicher Weise verhalten. Sie könnten dann leichter erkennen, wenn jemand merkwürdig mit ihnen umgehe und Grenzen verletze. "So werden auch Täterstrategien untergraben." 

Damit sich keine falschen Verhaltensweisen einschleifen, sind alle Pestalozzi-Kitas verpflichtet, ihr Schutzkonzept regelmäßig weiterzuentwickeln. Die Stiftung erfragt nicht nur systematisch die Zufriedenheit von Kindern und Eltern, sie erfasst auch ihre Kritik. Beschwerden müssen innerhalb festgelegter Zeiträume beantwortet werden – auch wenn sie von Mitarbeitern stammen. "Wo Fehler unmittelbar angesprochen und bearbeitet werden, da können sich Kinder auch sicher fühlen", sagt Schmücker.

Schon vor vier Jahren hat der Gesetzgeber alle Kitas verpflichtet, sich ein Kinderschutzkonzept zu geben und auch danach zu arbeiten. Doch wie viele Kitas dieser Auflage wirklich nachgekommen sind, ist unklar. Dass nur eine Minderheit der Eltern und Kita-Mitarbeiter von einem solchen Konzept ihrer Einrichtung weiß, zeigen die Antworten auf die ZEIT-ONLINE-Umfrage.