Es gibt Momente, da wünsche ich mir, das Internet sei nie erfunden worden. Am Freitagabend gab es so einen Moment, als die ersten Meldungen eintrafen, dass  in München Schüsse gefallen seien. Auch am Montag zuvor, als ein junger Mann in Würzburg mit einer Axt auf Menschen losgegangen war. Am Samstag davor, als sich in der Türkei  ein möglicher Putsch abzuzeichnen begann oder wiederum zwei Tage vorher, als in Nizza ein Lkw-Fahrer seinen Lastwagen in eine Menschenmenge gesteuert hatte.

Solche großen, sich noch entwickelnden Ereignisse werden von Journalisten "Lagen" genannt, in Anlehnung an den Polizeijargon. Bei einer Lage versammelt sich etwa bei ZEIT ONLINE ein Krisenteam in ad hoc eingerichteten Chatgruppen, startet ein Liveblog, spricht mit Korrespondenten, schickt Reporter los, teilt Schichten ein. Dies alles folgt mittlerweile einer fast schon erschreckenden Routine, denn die Lagen häufen sich.

Dass jüngst gleich vier Großlagen in einer guten Woche auftraten, ist Zufall. 2016 aber ist nicht nur nach dem Gefühl vieler Journalisten schon zu viel passiert – warum, versuchen derzeit viele zu ergründen, DIE ZEIT mit ihrer aktuellen Titelgeschichte. Ein ähnliches Gefühl hatten wir bereits im Jahr 2015, das mit dem Angriff auf Charlie Hebdo begann und mit den Anschlägen in Paris endete, und in dem wir schon mehr als ein Dutzend Lagen zählten. Auch, dass die Ereignisse in Reutlingen und Ansbach am Wochenende keinen Krisenmodus auslösten, passt ins Bild.

Onlinejournalismus scheint inzwischen aus einem steten Strom von großen Lagen zu bestehen, in deren Zwischenräume wir noch etwas gute, alte Normalität füllen.

Es sind somit große Zeiten für Onlinemedien, denn für all diese wichtigen Ereignisse, die jetzt ihren Lauf nehmen, scheinen sie gemacht. Sie müssen keinen Drucktermin abwarten, nicht einmal eine Liveschalte in einem schnell umgebauten Sendeplan. Sie sind online.

Diese Freiheit aber kann sich gegen sie wenden, und auf jedes Großereignis folgt verlässlich die – oft berechtigte – Kritik an der laufenden Berichterstattung. Einige der Probleme, die dabei regelmäßig zutage treten, sind systembedingt. Sie rühren von Paradoxien her, die sich kaum auflösen lassen. In mindestens fünf Fällen sind wir schuldlos schuldig im Sinne der Anklage.

Wir sind Teil des Rauschens, das wir bekämpfen

1. Wir können nicht nicht kommunizieren.

Sollten wir nicht unsere Geschwindigkeit drosseln? Sollten wir nicht zumindest so lange mit unserer Berichterstattung warten, bis wir eine Lage etwas besser einschätzen können? Bis wir wissen, ob jemand ein Amokläufer ist oder ein Terrorist? Bis wir wissen, ob der Putsch in der Türkei echt oder inszeniert ist? Wer genau dahintersteht? Oder auch nur, wie viele Menschen gestorben sind?

Unsere Leser, die solche Fragen häufig stellen, haben ja recht: Oft klären sich selbst die einfachsten Zusammenhänge erst Tage nach einem Ereignis, die komplexeren brauchen manchmal Jahre oder Jahrzehnte.

Und doch können wir uns nicht zurückhalten, während um uns andere Medien und dazu unsere Mitmenschen im Social Web auf Sendung gehen, mal von Schusswechseln an verschiedenen Orten in München die Rede ist und von drei Tätern, dann wieder von einem. Wir können nicht schweigen, während die Zugriffe auf alle Nachrichtenwebsites sprunghaft ansteigen, weil Leser dort nach valideren Informationen suchen – nur, weil auch wir diese Informationen noch nicht besitzen. Das wäre bigott.

Die Möglichkeit, sofort berichten zu können, schließt die Verpflichtung ein, es zu tun.

2. Wir sind Teil des Rauschens, das wir bekämpfen.

Da wir in unklaren Lagen berichten müssen, bleibt nur zu wägen, was. Auch dafür gibt es in vielen Redaktionen Routinen. Bei ZEIT ONLINE etwa nehmen die Investigativ-Teams von Online und Print im sogenannten Bunker die Arbeit auf, einem Chatraum, der ausschließlich der Verifikation von Informationen dient. Sein Name klingt seltsam, die Idee dahinter ist ehrenwert: Jede Information, die wir als Faktum darstellen, ist durch zwei unabhängige Quellen bestätigt. 

Im Bunker entsteht auch ein zentrales Dokument, das regelmäßig zu den meistgelesenen gehört: Ein Artikel mit allem, "was wir wissen", intern kurz Wawiwi genannt, den wir so schnell wie möglich prominent auf der Homepage platzieren. Das Wawiwi enthält alle gesicherten Fakten sowie jene, die wir noch nicht verifizieren konnten – und vor allem jene, die sich als falsch herausgestellt haben.

Das Wawiwi ist das Beste, was uns einfällt, um jenes Rauschen an Vermutungen, Gerüchten, Expertenmeinungen zu filtern, das es so schwer macht, das Wesentliche herauszuhören. Aber auch wir produzieren Rauschen. Denn schon die Frage, welche Fakten wesentlich sind, lässt sich oft schwer entscheiden.

Unter welchen Umständen etwa ist es wichtig, ob ein Mensch, der auf andere mit einer Schusswaffe losgeht, einen deutschen und einen iranischen Pass besitzt? Deutet diese Information auf einen islamistischen Hintergrund hin? Oder auf eine gebrochene Einwanderer-Biografie, die in einem Amoklauf mündet? Oder ist die Information in diesem Zusammenhang vor allem eines: irreführend? Bei ZEIT ONLINE wurde selbst diese vermeintlich kleine Frage ausführlich diskutiert. (Wir entschieden uns für die Nennung.) Dass diese Information ohnehin überall zu lesen ist, spielt dabei eine untergeordnete Rolle: Wenn das Rauschen anschwillt, ist auch das, was wir nicht kommunizieren, ein Statement.

Das ist das Wittgenstein-Programm für Livemedien: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

Selbstreflexion kann gerade dann wichtig sein, wenn es um Sekunden geht. So fand der britische Guardian die Zeit, bereits in seiner ersten Eilmeldung zu den Schüssen in München darauf hinzuweisen, dass es kurz zuvor in Würzburg eine islamistisch motivierte Tat gegeben hatte und davor in Nizza. Und natürlich wären Schüsse in München den globalen Medien ohne diesen Kontext nicht so schnell eine Meldung wert.

Ebenso viel Zeit für die kritische Prüfung dieser Eilmeldung wäre dennoch gut investiert gewesen. Durch die sehr frühe Einbettung in einen solchen Kontext wird einfach jede öffentliche Gewalttat, auch die eines verwirrten jugendlichen Amokläufers, noch im Entstehen zu einem Werk des "Islamischen Staats" (IS). Das ist die dritte Paradoxie der Livemedien:

Es ging uns nie so gut, es war noch nie so dramatisch

3. Wir spielen mit bei einer Inszenierung, die wir durchschauen.

Jede Tat, die im Namen des IS begangen wird, wird von ihm im Nachhinein reklamiert. Er gibt damit den Taten aller Verzweifelten, die in Gewalt einen Ausweg sehen, einen höheren Sinn. Es genügt, sich in Tagen zu radikalisieren, um einen anerkannten Heldentod für den IS zu sterben. Auch Taten, die sich gar nicht auf ihn berufen, umarmt der "Islamische Staat" mit Freuden: Alles, was Ungläubigen schade, mache den IS glücklich, twitterte ein inoffizieller Account nach dem Münchener Amoklauf.

Diese PR-Strategie ist raffiniert. Es ist Teil der Raffinesse, dass wir sie durchschauen und dennoch nichts dagegen unternehmen können. Wir können nicht verschweigen, dass irgendein unglücklicher Kleinkrimineller sich in lächerlich kurzer Zeit den Ideen des IS zugewandt hat, auch, wenn dessen Ziele für ihn in seinem gesamten vorigen Leben keine Rolle gespielt haben.

Wider besseres Wissen sind Medien ganz allgemein Teil eines Perpetuum mobile öffentlicher Gewalt: Unsere Berichte darüber motivieren andere erst, aktiv zu werden. Je aktueller wir berichten müssen, desto weniger Zeit bleibt uns, zu reflektieren, ob wir überhaupt berichten sollten. Jede Messerattacke könnte schließlich ein politischer Akt sein, und manchmal ist sie es auch.

4. Es ging uns noch nie so gut, es war noch nie so dramatisch.

Die Armut nimmt weltweit ab, der Analphabetismus geht zurück, die Kindersterblichkeit sinkt, die Lebenserwartung steigt, es gab noch nie so wenige Kriegsopfer, selbst die Terror-Opferzahlen sind auf keinem historischen Hoch, auch, wenn es sich so anfühlen mag.

Zum Gefühl, dass die Welt aus einem steten Strom von Lagen besteht, tragen Livemedien in besonderem Maße bei. Selten ist ihnen die Tatsache, dass die Welt schon wieder nicht auseinanderfällt, eine Meldung wert – wie kürzlich dem Onlinemagazin Slate.

"+++ Eil +++ Welt erneut besser geworden +++" ist Ihnen, liebe Leser, als wichtige Pushnachricht auf ihrem Handy schwer vermittelbar. Das gehört seit jeher zu den gängigen Medienzynismen. Dennoch werden wir solche positiven Pushnachrichten bald testen und sind gespannt, wie Sie reagieren. (Wollen Sie beim Test dabei sein? Hier geht es zu unserer iOS-App, hier zu der für Android.)

Zahlenhuberei alleine bringt uns im Übrigen nicht weiter. Der beliebte Hinweis, dass es statistisch gesehen wahrscheinlicher ist, vom Blitz getroffen zu werden oder im Straßenverkehr zu sterben als bei einem terroristischen Anschlag, ist ein Denkfehler aus der Vorschule der Risikobewertung. Risiken lassen sich nicht so einfach gegeneinander aufrechnen. Auch Raucher dürfen Angst vor Kernkraftwerken haben.

Kennen Sie Oknos?

5. Unsere eigene Medienkritik denken wir bereits mit.

Dies ist die Paradoxie, die alle anderen umfasst: dass wir um viele unserer Fehler wissen, und sie doch täglich neu begehen, weil sie unvermeidbar sind oder uns so scheinen.

In der Redaktion diskutieren wir täglich, oft lange und mit Leidenschaft über die Ausrichtung unserer Berichterstattung, über mögliche und tatsächliche Fehler. Diese Debatte tragen wir viel zu selten nach außen. Auch das wollen wir ändern. In einigen Wochen werden wir damit beginnen, unsere Diskussionen und Fehler an zentraler Stelle zu dokumentieren.

Kennen Sie Oknos? Oknos gehört zu den Verdammten der griechischen Mythenwelt und ist ein Kollege des bekannteren Sisyphos, der in der Hölle jeden Tag aufs Neue einen Fels den Berg hochrollt, nur damit er kurz vor dem Gipfel wieder ins Tal purzelt.

Oknos muss auf ewig ein Seil aus Binsen flechten, dessen fertiges Ende anschließend immer wieder von einem Esel gefressen wird.

Wir müssen uns Oknos als Onlinejournalisten vorstellen.