Leben und Sterben, Geburt und Tod können sich sehr ähnlich sein, findet Christiane Schwan. An warmen Tagen, wenn der Himmel ohne Wolken ist, schwingt sich die 49 Jahre alte Frau mit dem grauen Lockenschopf auf ihr E-Bike und strampelt in einer halben Stunde von ihrem deutschen Dorf über die Schweizer Grenze nach Basel. Vor ihr liegen viele Stunden Arbeit, in denen sie Männern und Frauen aus den Betten hilft, Körper wäscht, Wunden pflegt, Sondennahrung verabreicht. Ein normaler Tag im Leben einer Krankenschwester. Mit dem Unterschied, dass sie ihre Patienten Bewohner nennt und weiß, dass keiner von ihnen mehr gesund werden wird. Wer ins Lighthouse kommt, ist dem Tod näher als dem Leben: Chronisch-Kranke mit HIV-Infektion, Multiple Sklerose oder Chorea Huntington verbringen hier ihre letzten Jahre.

Erst seit einem Monat kümmert sich Schwan um die 18 Bewohner auf den zwei Stockwerken des Wohnheims. Freunde schütteln darüber den Kopf. Ihnen erscheint der Übergang zu extrem, die neue Arbeit nicht vereinbar mit dem, was sie früher getan hat. Denn bevor Schwan beschloss, sich dem Lebensende von Menschen zu widmen, hat sie Lebensanfänge begleitet. Als Hebamme.

Die Entscheidung fiel an einem Oktobertag im vergangenen Jahr. Schwan saß mit ihren drei Kolleginnen zusammen. Gemeinsam leiteten sie das Geburtshaus in Lörrach, am Rande Baden-Württembergs. Eine Betriebspsychologin hatte vorgerechnet, was die Frauen schon lange spürten: Die drei erledigten die Arbeit von sieben. Sie gaben nach 17 Jahren auf. "Wir wollten nicht riskieren, irgendwann schwere Fehler zu machen, weil wir übermüdet und überarbeitet sind", sagt Schwan.

"Wir waren einzigartig in Deutschland"

Sie selbst hatte in dem Geburtshaus das gefunden, was sie zuvor in Afrika und England gesucht hatte. "Ich wusste lange nicht, wer ich bin und wohin ich will", erzählt sie. In Kapstadt kümmerte sie sich nach dem Abitur um die Angehörigen von politisch Gefangenen. Nach einem Jahr kehrte sie mit dem Wunsch nach Deutschland zurück, etwas zu lernen, mit dem sie den Menschen dort helfen konnte. Sie wurde Krankenschwester. Doch die Arbeit erfüllte sie nicht. Zum ersten Mal dachte sie daran, Hebamme zu werden. Sie ging nach London. Das Ansehen der Hebammen in England war gut, die Ausbildung fortschrittlich, der internationale Abschluss die beste Voraussetzung, um wieder nach Afrika zu gehen. Doch stattdessen zog sie in den Schwarzwald, der Liebe wegen, und blieb.

Schwan half 1999 das Geburtshaus aufzubauen. "Wir waren einzigartig in Deutschland", erzählt sie heute noch mit Stolz in der Stimme. Ihre Einrichtung kooperierte mit dem St. Elisabethen-Krankenhaus, befand sich sogar auf dem Klinikgelände. Ein Modell, das eigentlich Zukunft haben sollte. Denn es gab Schwan, ihren Kolleginnen und den Schwangeren zusätzliche Sicherheit, weil Ärzte und Kreißsaal nie mehr als ein paar Schritte entfernt waren.