Mit Blaulicht rasen die Mannschaftswagen der Polizei vor die Wohnblocks in der Neustadt von Hoyerswerda, von den Ladeflächen springen behelmte Polizisten. Die Betonfassade des Plattenbaus in der Albert-Schweitzer Straße 21 ist durch Brandsätze geschwärzt, Fensterscheiben sind eingeworfen. Draußen steht eine Menschenmenge, grölt und randaliert. Drinnen, unter den Bewohnern aus Mosambik, Angola, Ghana und Kuba, herrscht Panik.

Auch Polizeimeister Karsten Hilse, 27, schiebt sich mit seinem Schild durch die Masse der etwa 200 Angreifer und Schaulustigen. Sie zurückdrängen, lautet die Anweisung des Einsatzleiters, einen Korridor schaffen zwischen ihnen und dem belagerten Haus. Die Arbeiter aus den DDR-Bruderländern schufteten bis vor Kurzem im südbrandenburgischen Kohletagebau, in der Kokerei Lauchhammer oder im nahen Kraftwerk Schwarze Pumpe. Doch der Systemwechsel hat sie arbeitslos gemacht. Man sieht sie jetzt den ganzen Tag hier auf der Schweitzer-Straße, sie fallen auf mit ihren coolen T-Shirts und ihren Kassettenradios japanischer Marken. Das Gerücht geht um, sie hätten ihren Lohn zum Teil in Westmark erhalten. Das schürt Neid unter den Einheimischen mit ihren ostigen, farblosen Einheitsklamotten.

Am 17. September 1991 fliegen die ersten Steine.

Die nächsten fünf Tage ist Hilse hier im Einsatz, jeweils 16 Stunden, dazwischen acht Stunden Schlaf. Fünf Tage randalieren einheimische und zugereiste Neonazis gemeinsam mit Mitläufern, angestachelt von Schaulustigen. Molotowcocktails fliegen auf die Polizisten und das Haus. Einige Krawallmacher werden festgenommen. Am fünften Tag kommt endlich die Bundespolizei zu Hilfe.

Die Einsatzleitung entscheidet: Die Ausländer müssen raus. In eine Jugendherberge im hundert Kilometer entfernten Pirna, die Zuflucht gewähren will. Als die Bedrängten in Bussen aus der Schweitzer-Straße abtransportiert werden, zerschmettert ein Stein ein Seitenfenster, die Belagerer jubeln. "Was da passierte, war für mich ein Kulturschock", erzählt Hilse heute. Eine solche Gewaltbereitschaft kannte die als Staatsgewalt respektierte Polizei damals nur von Fußballrowdys. Doch Randale mitten im Wohngebiet, gegen Ausländer und Uniformierte zugleich? "Das war auch eine Folge der plötzlichen Meinungsfreiheit", sagt Hilse.

Hilse sagt das 25 Jahre danach nicht nur als Polizist, sondern auch als Ortsgruppenchef der AfD.

Die fünf schwarzen Tage von Hoyerswerda sind bis heute ein Trauma für die Stadt. Zeitgleich brennt es auch in Saarlouis, ein Jahr später in Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen. Doch keiner dieser Orte ist so stigmatisiert wie Hoyerswerda. Dass "ausländerfrei" 1991 Unwort des Jahres wurde, liegt auch an der Belagerung der Schweitzer-Straße. Auf Deutschlandreisen gaben Hoyerswerdaer in den 1990er Jahren schamvoll vor, "aus der Nähe von Dresden" zu kommen. Seit 2008 tragen die Autos das Kennzeichen BZ der Kreisstadt Bautzen. Erst seitdem, sagt eine Anwohnerin, werde sie auf Reisen nicht mehr auf ihre Stadt angesprochen.

Der Ruf von Hoyerswerda ist bis heute ruiniert. Doch die Angst, das Grauen von 1991 könne sich wiederholen, hat auch bewirkt, dass diese Stadt anders als andere Orte in Sachsen mit Rechtsextremen umgeht. Dass sie aufmerksamer ist.