Die Dortmunder Nordstadt ist ein sozialer Brennpunkt. Viele Migranten haben hier über Generationen Wurzeln geschlagen, finden aber kaum Berührungspunkte zu Deutschen und deren Angeboten. Doch mittendrin ist etwas entstanden, das alte Strukturen aufbricht: Damit Kinder mit Migrationshintergrund so früh wie möglich eingebunden werden ins deutsche Bildungssystem, hat die Stadt sogenannte Kinderstuben eingerichtet. In Mietwohnungen und Ladenlokalen in direkter Nachbarschaft zu den Familien werden Kinder betreut, noch bevor sie in den Kindergarten kommen.

Die Kinderstuben erreichen deshalb auch viele bildungsferne Eltern, die wegen mangelnder Deutschkenntnisse und Informationen nicht auf die Idee kommen, ihren Nachwuchs in einer Kita anzumelden. Das Projekt wurde jüngst in Berlin mit dem Preis "Soziale Stadt" des Bundesbauministeriums ausgezeichnet.

Vor acht Jahren wurden die Kinderstuben an der Grundschule Kleine in der Dortmunder Nordstadt ins Leben gerufen. Die Schule hatte beobachtet, dass der Förderbedarf bei den Schulanfängern kontinuierlich stieg. 37 Prozent der Vierjährigen des Stadtteils besuchten keine Tageseinrichtung, und von den restlichen 63 Prozent der Kinder hatte nur ein einziges die erste Phase des damals üblichen Delfin4-Sprachtests bestanden. Aktuell werden in Nordrhein-Westfalen die Sprachtests durch Grundschullehrer nur noch bei den knapp 20 Prozent der Kinder durchgeführt, die mit vier Jahren (noch) keine Kita besuchen, die die Bildungsfortschritte dokumentiert.

Eltern können jederzeit vorbeischauen

Überproportional viele Kinder, die in keine Kita gehen, leben in den Wohnblöcken, in denen vornehmlich Familien aus bildungsfernen, wenig integrierten Schichten zu Hause sind. Die Kinderstuben sind der Versuch, den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildung aufzulösen oder wenigstens zu mildern. "Da die Kinderstuben direkt bei den Wohnungen sind und die Eltern jederzeit bei uns reinschauen können, schaffen wir Transparenz und Vertrauen", so begründet Fachberaterin Gudrun Adrian-Koch, dass die Migranten das Angebot gerne annehmen.

Yuzlem Ismail ist eine der Mütter. Sie begleitet ihre dreijährige Tochter Halil und sieht mit Vergnügen, wie das Mädchen mit anderen Kindern spielt. "Meine Tochter spricht inzwischen besser Deutsch als ich. Mir ist das wichtig, weil wir in Deutschland bleiben wollen. Wenn sie die Sprache beherrscht, kann sie später alles werden." Auch Hilal wird im Anschluss an die Kinderstube einen Platz in einer städtischen Kindertageseinrichtung bekommen, bevor sie in die Schule geht.

Dann – so sieht es das Konzept vor – wird Hilal gut Deutsch sprechen und problemlos dem Unterricht folgen können. Die Mädchen und Jungen zwischen eins und vier Jahren, die meist türkische und immer häufiger syrische und afrikanische Wurzeln haben, bekommen in den Kinderstuben auch die Gelegenheit, sich viel zu bewegen und soziale Regeln zu lernen.

"Bei uns läuft alles über Sprache", sagt Adrian-Koch. Damit das Deutschlernen gelingt, ist jede der pädagogisch ausgebildeten Tagesmütter für maximal drei Kinder zuständig. In einer Kinderstube sind bis zu neun Kinder. Die Betreuung ist gebührenpflichtig – für Eltern, die ein Einkommen erzielen. Für die vielen Eltern, die in diesem Stadtteil keine Arbeit haben oder über ein geringes Einkommen verfügen, übernimmt die Stadt die Kosten.