Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Aktuelles

Erstens: Kürzlich begegnete dem Kolumnisten, in Berliner herrschaftlichen Hallen, ein Arzt. Genauer gesagt: ein Oberarzt, ein oberster Arzt, ein Arztpräsident. Aus den Schatten der Gewölbe eilte er auf den Kolumnisten zu, reichte ihm die heilende Hand und rief: "Ach da ist ja der Mann, der sich aus allen zukünftigen Prozessen gegen Ärzte selbst herausgekegelt hat!" Dann zog es ihn weiter, der nächsten Heilung entgegen, und während der erschöpfte Kolumnist dem Phantom hinterhermurmelte: "Da irren Sie aber gewaltig!", hallte noch das Echo aus dem Foyer: "…für alle Zeiten!" Wir fragen: War das jetzt eine Meldung? Oder ein Traum?

Zweitens: Normalerweise zählt das Toronto Film Festival nicht zu meinen Lieblingsevents, und ich hätte nicht erwähnt, dass dort Veronica Ferres von Werner Herzog hergezeigt wird. Aber große rechtspolitische Veränderungen werfen ihre cineastischen Schatten voraus und so muss ich auf den Film Birth of a Nation hinweisen, der von den gefühlt 124.000 berühmtesten Filmkritikern von Hollywood noch vor Fertigstellung der ersten Schnittfassung zum nächsten Oscar-Abräumer gekürt wurde, also vermutlich vor Schweiß, Tränen und Ultra-HD nur so trieft. Ich kenne den Film nicht, weiß aber, dass der Regisseur Nate Parker 36 Jahre alt ist.

Dieser Nate Parker wurde vor 17 Jahren – es war im Jahr 1999 und er war damals 19-jährig – angeklagt, eine sexuelle Nötigung begangen zu haben. Ergebnis: Er wurde von diesem Vorwurf rechtskräftig freigesprochen.

Dieser Skandal verstört unsere sensiblen nordatlantischen Freunde zutiefst und führt zu einer leidenschaftlichen Debatte, ob es erträglich sei, dass ein Mann mit einer solchen Vergangenheit einen Film vorführen darf. Fox News und Co. bieten zur Klärung der Frage Moderatorinnen mit noch kürzeren Röcken als sonst und knapp vor dem Nippelgate auf, die trotzdem jederzeit auf die Bibel schwören, dass sie seit 33 Jahren nur mit Jesus und Barbie ins Bett gehen.

Eine Auswahl der ZEIT-ONLINE-Kolumnen von Thomas Fischer finden Sie auch in seinem Buch "Im Recht. Einlassungen von Deutschlands bekanntestem Strafrichter". Es ist im März 2016 bei Droemer erschienen. © Droemer

Die Hauptdarstellerin des Films lässt den Oscar-Traum noch nicht fahren und fordert deshalb das Publikum auf, "trotz der Vergangenheit" des Regisseurs ins Kino zu kommen, die Gefühle darüber aber "mitzubringen". Wir freuen uns auf viele interessante YouTube-Dokumentationen.

Und wir finden: Eine schöne Geschichte aus dem Land, in dem Literaturstudenten von ihrer Universität 250.000 Dollar Schadensersatz dafür fordern, dass sie beim Lesen eines Buchs eines gewissen Mark Twain auf das Wort "Nigger" gestoßen sind, was bei ihnen eine posttraumatische Belastungsstörung verursachte, sodass sie schon seit sechs Monaten ein Zittern im Mausfinger haben und keine Ego-Shooter-Spiele mehr spielen können.

Ich erzähle Ihnen das alles nur, um Sie rechtzeitig darauf vorzubereiten, auf welche Tiefen sich ein durchgeknalltes Moralstrafrecht erniedrigen lässt. Wir bleiben dran.

Richter und Yakzüchter

Zur Sache: Die Serie Rechtsbeugung I – IV der vergangenen Wochen bedarf eines kleinen Nachtrags. Sie hat die strukturellen Abhängigkeiten, Hierarchien, Prägungen und Blickwinkel, welche die Justiz auch ein wenig mitbestimmen, überwiegend aus einer Innenperspektive geschildert. Auch insoweit ist – hoffentlich – klar geworden, dass "Rechtsbeugung" als Verbrechen (Paragraf 339 StGB) weder Ziel noch Hobby von Richtern und Staatsanwälten ist, weder allgemeines Funktionsprinzip noch schulterzuckend in Kauf genommener "Reibungsverlust" zur Sicherung von "Pfründen" und Bequemlichkeit. Behauptungen dieser Art, immerzu wiederholt an den Stammtischen innerhalb und außerhalb des Internet, sind dummes Zeug und etwa so plausibel wie die Behauptung, Ingenieuren sei es regelmäßig gleichgültig, ob ihre Kraftwerke explodieren.

Das ist so unsinnig wie das Lamentieren über die Faulheit der Lehrer, die Lebensfremdheit von Professoren, die Geldgier von Ärzten oder die Menschenfeindlichkeit von Beamten. Alle diese Vorurteile sind evident falsch. Und haben doch, wie uns die Weltliteratur zeigt, wahre Kerne. Diese bedürfen aber zur richtigen Einordnung eines nicht ganz unerheblichen Maßes an selbstkritischer Intelligenz, welche der Masse der Schlaumeier fehlt und aus deren Anwendung sich häufig ergibt, dass der eigene Achselschweiß auch nicht frischer riecht als der jeweils fremde.

Dies wiederum ist eine bittere Botschaft für diejenigen, die durch bescheidene Entfaltung ihrer Fähigkeiten eine Stellung erlangt haben, welche die Überlegenheit über mindere Geister quasi automatisch impliziert, ihnen sich also praktisch ungewollt aufdrängt. Für sie ist es eine kaum erträgliche Zumutung, mit überflüssigen Fragen belästigt zu werden, welche nicht allein einer Antwort bedürfen, sondern sie zusätzlich auch noch von Wichtigerem, sprich: der notwendigen Arbeit, abhalten.

Wenn zum Beispiel eine Delegation von zwei schlitzäugigen Kleinwüchsigen aus der Inneren Mongolei beim obersten Rat der Weisen von Zentralasien Auskunft ersuchen würde, wie dessen tausend Jahre altes Weistum "Es gibt nichts unter der Sonne, was über das Yak nicht bedacht werden dürfte, aber nichts Genaues weiß man nicht" vereinbar sein könne mit neuen Weistümern von Yakzüchtern, wonach alles, was bei der Zucht bedacht werden kann, beim Yakverkauf dem Interessenten auch gesagt werden können muss. Und wenn dann einer sagte, er verbitte sich, durch dämliche Fragen solcher Art beim Nachdenken gestört zu werden: Was würde die langhaarige Ziege des Himalaya dazu sagen? Wenn Sie diese Märchenfrage nicht verstehen: Vergessen Sie es.

Justiz und Verfassung

Ausflüge in die Landwirtschaft werden vom Kolumnisten nicht erwartet, obwohl er sowohl des Rüben-, als auch des Kartoffel-, Zwetschgen-, Mais- und Weizenerntens kundig ist, vom Melken und Misten ganz zu schweigen.

Schauen Sie sich, liebe Leserinnen und Leser, einmal die Verfassung der Bundesrepublik, an; sagen wir: Art. 20 Abs. 2 und 3, Art. 92 bis 104. Da ist von den "drei Gewalten" die Rede, wenn auch nicht wörtlich (man soll es ja nicht gleich übertreiben).

Die Justiz soll die "dritte" sein: "besondere Organe der Rechtsprechung". Was ist ein besonderes Organ? Wenn nun morgen der "Regierungssprecher Steffen Seibert" (sagen wir es einmal halbwegs ausführlich: Staatssekretär Steffen Seibert, Amtschef des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung [nicht: der Bundesrepublik!] und Sprecher der Bundesregierung) oder gar Starreporterin Hanni Hüsch aus London oder Filmstar Natalia Wörner zu "besonderen Organen" bestimmt würden, zum Beispiel durch eine Entschließung des Bundestags, die zwar total wirksam und wichtig, zugleich (!) aber für die Bundesregierung völlig unverbindlich ist.