Martin Luther wollte sagen, was wahrhaft christlich ist – und was eben nicht. Das schwang in diesem Jahr in vielen Debatten wieder mit: in der Flüchtlingspolitik, in der Sozialpolitik und in der Auseinandersetzung mit der AfD.

Wir baten Prominente um ihre persönliche Antwort auf die Frage, was für sie der Kern des Glaubens sei. Es haben uns Theologen und Politiker geantwortet, Dichter und Kabarettisten, Wirtschaftsbosse und Journalisten. Wir fragten Protestanten und Katholiken, Juden und Muslime – und Atheisten.

Ihre Thesen veröffentlichen wir nun zum Reformationstag, der zugleich Auftakt ist für das 500jährige Reformations-Jubiläum. Denn im Oktober 1517 schlug Martin Luther 95 Thesen ans Kirchenportal in Wittenberg. Eine Auswahl der Thesen finden Sie hier im Folgenden.

Einige Prominente haben uns auch ein Video-Selfie mit ihrer These geschickt. Wenn Sie, liebe Leser, auch sagen wollen, was für Sie heute christlich ist, was für Sie der Kern Ihres Glaubens ist, dann posten Sie es auf Twitter und Facebook unter dem Hashtag: #wasistchristlich. Wir möchten die besten Beiträge dazu versammeln.

Reformationstag - Was ist heute christlich? Martin Luther wollte vor 500 Jahren sagen, was wahrhaft christlich ist und was nicht. Das schwingt auch heute in vielen Debatten wie in der Flüchtlingspolitik mit. DIE ZEIT hat Autoren und Theologen nach dem Kern ihres Glaubens gefragt.

Die Thesen

"Und meine ungläubigen Lippen beten voller Inbrunst / Zu Mensch, dem Gott all meiner Gläubigkeit." Mein lebenslängliches Credo, so singe ich es im Großen Gesang. Menschen, an die einer wie ich glaubt, sind wunderbar verschieden. Aber gleich sind sie auch. Jedoch nur in ihrer Gleichheit vor dem Gesetz. Juden und Christen haben diese Egalität mit den Zehn Geboten festgeschrieben. Das garantiert eine lebendige Demokratie.
Wolf Biermann, Liedermacher

Das Christentum ist nach Karl Barth ein anderes. Karl Barth hat den Gottesbegriff mit dem Begriff der Vollkommenheit in jeder denkbaren Hinsicht identifiziert. Der Begriff ist in hohem Maße selbstwidersprüchlich. Es bleiben zwei Möglichkeiten: Man glaubt nicht mehr an Gott. Oder man glaubt an einen unvollkommenen Gott, dessen Eigenschaften man gemäß persönlichen Vorlieben ausgesucht hat.
Ernst-Wilhelm Händler, Schriftsteller

Das Christentum ist die Religion der Nächstenliebe. Eine Gesellschaft, die in erster Linie auf Eigenliebe und Egoismus setzt, in der Reichtum ebenso erblich ist wie Armut, in der die profitabelsten Konzerne die niedrigsten Steuern zahlen, während viele Menschen trotz harter Arbeit nicht mehr zu wirklichem Wohlstand gelangen, ist nicht nur ungerecht, sondern auch unchristlich. Sie muss verändert werden.
Sahra Wagenknecht, Die Linke, Oppositionsführerin

Lesen Sie dazu die Titelgeschichte der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016: 95 Antworten auf die Frage: Was ist heute christlich?

Christ zu sein bedeutet für mich, an Gott zu glauben, an die Auferstehung und an die versöhnende Botschaft des Neuen Testaments, verkörpert durch Jesus Christus. In der Welt von heute bedeutet Christ sein für mich auch, in die Welt zu gehen, in der Welt zu bestehen und in der Welt zu handeln - in Verantwortung und Demut vor Gott.
Thomas de Maizière, Bundesinnenminister

Mein Namenspatron ist der Apostel Thomas, der Zweifler. Auf den ersten Blick kein passender Nothelfer für einen Fußballprofi. Der muss oft blitzartig entscheiden – ohne Beweise und Garantien. So habe ich den heiligen Zweifler allmählich verstanden. Er hatte wohl eigens für die Gemeinheiten des Alltags trainiert. Mobbing? Sofort einschreiten! Rassismus: reflexartig reagieren! Bashing? Partei ergreifen. Dazwischengehen. Dazu muss man kein Heiliger sein. Nur ein bisschen so, wie damals Martin Luther.
Thomas Hitzlsperger, ehemaliger Fußballnationalspieler

Im Volke Gottes soll keine Armut und Bettelei sein, sprach Luther. Doch wie vor 500 Jahren gibt es Armut und Bettelei. Sind wir also kein Volk Gottes? Und welches Volk wäre eines?
Roland Kirbach, ZEIT-Autor

Der Schatz der Kirche sind nicht die Kirchensteuerzahler, sondern die, die von Herzen geben.
Gerhard Polt
, 74, Kabarettist

Christlich ist das Staunen darüber, dass unsere Welt noch immer nicht von Gott verlassen ist. Und christlich ist die Demut, die bereit ist, die Maße des Menschlichen anzuerkennen.
Hannah Kasparick, Direktorin des Evangelischen Predigerseminars Wittenberg