Seit ein paar Monaten ist Eyüp Kalyon mit 26 Jahren zweiter Imam an der Zentralmoschee in Essen. Hauptsächlich ist er für die Jugend zuständig und für die Außenkontakte mit Behörden, Vereinen vor Ort und interreligiösen Foren wie der Arche Noah. Seine Großeltern kamen als Gastarbeiter aus der Türkei, er selbst ist gebürtiger Wuppertaler mit deutschem Pass und deutschem Abitur. Mithin begegnet er Menschen in der Moschee und draußen auf Augenhöhe, akzentfrei in mindestens zwei Sprachen, Deutsch und Türkisch. Auch sonst präsentiert er sich eher unauffällig in Jeans und Anorak. Und selbstverständlich gibt er auch Frauen die Hand, wie das hierzulande üblich ist. Dieser Imam ist kein Fremder.

Kalyon kam mit einem doppelten Abschluss in sein Amt, dem theologischen Bachelor von der Marmara-Uni in Istanbul und dem Befähigungsnachweis der staatlichen türkischen Religionsbehörde (Diyanet). Die Ausbildung dauerte fünf Jahre. In Essen arbeitet er jetzt als Angestellter des Religionsattachés beim türkischen Konsulat. Er hat ein Einstiegsgehalt von mehr als 2.000 Euro, ähnlich einem hiesigen Sozialpädagogen. Seine Ehefrau, eine deutsche Lehrerin türkischer Abstammung, trägt zum Einkommen der jungen Familie bei. Dazu gehört inzwischen auch ein Kind. 

Der deutsche Imam ist eine Ausnahme. Fast alle seiner rund 1.000 Kollegen an mehr als 900 Moscheen des vom türkischen Staat finanzierten Dachverbands Ditib in Deutschland sind sogenannte Import-Imame aus der Türkei, die hierzulande meist fünf Jahre arbeiten, oft ohne viel Verständnis für die deutsche Sprache und Kultur. Auch sie werden vom türkischen Staat bezahlt, die Ortsgemeinde muss nur eine Wohnung stellen. Manche haben nach dem jüngsten Putschversuch in der Türkei entschieden für ihren Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan Partei ergriffen und sind dafür einhellig aus der deutschen Politik kritisiert worden.

Vor diesem Hintergrund kündigt Zekeriya Altug vom Ditib-Bundesvorstand, ein Physiker mit Doktor der Uni Kiel, eine geistige Wende an, so etwas wie eine "Eindeutschung" seines Verbandes:  In zehn Jahren werden mindestens die Hälfte der Imame in Deutschland aufgewachsen und voll integriert sein, verspricht er. Damit würde Ditib, ein Ableger der türkischen Religionsbehörde, eine wichtige Forderung deutscher Politiker und der Islamkonferenz erfüllen.


Um auf mindestens 500 deutsche Imame zu kommen, will Ditib sich laut ihrem Sprecher künftig auch  Absolventen des deutschen islamischen Theologiestudiums gegenüber "offen zeigen". Nach dem Krach mit dem  Münsteraner Professor Mouhanad Khorchide vor drei Jahren erscheint das Angebot aber höchstens lauwarm.  Damals bezeichnete Ditib den Hochschullehrer als " nicht tragbar" und warnte: "Es ist nicht auszuschließen, dass Absolventen später in ihrem Berufsleben aufgrund ihres Studium benachteiligt werden."

Hierzulande studieren derzeit immerhin rund 2.000 Muslime islamische Theologie, überwiegend Frauen. Die Ersten kamen vorigen Herbst zum Abschluss, gut zwei Dutzend in Osnabrück. Doch können bei Ditib nur Männer Imame werden.  

Alternativen zum Geld aus der Türkei sind rar

Für die Bewerber ist es dahin allerdings noch ein weiter Weg, wie Altug ZEIT ONLINE sagte: "Die Berufsausbildung ist nicht Aufgabe der Universitäten. Als Ditib wäre es unsere Aufgabe, den Absolventen eine entsprechende Ausbildung im Bereich der Imamtätigkeit zu bieten", ähnlich den katholischen Priesterseminaren oder dem Vikariat in der evangelischen Kirche. Ein Hauptproblem bleibt die Besoldung der neuen deutschen Imame. "Wir müssen uns langfristig nach Alternativen in der Finanzierung umschauen", sagt Altug. Aber Alternativen zum Geld aus der Türkei erscheinen schwierig, da die Moschee-Gemeinden bislang  keine festen Mitgliederbeiträge erheben. 

Als Lichtblick in dieser Situation verweist Altug auf Ditib-Auslandsstipendien für den Internationalen Studiengang Islamische Theologie in Istanbul und Ankara, von denen auch Kalyon profitierte. Bislang haben 150 Ditib-Stipendiaten abgeschlossen, aber nur 60 davon wurden hauptberuflich Imame – allesamt freilich im Dienst und Sold des türkischen Religionsattachés.