Noch vor Kurzem galt es als ausgemacht, dass Frauen in Deutschland immer weniger Kinder bekommen. Doch der Trend hat sich bereits vor fünf Jahren gedreht. Im vergangenen Jahr stieg die Geburtenrate noch einmal deutlich an: Die sogenannte Geburtenziffer ist in Deutschland zum ersten Mal seit 33 Jahren wieder auf den Wert von 1,5 je Frau gestiegen.Wie kann das sein?

Eine Antwort lautet: Vor allem Familien mit ausländischem Pass haben die Geburtenrate steigen lassen. Die Quote stieg bei Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit im vergangenen Jahr von 1,86 auf 1,95 Kinder, weit stärker als bei deutschen Frauen. Dort nahm die Geburtenrate lediglich von 1,42 auf 1,43 Kinder zu. Woran liegt das? Hängt das auch mit der Zuwanderung von Hunderttausenden Flüchtlingen im vergangenen Jahr zusammen?

Wohl kaum, sagt Sebastian Klüsener, der am Max-Planck-Institut für demographische Forschung in Rostock arbeitet. Die meisten Flüchtlinge kamen in der zweiten Jahreshälfte in Deutschland an, oftmals reisten die Männer ohne ihre Frauen ein. Noch sei der Zuwanderungseffekt in den Daten kaum sichtbar. Zwar hat sich die Zahl der Kinder von syrischen Müttern in Deutschland im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt (von 2.281 auf 4.829 Kinder), doch im Vergleich zu anderen Nationalitäten ist die Kinderzahl weiter gering. Stattdessen hätten im vergangenen Jahr vor allem Familien aus ost- und südosteuropäischen Ländern zum Anstieg der Geburtenzahlen beigetragen: Familien aus Polen, Rumänien oder Albanien.

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr rund 738.000 Kinder geboren. Dabei hatten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 10.831 Kinder eine Mutter mit polnischem Pass – ein Anstieg von neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Anzahl der Kinder von Frauen aus Rumänien stieg um knapp 47 Prozent, die von Frauen aus Albanien sogar um rund 258 Prozent. Hingegen war die Zahl der Neugeborenen von türkischen Müttern ebenso rückläufig wie jene von russischen und chinesischen.

Die weitverbreitete These, dass es die größten Zuwächse bei den Geburten in Familien aus islamisch geprägten Ländern gibt, trifft also nicht zu. Ebenso wenig wie die pauschale Behauptung, dass immer mehr Kinder in ausländischen Familien geboren werden. Zwar steigt die Quote tatsächlich, bei weitem aber nicht so schnell, wie viele meinen. So hatten im Jahr 2005 rund 18 Prozent der Kinder eine Mutter mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Heute, rund zehn Jahre später, sind es rund 20 Prozent.

Grundsätzlich gilt: In ostdeutschen Bundesländern liegt die Geburtenrate etwas höher als in Westdeutschland. Der Demographieforscher Klüsener vermutet, dass dies auch an der besseren Betreuungssituation in Ostdeutschland liegt. In Westdeutschland hätten einige Familien noch immer das Problem, keinen Betreuungsplatz für ihre zwei- oder dreijährigen Kinder zu finden. Nur in zwei Bundesländern stieg die Geburtenrate zuletzt nicht: in Niedersachsen und in Brandenburg. Dort ging sie jeweils leicht um 0,01 Prozent zurück. Am höchsten liegt die Geburtenrate hingegen mittlerweile in Sachsen – nämlich bei 1,59.

Klüsener weist aber auch darauf hin, dass die jährliche Geburtenziffer nicht so aussagekräftig ist wie die tatsächliche Zahl der Kinder, die eine Frau bekommt. "Durch das steigende Geburtsalter der Mütter wird die Geburtenrate künstlich nach unten verzerrt", sagt Klüsener. "Dadurch lag die jährliche Geburtenziffer lange unter der Zahl der Kinder, die Frauen am Ende bekommen." Nach wie vor steigt das Alter der Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes. Lag das Durchschnittsalter 2009 noch bei 28,88 Jahren, ist es bis 2015 kontinuierlich auf 29,67 Jahre gestiegen.

Bedeutet der Anstieg der Geburtenrate nun, dass die demographischen Probleme Deutschlands gelöst sind? Eher nicht. Den rund 738.000 Kindern, die im vergangenen Jahr geboren wurden, standen 925.239 Menschen gegenüber, die gestorben sind. Klüsener spricht deshalb auch nur von einer "Trendwende auf niedrigem Niveau". Langfristig, sagt der Wissenschaftler, würde ein Anstieg helfen, "die Steuerbarkeit des demografischen Wandels zu verbessern".

Anzahl der Geburten von ausländischen Müttern im Jahr 2015

20 Prozent der 2015 in Deutschland geborenen Kinder hatten Mütter, die eine ausländische Staatsbürgerschaft haben (insgesamt 147.905 Kinder). So verteilen sich diese Geburten auf die Herkunftsländer der Mütter.

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