Das Erdbeben in Mittelitalien am Sonntagmorgen war der schwerste Erdstoß seit 36 Jahren. Das Beben mit einer Stärke von 6,6 sei das stärkste im Land seit 1980 gewesen, sagte der Chef des Zivilschutzes, Fabrizio Curcio. Tote gab es den Berichten zufolge nicht, rund 20 Menschen seien verletzt worden, aber niemand schwer. Mehrere Menschen wurden lebend aus Trümmern geborgen. In der Nacht zu Montag kam es zu mehreren Nachbeben. Das stärkste hatte eine Stärke von 4,2 und lag in der Nähe von Norcia. 1980 waren bei einem Erdbeben in der Nähe von Neapel 3.000 Menschen ums Leben gekommen.

In Mittelitalien hat die Erde zum zweiten Mal innerhalb einer Woche gebebt. Die Beben, die am Mittwoch die Region in Mittelitalien erschüttert hatten, waren aber deutlich schwächer. Das mittlerweile vierte heftige Beben binnen etwa zwei Monaten in der Region ließ historische Orte in sich zusammenfallen und zerstörte Jahrhunderte alte Kulturgüter. Zehntausende Menschen wurden obdachlos. Viele verbrachten die Nacht in Notunterkünften oder in ihren Autos, weil das Beben historische Ortschaften verwüstet hatte. Vor zwei Monaten starben fast 300 Menschen, die meisten von ihnen damals im Ort Amatrice. Auch dort gab es am Sonntag neue Schäden.

Das Beben am Sonntagmorgen ereignete sich den Experten zufolge in etwa zehn Kilometern Tiefe. Es bestehe weiterhin Gefahr für die Menschen in der Region, sagte der Seismologe Frederik Tilmann vom Deutschen Geoforschungsinstitut in Potsdam: "Es wird natürlich auf jeden Fall zu Nachbeben kommen." Auch die Wahrscheinlichkeit eines starken Bebens sei derzeit sehr viel höher als im langfristigen Mittel. "Es ist sicher weise, noch eine Weile wegzubleiben – für die Menschen, die das können."

25.000 Menschen obdachlos

Italiens Premierminister Matteo Renzi sagte den Menschen sofortige Hilfe zu und sprach ihnen sein Mitgefühl aus. "Wir werden alles wieder aufbauen: die Häuser, die Kirchen und die Geschäfte", versprach der Regierungschef. Er will am Montag im Kabinett über Maßnahmen beraten. In die Entscheidungen sollten auch die Spitzen der betroffenen Regionen und der Zivilschutz einbezogen werden. Papst Franziskus sagte, er bete für die Menschen in der betroffenen Region.

"Es ist alles eingestürzt", sagte der Bürgermeister der kleinen Gemeinde Ussita, Marco Rinaldi, der italienischen Nachrichtenagentur Ansa. In dem Ort hatten bereits die Beben von vergangenem Mittwoch starke Schäden angerichtet. Fotos zeigten ausgelöschte Ortschaften, zerstörte Kirchen und Häuser, Schuttberge und tiefe Risse in den Straßen. Fernsehbilder zeigten sogar einen tiefen Riss in einem Berg.

Allein in der Region Marken seien mehr als 25.000 Menschen obdachlos geworden, sagte der Präsident der Region, Luca Ceriscioli. Hinzu kommen die Obdachlosen in der Region Umbrien, in der bei dem neuen Beben die Stadt Norcia besonders getroffen wurde. Viele Menschen sollen an die Küste gebracht werden. So erwartet der Bürgermeister der Adria-Stadt Civitanova, Tommasso Corvatta, eine "epochale Migration".

"Weinen um unser Kulturerbe, nicht um Tote"

Das Zentrum des Bebens lag nahe der Stadt Norcia, die für ihren mittelalterlichen Kern bekannt ist. Dort stürzte die Basilika aus dem 14. Jahrhundert ein. Auch die Kathedrale Santa Maria Argentea und die Kirche San Francesco wurden zerstört. Die Stadt habe mit dem Erdbeben einen Teil ihrer Geschichte verloren, sagte der Kunsthistoriker Romano Cordella der Nachrichtenagentur Ansa. Tausende Hinweise auf Schäden seien eingegangen, sagte die Generalsekretärin des Kulturministeriums, Antonia Pasqua Recchia. "Heute weinen wir wenigstens um unser Kulturerbe und nicht um Tote." Am frühen Sonntagnachmittag erschütterten Nachbeben die Region.

Auch in Rom sorgten sich die Menschen. Die Bürgermeisterin der Hauptstadt schrieb auf ihrer Facebook-Seite: "Augenscheinlich hat das starke Erdbeben (...) keine schweren Schäden in Rom angerichtet." Dennoch sollten die dortigen Schulen am Montag auf ihre Anordnung hin geschlossen bleiben. Die Gebäude würden von Fachleuten untersucht. Vorübergehend wurden am Sonntag die zwei zentralen Metrolinien A und B gestoppt. Außerdem wurden zwei Kirchen aus Sicherheitsgründen gesperrt, darunter nach Informationen der Nachrichtenagentur Ansa die Kirche San Francesco in der Nähe des Forums und die Kirche am Platz Sant'Eustachio, der bei Touristen sehr beliebt ist.

Das mittlere Italien ist eine derjenigen Regionen, die besonders häufig von schweren Erdstößen heimgesucht werden. Immer wieder trifft es die bergige Gegend in den Abruzzen. Grund für die Beben sind riesige Spannungen, die sich im Untergrund aufbauen. Der Adriatische Sporn, ein Anhängsel der afrikanischen Erdplatte, reibt sich hier an der eurasischen Platte. Auch deshalb haben sich Italiens Mittelgebirge aufgefaltet.

Italien ist das erdbebengefährdetste Land Europas. Knapp 60 Millionen Italiener leben nach Schätzungen von Experten in Gegenden mit erhöhtem Erdbebenrisiko. Experten bemängeln, dass die Erdbebenprävention der Regierung mangelhaft sei. Mehr als 70 Prozent aller Immobilien seien nicht erdbebensicher. Grund dafür ist unter anderem die alte Bausubstanz. Außerdem seien die Bewohner in gefährdeten Gebieten oft nicht über die Risiken aufgeklärt.