ZEIT ONLINE: Nach dem Fall in Thüringen: Können Sie sagen, wie verbreitet Suizidversuche unter jungen Flüchtlingen sind?

Elise Bittenbinder: Ich habe dazu keine Zahlen. Aber es kommt zu Suiziden unter jugendlichen Flüchtlingen. Allerdings, wenn man bedenkt, was diese jungen Menschen erlebt haben, scheint es eher selten.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich das?

Bittenbinder: Bei vielen Flüchtlingen kommen zwei Dinge zusammen: Sie haben zwar sehr, sehr großes Leid erlebt. Aber sie haben auch eine Flucht geschafft. Es handelt sich oft um junge Menschen, die eine hohe Motivation mitbringen, durchzuhalten und sich auf Neues einzulassen. Natürlich sind auch viele davon gleichzeitig sehr verletzlich. Man stelle sich vor, eine Familie, in der bereits einige den Tod gefunden haben, will, dass zumindest einer sicher überlebt. Sie kratzen all ihr Geld zusammen, um einen nach Europa zu schicken. Diese jungen Leute hatten selbst vielleicht gar nicht den Wunsch oder die Kraft, die Flucht durchzuhalten. Wir müssen uns die Einzelschicksale genauer ansehen, um uns ein Bild zu machen von der jeweiligen Vulnerabilität aber auch den Ressourcen, die sie mitbringen.

ZEIT ONLINE: Haben ein Suizidversuch eines Flüchtlings, eine Radikalisierung oder ein Amoklauf dieselben Ursachen?

Bittenbinder: Ein Trauma allein kann diese Reaktionen eher nicht auslösen. Da muss noch anderes hinzukommen. Wenn wir die Lebensläufe anschauen, gibt es deutliche Unterschiede. Bei Jugendlichen, die suizidale Tendenzen oder Gefährdungen zeigen, kann man oft schon vorher Einsamkeit, Isolation und depressive Stimmungen wahrnehmen. Sie haben womöglich versucht, sich Hilfe zu holen. Auch der junge Somalier in Thüringen war offensichtlich schon in der Jugendpsychiatrie gewesen. Dafür gab es sicher Gründe. Oft breitet sich Resignation aus, wenn sie keine Zukunftsperspektive entwickeln können. Viele der Betroffenen hatten zu Hause eine stabile Familie, die dann weggebrochen ist. Sie kommen hier an und finden keine Sicherheit: Deutsch lernen fällt schwer, sie haben keinen Ausbildungsplatz in Aussicht. Irgendwann sehen sie keine Möglichkeit mehr, sich die Hilfe zu holen, die sie brauchen.

ZEIT ONLINE: Eine Radikalisierung verläuft anders?

Bittenbinder: Wahrscheinlich handelt es sich um junge Menschen, denen schon lange Stabilität fehlt, die wenig Selbstwertgefühl entwickeln konnten und sich als Loser oder Benachteiligte sehen aber sich gegebenenfalls gleichzeitig anderen gegenüber selbst überhöhen. Ihre Lebenserfahrung ist: Ich bekomme keine Chance, mein Leben auf dem herkömmlichen Weg zu meistern. Die Triebfeder ist: Ich will mich rächen oder der Welt etwas beweisen. Dazu kann ein gewisses Maß an Gleichgültigkeit dem Leben gegenüber kommen. Aber das sind grundsätzliche Beobachtungen, Einzelfälle können ganz anders verlaufen.

ZEIT ONLINE: Wie kann man den jugendlichen Flüchtlingen helfen? Was brauchen sie kurz- und langfristig?

Bittenbinder: Das Wunderbare an Jugendlichen und Kindern ist: Sie schaffen es oft allein, ein Trauma zu überwinden. Vielen reicht schon eine gute Beratung, ein Mentor oder Freunde, die zuhören. Für sie ist es häufig zentraler, dass ihnen jemand bei aktuellen Problemen hilft und sie eine Zukunftsperspektive entwickeln können, als über ihre traumatischen Erfahrungen zu reden. Es muss jemand da sein, der akzeptiert, dass der Jugendliche sich etwa gerade nicht konzentrieren kann und langsamer Deutsch lernt als erwartet, jemand der hilft, das Asylverfahren zu verstehen und so weiter. Wir vermitteln deshalb ehrenamtliche Mentoren, die einen Platz im Sportverein organisieren oder mit dem Lehrer reden und die vor allem eine Beziehung anbieten. So können viele Jugendliche wieder Sicherheit aufbauen, Vertrauen fassen.

Manchmal reicht das aber nicht. Wenn man sieht, dass ein Kind oder Jugendlicher in der Schule gar nicht mitmacht, in die falsche Kreise abrutscht, oder nur in der Vergangenheit lebt – dann muss man aufmerksam werden und eventuell professionelle Hilfe organisieren.

ZEIT ONLINE: Was kann in dem Prozess schief laufen?

Bittenbinder: Die Sprache ist oft ein Problem. Tragischerweise werden die Kosten für Übersetzer von den Kassen nicht übernommen. Wir zahlen unsere Dolmetscher in den psychosozialen Zentren aus Spendengeldern oder über Projektfinanzierung und bilden sie auch selbst aus. Außerdem gibt es viele freiwillige Helfer. In den Kinder- und Jugendpsychiatrien gibt es oft keine Übersetzer. Das läuft in unserer Erfahrung leider oft so ab, dass bei einer akuten Notaufnahme eine Anamnese – oft ohne Sprachvermittlung – erhoben wird, in der festgestellt wird, ob eine akute Gefahr für den Patienten besteht. Wenn es keine gemeinsame Sprache und keinen Dolmetscher gibt, weiß ich nicht, wie das gut gemacht werden kann. Wenn Kinder und Jugendliche dann für einige Tage in der Klinik sind, passiert oft sehr wenig oder nichts. Zwar gibt es zum Beispiel Gruppenangebote für die Jugendlichen, aber da fühlen sich junge Flüchtlinge mit schlechten Deutschkenntnissen nicht wohl. Unserer Erfahrung nach werden viele zu schnell wieder entlassen – häufig, weil es keine passenden Angebote gibt. 

ZEIT ONLINE: Was muss ein Dolmetscher können, der in solchen Fällen eingesetzt werden soll?

Bittenbinder: Wenn Klienten "verrücktes" oder nur noch unverständliches Wirrwarr reden, kommt nicht jeder Dolmetscher damit klar. Darum muss auch ein Übersetzer ein Verständnis von psychotherapeutischen Vorgehensweisen haben. Zum Beispiel habe ich einen Jugendlichen gefragt: "Was hätte dein Vater dazu gesagt?" Er sollte sich in die Position des Vaters hineinversetzen. Aber der Dolmetscher wollte das nicht übersetzen und sagt mir: "Das kann der Junge doch gar nicht wissen. Sie müssten seinen Vater fragen." Eine vertiefende Ausbildung ist hier unbedingt nötig. Aber dolmetschen in einem psychotherapeutischen Setting ist eine Kunst, die man erlernen kann.