Wie sehr die Menschen in Nizza verunsichert sind, zeigt sich auch auf der Trauerfeier für die Opfer des Anschlages. Sie gibt es erst jetzt, drei Monate nachdem ein Terrorist mit einem Schwerlaster 86 Menschen auf der Promenade zu Tode gefahren hatte. Noch heute haben die Menschen Angst, erneut Ziel eines Anschlags zu werden. So findet die Trauerfeier hinter Gittern statt.

Die Bevölkerung darf nicht dabei sein, nur die Angehörigen der Opfer und Politiker, unter ihnen Präsident François Hollande und zahlreiche Minister, haben Zutritt zu der Zeremonie auf einem Hügel, achtzig Meter über der Promenade. Das Gelände der Trauerfeier ist direkt neben der Altstadt, es wurde rundherum abgeriegelt.

"Wie sollen wir damit leben, eine Mutter oder einen Vater, Tochter oder Sohn, Oma oder Opa verloren zu haben? Wie sollen wir mit unseren inneren und äußeren Verletzungen weiterleben? Das müssen sich die Opfer und ihre Angehörigen jeden Tag fragen", sagt Cindy Pellegrini. Sechs ihrer Angehörigen sind bei dem Anschlag gestorben.

Fast jeder kannte in der 400.000 Einwohner großen Stadt ein Opfer des Attentats: Schulen verloren Schüler, Zeitungen Journalisten, Hotels ihre Zimmermädchen und das Rathaus Mitarbeiter. Auch Kinder sind bei dem Terroranschlag zu Tode gekommen oder haben schwere Verletzungen erlitten. Einige von ihnen werden zeit ihres Lebens verstümmelt bleiben, weil der Schwerlaster ihnen Beine oder Arme abtrennte. Vielen sind die Bilder dieser Nacht, die leblosen Körper auf der Strandpromenade, traumatisch ins Gedächtnis gebrannt.

Bei der Trauerfeier stecken Schüler weiße Rosen in einen Steinbrunnen, für jedes Opfer eine. "Sie hatten nicht alle dieselbe Hautfarbe und dieselben Ursprünge, aber sie sind vereint im Unglück", sagt Präsident François Hollande. Die Täter würden es nicht schaffen, die Brüderlichkeit zwischen Französinnen und Franzosen zu zerstören.

Der Präsident reagierte darauf, dass in der Region fremdenfeindliche Äußerungen über Muslime deutlich zugenommen haben sowie auf das populistische Vorhaben, Burkinis an den Stränden der Côte-d'Azur zu verbieten. In dem ohnehin seit Jahrzehnten rechts-konservativ regierten Department überboten sich kurz nach dem Attentat der rechtsextreme Front National und die konservativen Republikaner darin, Muslime und ihre Religion für den Terrorismus im Land verantwortlich zu machen.

Soldaten wachen unter Palmen

Der Attentäter hatte sich die Promenade als Anschlagsort ausgesucht – das Herzstück Nizzas. Viele Einwohner bringen es seit dem Ereignis nicht mehr fertig, an den Strand zu gehen. Auch die Stadtverwaltung scheint das Gefühl zu haben, diesen Ort nicht mehr schützen zu können. Bis auf Weiteres sind alle Veranstaltungen an der Promenade abgesagt, das Hafenfest wurde gestrichen, die sommerlichen "Prom-Partys" ebenso. Die Läufer des Nizza-Marathons werden nicht auf das Meer blicken, sondern in einem Industriegebiet außerhalb der Innenstadt starten. Der Attentäter hat es geschafft, in einer einzigen Nacht das Leben in der Touristenstadt nachhaltig zu verändern.

Nun patrouillieren schwer bewaffnete Soldaten unter den Palmen. Wer im Supermarkt eine Flasche Saft kaufen will, muss seine Handtasche vorzeigen. Am härtesten trifft der von der Regierung ausgerufene Ausnahmezustand die jungen Franzosen: Es ist eine Atmosphäre entstanden, in der jeder potenziell verdächtigt wird. Eltern dürfen nicht mehr ihre Kinder in den Kindergarten begleiten, sondern müssen sie an der Pforte abgeben. Über der Bauklotz-Ecke in den Kitas hängt nun vielerorts ein Bildschirm, auf den wie auf einer Polizeiwache Bilder vom Vorplatz übertragen werden. Mütter und Väter müssen sich namentlich anmelden und sollen Menschen, die sie nicht kennen, die Eingangstür vor der Nase verschließen.

Schulen erinnern an Gefängnisse

In den Schulen schweißten Bauarbeiter in den Sommerferien hohe Gitter über bestehende Zäune, viele Schulhöfe erinnern nun an Gefängnisse. Selbst in Dörfern haben Bürgermeister Flohmärkte und Feste abgesagt.

Nach den vielen Terrorangriffen haben es die Franzosen schwer, ihren Alltag fortzuführen. Denn wo die Terroristen zuschlagen, ist nicht vorhersehbar: Vor dem Anschlag von Nizza hatten IS-Anhänger zuerst Redakteure des Satire-Magazins Charlie Hebdo ermordet, einige Monate später schossen sie in einer Diskothek und in Cafés in Paris um sich. Wenige Tage nach dem Anschlag in Nizza schnitt ein Attentäter einem nordfranzösischen Priester die Kehle durch. Die Opfer und Orte haben nichts gemein.

In Nizza kommen noch immer, so berichten es Psychologen von einer Hilfsstelle für die Opfer, traumatisierte Menschen zu ihnen. Inzwischen auch Personen, die keine Angehörigen verloren haben, aber denen es dennoch schwerfällt, in ihr normales Leben zurückzufinden.

Aber etwas hat sich doch verändert in den vergangenen 90 Tagen: Als Präsident Hollande seine Rede beendete, in der er den Rechtsstaat lobte und zur Einigung zwischen Muslimen, Juden und Christen aufrief, klatschten die Angehörigen Beifall. Noch kurz nach dem Attentat wurden Politiker auf der Promenade ausgepfiffen.