Das Corpus Delicti ist vier Meter hoch, schon von weitem zu sehen und besteht aus mehreren Tonnen aufeinander gewürfelter Steine. Nüchtern betrachtet ist dieses Ding nicht mehr als eine Mauer. Aber inzwischen trägt es den Namen "die Mauer von Perlach", sogar internationale Zeitungen haben darüber berichtet und Millionen Nutzer von sozialen Medien halten die Mauer für ein absolutes Unding. Denn sie schottet ein künftiges Flüchtlingswohnheim in dem Münchner Bezirk von den Einfamilienhäusern ab, die daneben stehen. Eines ist dieser Steinwall unzweifelhaft: Monströs und hässlich. Das sagen jedenfalls alle, die ihn betrachten – und das sind an diesem Montagabend viele.

Im Minutentakt halten Autos am Straßenrand, Insassen fahren die Scheiben herunter und machen Fotos mit ihren Smartphones, weil sie am Wochenende von der Mauer von Perlach gelesen haben. Die hat der Lokalpolitiker Guido Bucholtz nämlich per Video ins Internet gestellt und berechnet, dass sie sogar höher ist als die Berliner Mauer, die einst Ost und West trennte.

Passanten laufen nun nicht mehr vorbei, sondern sehen sich das Ding so genau an, als wollten sie die einzelnen Steine zählen. Kamerateams mehrerer Fernsehsender machen sich ihr eigenes Bild von den Zuständen links und rechts der Mauer. Und Anwohner sind gekommen, um zu erklären, warum es diesen steingewordenen Schutzwall rund um die neue Asylbewerberunterkunft tatsächlich braucht. Oder besser gesagt: Wie es überhaupt dazu kam.

"Wir wollen nur unsere Ruhe"

"Natürlich ist das ein Riesenmonstrum, aber es hat sich halt so ergeben", sagt Hans Ziegltrum, einer der Anwohner, der mit seiner Familie in erster Reihe hinter der Mauer lebt, "nicht wegen des Personenkreises, der hier einziehen wird, sondern wegen des Lärmpensums, das dadurch zu erwarten ist." Bislang steht nur ein Rohbau, aber später sollen hier einmal 160 minderjährige Flüchtlinge wohnen, die ohne Eltern nach Deutschland gekommen sind. Kinder und Jugendliche also, die neben ihrer Unterkunft einen Spiel- und Fußballplatz bekommen und darauf herumtoben werden. Neun bis zehn Stunden am Tag vermutlich, egal ob Werktag oder Wochenende ist. Das jedenfalls befürchten die engsten Anwohner wie Rentner Ziegltrum, der betont: "Wir sind hier keine Rechten und wollen keine Menschen einsperren. Wir wollen nur unsere Ruhe."

Ihre Gärten grenzen zwar nicht direkt an das Grundstück an. Ein Fußgängerweg, ein Grünstreifen, ein paar alte Bahnschienen und ein paar Büsche trennen sie davon. Insgesamt vielleicht 30 Meter. Aber das wird zu wenig sein, um nichts vom Spielplatz nebenan mitzubekommen, fürchteten einige Perlacher schon vor Baubeginn, das war 2014, also vor der Flüchtlingskrise. Sieben Anwohner reichten deshalb Klage gegen die Errichtung der Unterkunft ein und forderten einen 4,50 Meter hohen Lärmschutzwall, "weil in den Plänen der Stadt kein Lärmschutz vorgesehen war, das war ein Akt der Prävention", so nennt es Stephan Reich, einer der Kläger. "Hätte die Stadt gleich einen Lärmschutz geplant, hätten wir das gar nicht getan."

Man darf sich auch fragen, ob sie dasselbe gefordert hätten, wenn eine Schule oder normaler Spielplatz gebaut worden wäre. So jedenfalls zogen sich Bau des Wohnheims und Verhandlungen mit Anwohnern über zweieinhalb Jahre hin. Erst nach langem Ringen und unter Einschaltung aller Parteien inklusive Münchens dritter Bürgermeisterin als Schlichterin wurde die Klage beigelegt und es ergab sich ein Kompromiss – die Mauer wird gebaut, aber immerhin reduziert auf "nur" vier Meter. Vier Meter, damit ist die Wand in Perlach höher als diejenige, die ein paar Hundert Meter weiter die Flüchtlinge von Neubiberg vorm Lärm der Salzburger Autobahn schützen soll. Die ist nur drei Meter hoch.

"Diese Mauer ist nur dazu da, damit eure Bälle nicht darüber fliegen"

Ruhig leben die Perlacher schon jetzt nicht, Lärmschutzwand hin oder her, da darf man sich nichts vormachen: Sobald einer von ihnen vor der Mauer zur Erklärung ansetzt, gehen dann seine Worte im Verkehrslärm unter. Mit jeder Silbe rollt ein Auto vorbei, denn entlang der Wohnhäuser auf der einen Seite und dem Flüchtlingswohnheim auf der anderen Seite verläuft eine vielbefahrene Straße. Die Asylbewerberunterkunft liegt direkt am Rand eines Gewerbegebiets, in dem Firmen wie Arri Film und große Kfz-Reparaturunternehmen ihren Sitz haben. Mit diesem Lärmpegel müssen die Bewohner der Einfamilienhäuser hier seit Jahren leben.

"Aber nicht am Wochenende", sagt Stephan Reich, "da wollen wir einfach in Ruhe im Garten liegen können. Der Flächennutzungsplan sieht selbst für Gewerbegebiete vor, dass das Gebot der Rücksichtnahme gilt." Tatsächlich stellten auch Gerichte schon in Fällen von Anwohnerklagen gegen Flüchtlingsheime fest, aneinandergrenzende Grundstücke seien eine "rechtliche Schicksalsgemeinschaft" und es müsse "unter Würdigung nachbarschaftlicher Interessen" gebaut werden. So etwa befand das Verwaltungsgericht Schwerin in einem ähnlichen Fall, stimmte aber dennoch dem Bau des Heimes zu.

Zudem soll ein Gesetz seit dem vergangenen Jahr den Bau von Flüchtlingsunterkünften erheblich einfacher machen, denn insbesondere in Gewerbegebieten sei nicht von einer Störung auszugehen. "In Gewerbegebieten müssen Bewohner laut der Lärmrichtlinie normalerweise etwas mehr aushalten als in reinen Wohngebieten", sagt auch Norbert Portz vom Städte- und Gemeindebund und dort zuständig für die Frage der Flüchtlingsbauten: "Und bisher hat es auch nur sehr punktuell Probleme gegeben."

Der Initiator schweigt

Das Wohnheim von Perlach steht nun fast, die Mauer bereits komplett. Die Frage ist nur, wie lange. Stadtpolitiker der Grünen fordern bereits "die Mauer muss weg". Die SPD brandmarken sie als "Symbol der Abgrenzung". Anwohner wie Hans Ziegltrum sagen: Man könne sie ja, wenn man wolle, innerhalb weniger Tage wieder abtragen. Schließlich besteht sie nur aus Modulen, aus steingefüllten Drahtkörben. Andere wie Anwohnerin Gabi Born, die sich seit Längerem im Flüchtlingsrat engagiert, finden: "Man muss sie nur begrünen und den Jugendlichen richtig verkaufen, indem man sagt: Diese Mauer ist nur dazu da, damit eure Bälle nicht darüber fliegen."

Der Einzige, der sich seit Anfang der Woche auch auf Nachfragen nicht mehr äußert, obwohl er die Mauer zu dem gemacht hat, was sie jetzt ist – zum Corpus Delicti von Perlach nämlich – ist Guido Bucholtz. Der parteilose Lokalpolitiker und Ex-Grüne, den die Anwohner als "verdienten Stadtteilpolitiker" loben, ist Beauftragter für Unterkunftsanlagen im Bezirksausschuss und hat mit in den Verhandlungen gesessen, in denen letztlich der Vier-Meter-Kompromiss ausgehandelt wurde. "Er hat aber nicht gesagt, dass er dagegen ist", wundern sich die Perlacher, "stattdessen hat er nur das Video ins Internet gestellt und wir müssen uns nun verteidigen, obwohl wir dem Flüchtlingsheim doch zugestimmt haben."