Alarmierend war das Ergebnis einer Studie der Stanford-University der vergangenen Woche, wonach die meisten amerikanischen Jugendlichen nicht zwischen glaubwürdigen Nachrichten und Fake-Nachrichten unterscheiden können. Wie steht es um die deutschen Jugendlichen? Zwar wissen die meisten, warum sie Wikipedia in der Schule nicht als einzige Quelle verwenden dürfen, das trichtern die Lehrer ihnen ein. Einseitig ausgerichtete Filterblasen, die durch die Algorithmen von Suchmaschinen und sozialen Netzwerkdiensten entstehen und in denen die Netzaffinen sich lediglich in der Komfortzone ihrer eigenen Weltsicht bewegen, sind allerdings kein Standardthema im Unterricht. Außerdem reflektieren Jugendliche nicht darüber, wenn sie reflexhaft emotional aufgeladene Meldungen via WhatsApp, Twitter oder Facebook teilen.

Hintergrundwissen fehlt

Mit medialer Information kompetent umzugehen, ist jedoch die Basis für gesellschaftliche Teilhabe und spielt eine entscheidende Rolle dafür, wie Heranwachsende sich politisch sozialisieren. Wer ihre Kompetenz im Umgang mit medialer Information fördern will, darf sich deshalb nicht darauf beschränken, ihnen die Funktionsweise der Medien zu erklären – auch wenn damit schon einiges gewonnen wäre. Denn auch deutsche  Jugendliche haben insgesamt noch zu wenig Hintergrundwissen über glaubwürdige Recherchen beziehungsweise unglaubwürdige Manipulationen, selbst wenn sie soziale Medien häufiger nutzen als Erwachsene.

Ohne Interesse sind sie ja nicht. Je nach Alter wollen etwa 70 bis 80 Prozent der Jugendlichen wissen, was in Deutschland geschieht. Die meisten interessieren sich also grundsätzlich für Nachrichten und nutzen dafür nicht nur das Internet, mit dem sie via Smartphone mehr oder weniger permanent verbunden sind. Radio und Fernsehen sind nach wie vor wichtige Informationsquellen. Jedoch gewinnen Online-Nachrichtenangebote und soziale Netzwerke mit zunehmendem Alter an Bedeutung. Fast zwei Drittel der 16- bis 18-Jährigen informieren sich dort.

Aber welche Ansprüche haben die Jugendlichen an die Nachrichten? Auf den ersten Blick sehen die Befragungsergebnisse nicht schlecht aus: Dem Großteil ist es wichtig oder sogar sehr wichtig, dass Informationen geprüft sind und von Leuten stammen, die sich damit auskennen, wie eine Studie des JFF München und der Universität Leipzig zum Online-Informationsverhalten von 12- bis 19-Jährigen zeigt. Auch hier spielt das Alter eine entscheidende Rolle: Unter den Ältesten halten zwei Drittel dies für sehr wichtig, unter den Jüngsten nur die Hälfte. Wichtiger als geprüfte Informationen ist den Jugendlichen allerdings die Aktualität. Diese Prioritätensetzung verschafft der schnellen, unter Umständen ungeprüften Information einen klaren Vorteil bei der Zielgruppe.

Freunde und Promis sind eine wichtige Referenz

Hinzu kommt, dass es für die Hälfte der Jugendlichen wichtig ist, was die Leute, mit denen sie im (Online-)Kontakt stehen, über ein Thema denken. Der Austausch mit dem sozialen Umfeld und Prominenten ist für Jugendliche eine wichtige Referenz. Das, was Journalisten meinen oder recherchiert haben, ist dagegen nur für ein knappes Drittel relevant. Journalisten sollten deshalb besser über ihre Arbeitsweise aufklären um Heranwachsenden ihre Legitimation zu verdeutlichen. Denkbar sind zum Beispiel Making-of-Infos zum Online-Artikel,  jugendaffine Medienmagazine oder die Beteiligung von Journalisten an medienpädagogischen Schulprojekten.

Ist die Medienberichterstattung widersprüchlich, entscheiden sich Jugendliche überwiegend für Informationen aus Tageszeitung, Fernsehen und Radio, aber unter den Älteren vertrauen immerhin ein knappes Fünftel der 18- bis 19-Jährigen ganz dem Internet. Und dort sind es nicht nur die journalistischen Angebote, die zählen, sondern Google, Facebook und YouTube, wie die neueste JIM-Studie zeigt. Hinzu kommt: Die Widersprüchlichkeit von Informationen nehmen die Jugendlichen oft  nicht mehr wahr. Denn in der Filterblase fällt es gar nicht auf, dass es noch andere Nachrichten gibt.

Damit Heranwachsende kritisch und reflektiert mit Medien umgehen lernen, sind zunächst die Eltern wichtig. Schon im Grundschulalter sind sie gefordert, mit ihren Kinder über das Weltgeschehen zu sprechen und ihnen zu helfen, Nachrichten und Meinungen einzuordnen und zu hinterfragen. In Studien zur Nachrichtenrezeption zeigt sich immer wieder, dass die Familie die Interpretationsfolie liefert, auf der Nachrichten verstanden werden. Allein die Eltern in die Pflicht zu nehmen, reicht jedoch nicht aus. Schließlich sind Erwachsene auf dem Gebiet der Medienkritik auch nicht immer versiert. Eltern fühlen sich oft überfordert, wenn es um die schnelle Entwicklung im Bereich Mobile Medien und Social Media geht. Sie sorgen sich außerdem viel mehr darum, dass ihre Kinder Opfer von Mobbing werden könnten oder ihre Daten im Netz achtlos preisgeben und weniger darum, wie sie mit Information umgehen.

Medienkompetenz hängt vom sozialen Hintergrund ab

Die Medienkompetenz deutscher Schülerinnen und Schüler hängt zudem noch viel zu sehr von ihrem sozialen Hintergrund ab, wie beispielsweise die ICLIS-Studie zeigte. Die Studie offenbarte auch, dass nur sehr wenige deutsche Schülerinnen und Schüler im Umgang mit Online-Information besonders kompetent sind, ein gutes Drittel sich aber in den untersten Kompetenzstufen tummelt. In der Studie wurden sie unter anderem gebeten, die Glaubwürdigkeit von Informationen auf Crowdsource-Websites zu bewerten, oder sie sollen erkennen, ob mit einer Nachricht ein Produkt verkauft werden sollte.

Die JIM-Studie bestätigt das bekannte Ergebnis, dass höher gebildete Schüler im Internet eher nach Informationen suchen als niedriger gebildete. Die Ausnahme: Die schnelle, ungeprüfte Information über die sozialen Netzwerke erreicht die wenig Gebildeten sogar häufiger.

So ist also doch in erster Linie die Schule gefragt. Sie muss das Thema im Unterricht und in medienpädagogischen Projekten angehen und kann sich hierbei Unterstützung durch die Medien selbst und medienpädagogische Profis holen. Dabei darf jedoch nicht nur die korrekte Recherche nach unterrichtsrelevanten Daten und Fakten im Mittelpunkt stehen. Auch die politische Bildung muss hier einen hohen Stellenwert bekommen, damit die Heranwachsenden Hinweise auf unglaubwürdige Quellen erkennen, skeptisch mit emotionsheischenden Meldungen umgehen und einordnen können, welche politischen Positionen hinter populistischen Postings stecken.