In Europa erleben wir derzeit Erstaunliches: Nach Jahrzehnten, in denen die Religion, insbesondere die christliche, auf dem Rückzug erschien, spielt das Christentum im politischen Diskurs plötzlich wieder eine zunehmend große Rolle. Überall in der westlichen Welt erheben rechtsradikale Strömungen, Parteien und Politiker Anspruch auf das Erbe des Nazareners und verknüpfen es mit ganz konkreten Forderungen, die sich häufig gegen Muslime richten. Da soll zum Beispiel die Burka aus dem öffentlichen Raum verbannt, Richterinnen und Lehrerinnen das Tragen eines Kopftuchs verboten oder gar Frauen am Strand der Burkini verwehrt werden.

Diese Akteure behaupten, dass das Wesen Europas, der USA, ja der westlichen Welt insgesamt, ein christliches sei. Dadurch werden Nichtchristen ausgegrenzt. Ihnen wird, wenn auch implizit, die volle Zugehörigkeit zum Westen abgesprochen.

Angesichts solcher Entwicklungen müssen wir dringend darüber reden, was Säkularismus eigentlich heißt. Es geht dabei nicht nur darum, ob Kirche und Staat getrennt sein sollten (was sie ja sind), sondern um die Frage, wie viel Christentum im politischen Diskurs akzeptabel ist.

Populisten wie die französische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen, der Niederländer Geert Wilders, AfD-Chefin Frauke Petry und der künftige US-Präsident Donald Trump versuchen, die Trennwand zwischen religiöser Behauptung und verfassungsstaatlicher Realität einzureißen. Ihr Treiben hat handfeste Konsequenzen für das politische System ihrer Länder: Denn aus Angst, Wähler zu verlieren, nehmen auch demokratische Parteien Forderungen der Rechten in der einen oder anderen Weise in ihre Programmatik, zumindest aber in ihre Rhetorik auf.

In der Konsequenz bedeutet das, dass man im Westen (wieder) Christ sein muss, um dazuzugehören. Wenn wir also über Säkularismus sprechen, dann meint das nicht Luxusprobleme, wie etwa die Frage, wie lange am Sonntag die Geschäfte auf sind oder ob am Karfreitag getanzt werden darf oder nicht. Zur Debatte steht vielmehr, wie unsere Gesellschaft ihre Identität definiert. Was bedeutet diese – vorwiegend rhetorische Rechristianisierung für die Muslime im aufgeklärten, humanistischen Westen? Geben wir ihnen wirklich die Möglichkeit, hier dazuzugehören, mit allen Bürger- und Menschenrechten?

Oder geraten sie in die Rolle, die jahrhundertelang die Juden innehatten? Juden wurden in Europa selbst dann noch diskriminiert und verfolgt, als die Trennung von Staat und Kirche vielerorts bereits vollzogen war. Bis heute ist der Antisemitismus in europäischen Ländern wie Frankreich und Polen noch virulent, auch in Deutschland spielt er nach wie vor eine Rolle.

Während des Nationalsozialismus war die Bereitschaft, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen, in vielen Ländern, die sich gerne als christlich apostrophierten, gering. Und heute? Heute verweigern Länder wie Polen, Ungarn oder Slowenien syrischen Kriegsflüchtlingen die Aufnahme, weil sie Muslime sind. Auch Teile der Unionsparteien in Deutschland haben sich dafür ausgesprochen, christliche Flüchtlinge muslimischen vorzuziehen. Sind Bomben, die auf Christen fallen, schlimmer als solche, die muslimische Kinder treffen? Eine säkularisierte Gesellschaft muss diese Frage auf jeden Fall verneinen.