Kürzlich hat das städtische Theater Magdeburg ein neues Veranstaltungsformat gestartet: den Politischen Salon. Die Intendanz wolle damit "den neuen politischen Akteuren auf den Zahn fühlen", sagt eine Sprecherin des Theaters. Bei einer ersten Runde vor wenigen Wochen war der AfD-Landtagsabgeordnete Gottfried Backhaus zu Gast, ein Fahrlehrer und arbeitsloser Orgelbauer, bisher nicht besonders radikal aufgefallen. Die Ankündigung der nächsten Podiumsrunde allerdings stößt auf scharfe Kritik. Das Theater Magdeburg hat den neurechten Vordenker Götz Kubitschek in den Politischen Salon gebeten, um unter der Überschrift "Falsch abgebogen" über den Rechtsruck in Deutschland und Europa zu diskutieren.

Die Einladung an Kubitschek markiert eine neue Stufe: Er ist anders als der Abgeordnete Backhaus nicht durch eine Wahl legitimiert, das Theater ermöglicht dem neurechten Publizisten seinen ersten Auftritt außerhalb rechter Zirkel. Bisher referierte Kubitschek vor seinesgleichen an seinem selbst gegründeten Institut für Staatspolitik in Schnellroda oder warb auf Pegida-Demonstrationen für die Rückbesinnung auf den Nationalstaat und die Abschottung gegen Migranten. Gemeinsam mit Kubitschek eingeladen: Sachsen-Anhalts Landesinnenminister Holger Stahlknecht. Der CDU-Politiker komme auf dasPodium, um sich fundiert und kritisch mit den Thesen Kubitscheks auseinanderstzen, so stellt es die Theatersprecherin dar. Als dritte Diskussionsteilnehmerin ist eine Kunstprofessorin aus Baden-Württemberg angekündigt.

Seit die Einladung bekannt wurde, stehen das Theater, aber auch Stahlknecht in der Kritik. Die Kritiker erzürnt, dass mit Kubitschek ein ausgewiesener Ideologe auftreten solle, der zum Umsturz aufrufe, mit Verfassungsfeinden paktiere und Menschenrechte infrage stelle. Ihn neben Stahlknecht auf das Podium zu laden, hebe ihn auf eine Ebene mit Demokraten, kritisiert die Linken-Abgeordnete Henriette Quade. "Politischer Diskurs lässt sich nicht mit Antidemokraten führen." Auch der Grünen-Politiker Sebastian Striegel sagt, mit Kubitschek solle man nicht diskutieren, "denn Kubitschek will den freien Diskurs überwinden".

Die Einladung Kubitscheks auf das Podium in Magdeburg ist auch deshalb umstritten, weil Kubitschek die Identitäre Bewegung hofiert, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. In der Landesregierung kursiert zudem die Information, dass auch Kubitscheks Institut in Schnellroda demnächst Beobachtungsgegenstand werden könnte.

Stahlknecht verteidigt seine Teilnahme an der Diskussion. Es komme darauf an, nicht nur über die Medien miteinander zu reden, sondern "den anderen in der direkten Auseinandersetzung mit guten Argumenten zu überzeugen", sagte er ZEIT ONLINE. Der Minister macht das zur Grundsatzfrage und sieht sich durch die Wende in Ostdeutschland legitimiert: Die Menschen im Osten seien 1989 auf die Straßen gegangen, um Freiheit zu erkämpfen, sagt er. Es wäre falsch, eine Absage der Veranstaltung zu fordern, "weil wir dann die Freiheit infrage stellen". Dann dürfe man auch nicht in Talkshows mit unliebsamen Gegnern diskutieren. Stahlknecht führt an, dass Minderheiten zu respektieren seien und die Verfassung ebenso, sagt aber auch: "Wenn man aus politischer Korrektheit meint, nur noch unfrei reagieren zu können, dann nimmt das politische System Schaden."

Mit dieser Argumentation gehe Stahlknecht der Neuen Rechten bereits auf den Leim, entgegnet der Grünen-Politiker Striegel, dessen Partei mit Stahlknecht gemeinsam in Sachsen-Anhalt regiert. "Die Neue Rechte behauptet ja stets, es gebe in diesem Land Denk- und Sprechverbote." Dabei sei jeder frei, in weiten Grenzen seine Meinung zu vertreten.

"Vollkommen verrechnet"

Doch kann man gesellschaftliche Kräfte, die immer mehr Zulauf haben, auf Dauer ausgrenzen? Würden sie dadurch nicht zum Märtyrer und sogar aufgewertet? Stahlknecht sagt dazu: Kubitschek sei kein Unbekannter mehr. Ihn auszugrenzen hieße, auch politische Talkshows infrage zu stellen. Die Linken-Abgeordnete Quade will die Weltsicht der Neuen Rechten durchaus diskutieren und die Gefährlichkeit analysieren. "Aber nicht mit ihren Vertretern selbst."

Die Kritik richtet sich aber nicht nur an Minister Stahlknecht, sondern auch an die Theaterintendanz. Es sei fraglich, ob es der Freiheit nütze, mit jemandem öffentlich zu diskutieren, der diese Freiheit abschaffen wolle, sagt Striegel. "Das Theater leistet mit seiner Einladung keinen Beitrag zur Auseinandersetzung." Nach Auffassung von Quade hat sich die verantwortliche Intendanz "mit Kubitschek vollkommen verrechnet" und falsch eingeschätzt, mit wem man es zu tun bekomme. Die Neue Rechte werde den Auftritt als Coup feiern. Denn "Kubitschek geht es um Präsenz, um Redezeit, nicht um den demokratischen Diskurs". Zu verantworten hätten das diejenigen, "die der Neuen Rechten ein Podium geben und es sich mit ihr teilen". Vollkommen unnötig sei der Auftritt in dem aus öffentlicher Hand finanzierten Theater, sagt auch Striegel: "Hier wird mittels Steuergeld der Neuen Rechten eine Bühne geboten."

Trotz aller Kritik hält das Theater bisher an der Einladung fest. Mittlerweile würde eine Absage auch nichts mehr an der beklagten Wirkung ändern, Kubitschek und seine Bewegung werden in jedem Fall aufgewertet – durch eine Teilnahme, aber auch durch eine Ausladung. Denn dadurch würde das Theater sich und die anderen Gäste zu Verlierern machen. Auch das Sicherheitsrisiko schreckt das Theater bisher nicht ab. Man rechne damit, dass Anhänger beider Lager versuchen könnten, die Veranstaltung zu kapern. Die Mitarbeiter seien sensibilisiert, sagt die Sprecherin. Es wäre nicht das erste Mal, dass Aktivisten der Identitären Bewegung oder der Antifa auf Diskussionsrunden aus dem Publikum heraus offen protestieren. Insbesondere das Kassenpersonal werde genau schauen, an wen es die Karten ausgebe. Auch Stahlknecht hält eine Eskalationen für möglich, gibt sich aber entspannt. "Ich bin nicht der Veranstalter", sagt er. "Ich bin da zu Gast."