Noch ist der Attentäter von Berlin nicht gefasst und vieles Spekulation. Doch eine Spur, die die Ermittler verfolgen, führt zu einem Mann, der den Sicherheitsbehörden bestens bekannt ist: Anis Amri, ein 24-jähriger Tunesier. Sollte sich der Tatvorwurf gegen Amri erhärten, dann wäre geschehen, was viele Sicherheitsbeamte schon lange fürchten. Seit Monaten sind die rund vierzig Sicherheitsbehörden in Deutschland im Ausnahmezustand. Die Zahl der islamistischen Gefährder ist in den vergangenen zwei Jahren sprunghaft gestiegen. Niemand wollte derjenige sein, der etwas übersieht. Nun aber könnte doch einer der Gefährder durchs Netz gerutscht sein.

Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Innenministers Ralf Jäger war Amri im Sommer 2015 nach Deutschland gereist. Er hielt sich erst in Freiburg auf, später in Nordrhein-Westfalen und Berlin. Gemeldet war er in einem Flüchtlingsheim in Emmerich am Niederrhein, die Duldung erteilte ihm die Asylbehörde in Kleve. Von Februar 2016 an lebte er die meiste Zeit in der Hauptstadt. Amri, so sagt es Jäger, sei in Deutschland "hochmobil" gewesen.

Zudem trat er unter mehreren Identitäten und Namen auf. Schon früh geriet er in das Visier der Sicherheitsbehörden, die ihn als Gefährder einstuften, unter anderem weil er enge Kontakte zu islamistischen Kreisen pflegte. Im Juli 2016 wurde sein Asylantrag abgelehnt. Die zuständige Behörde in Kleve bereitete seine Abschiebung vor. Sie scheiterte jedoch daran, dass Amri keine gültigen Papiere aus Tunesien vorweisen konnte und die Behörden in Tunesien die Rücknahme verweigerten. 

Im Spätherbst 2016 wurde ein Verfahren wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Tat gegen ihn eröffnet. Später führte die Berliner Staatsanwaltschaft das Verfahren fort. Es wurde jedoch wieder eingestellt. Das geht zumindest aus den Worten Jägers hervor. Einen Grund für die Einstellung nannte der Innenminister nicht. Im Dezember 2016 tauchte Anis Amri nach Informationen der Süddeutschen Zeitung ab. Seine Papiere aus Tunesien trafen an diesem Mittwoch ein – zu spät, um ihn vor der Tat abzuschieben. 

Während sich die Öffentlichkeit noch bis zum Dienstagmittag fragte, ob ein junger Pakistaner die Tat vollbracht hatte, verfolgten die Ermittler längst eine andere Spur, die zu A. führte. Die Kriminaltechniker hatten offenbar im Fußraum der Fahrerkabine des Sattelschleppers Ausweispapiere gefunden. Sie gehörten Anis Amri. Eine Quelle aus der Polizei bestätigte ZEIT ONLINE die Existenz dieses Dokuments. 

Öffentlich bekannt wurde der Fund jedoch erst am Mittwoch. Warum entschlossen sich die Beamten nun dazu, mit dieser Information an die Öffentlichkeit zu gehen? Drei Gründe sind denkbar: Sie sahen keine Chance, den Mann mit ihren Mitteln schnell zu finden; sie wollten den Fahndungsdruck auf den Täter erhöhen in der Hoffnung, dass er Fehler macht; sie wollten die Szene um den Täter verunsichern und potenzielle Helfer dazu bringen, ihn zu verraten.

Doch wie wahrscheinlich ist es, dass es sich bei Anis Amri tatsächlich um den Attentäter von Berlin handelt? Erfahrene Rechtsmediziner weisen darauf hin, dass es weitere Hinweise auf den Täter geben könnte. Nicht viel mehr als ein halber Tag sei nötig, um die DNA-Spuren zu untersuchen, die die Kriminaltechniker im Führerhaus gesichert haben. Türgriffe, Haltestangen, das Lenkrad, die Gangschaltung seien Stellen, auf die sich Ermittler besonders konzentrieren, wenn sie Abriebe aufnähmen. Gesucht werde nach allem, was den Anschein habe, biologischen Ursprungs zu sein: Hautschüppchen, Nasensekret, Blut. 

Anis A. wurde schon einmal festgenommen

Berlin verfügt über zwei Labore, eines im Landeskriminalamt, eines in der Rechtsmedizin, die einige Hundert solcher Spuren parallel auswerten können. Wenn ein DNA-Muster erkannt ist, können die Ermittler dieses Muster mit vielen Tausend anderen abgleichen, die in einer zentralen Datenbank beim Bundeskriminalamt gespeichert sind. In dieser Datenbank könnte auch das DNA-Muster des Mannes vorhanden sein, der nun im Verdacht steht. Denn Anis Amri ist nicht nur ein islamistischer Gefährder. Angeblich soll er von den Behörden auch schon einmal festgenommen worden sein. So berichten es die Deutsche Presse-Agentur und der Spiegel. Nach einem Beschluss des Amtsgerichts Ravensburg soll Amri am 30. Juli in Abschiebehaft in die örtliche Justizvollzugsanstalt gebracht worden sein. Dann aber wäre seine DNA registriert worden. Und die Polizei wüsste, mit wem sie es zu tun hat.

Die Jagd auf den Täter wird nun in Berlin am Platz der Luftbrücke koordiniert. Dort haben das Bundeskriminalamt und das Berliner Landeskriminalamt ein gemeinsames Lagezentrum gebildet. Ein weiteres Zentrum des BKA gibt es in Meckenheim. Beide Stellen ermitteln eigenständig, tauschen sich aber ständig miteinander aus. Die Leitung der Ermittlungsarbeit liegt beim BKA, seit der Generalbundesanwalt das Verfahren übernommen hat. Während die einen Beamten weiter Spuren vom Tatort untersuchen, werten andere Funkzellendaten aus. Anhand dieser Daten hoffen sie, das Telefon des Verdächtigen zu lokalisieren und herauszufinden, mit wem er vielleicht in Kontakt stand. Hinweise aus der Bevölkerung, auf der BKA-Website hochgeladene Fotos und Videos werden analysiert und Personen identifiziert, die darauf zu sehen sind – alles in der Hoffnung, weitere Spuren zu finden, die darauf hinweisen, wo sich der Verdächtige aufhält.

Die Durchsuchungsteams stehen bereit, an ermittelten Adressen nach weiteren Hinweisen zu suchen. Eingeweihte schätzen, dass sicher mehr als 500 Beamte an der Suche nach dem Täter beteiligt sind. Einzig: Gefasst ist der Verdächtige noch nicht.