Eine Gruppe von internationalen Wissenschaftlern hält das Kinderarbeitsverbot der Vereinten Nationen für realitätsfern und schädigend. In einem Brief an die britische Zeitung Observer argumentieren die Experten, dass positive Effekte von Kinderarbeit in der UN-Kinderrechtskonvention nicht berücksichtigt werden.

In dem entsprechenden Abschnitt der Kinderrechtskonvention wird Kinderarbeit verboten, weil sie "gefährlich und unnötig" sei. Die Wissenschaftler, die alle im Feld der Kinderentwicklung oder Menschenrechte arbeiten, werfen der UN vor, Beweise über positive Aspekte von Kinderarbeit ignoriert zu haben. Es würden lediglich Belege aufgeführt, die veraltete und schlecht informierte westliche Vorurteile und Grundsätze stützen. Negative Auswirkungen vor Ort seien nicht berücksichtigt worden.

Insgesamt haben sich 193 Länder den UN-Entwicklungszielen verschrieben und sich damit verpflichtet, Kinderarbeit bis 2025 zu beenden. Die Wissenschaftler fordern, dass das Mindestalter, welches je nach Land bei 15 oder 18 liegt, aufgehoben wird. Ihrer Ansicht nach kann dem Alter angemessene Arbeit für Kinder vorteilig sein. Dadurch hätten Kinder sowohl in Entwicklungsländern als auch in Industrieländern die Möglichkeit, ihr Leben eigenmächtig zu verbessern.

Das Verbot ermöglicht nicht den Schulbesuch

Es sei ein Trugschluss, dass das Verbot von Kinderarbeit dazu führe, dass mehr Kinder in die Schule gehen, sagt eine der Unterzeichnerinnen, Dorte Thorsen vom Institut für Global Studies an der Universität Sussex. "Ganz im Gegenteil, wenn Kinder arbeiten, könnten sie möglicherweise ihre Schulgebühren zahlen." Die Experten weisen darauf hin, dass in manchen Ländern Schulen für junge Angestellte gegründet wurden. Diese hätten nach internationalem Druck der Kampagne gegen Kinderarbeit wieder schließen müssen. Außerdem seien Fälle bekannt, in denen Kinder durch das Verbot in illegale oder gefährliche Arbeitsverhältnisse gedrängt wurden, weil ihnen der Zugang zum regulären Arbeitsmarkt verschlossen wurde.

Jahrelange Forschung unterstütze laut Thorsen die Vermutung, dass die Kindheit durch Arbeit nicht beendet wird, sondern die Arbeit positive Aspekte haben könne. Studien hätten gezeigt, dass beispielsweise in Afrika oder Indien durch Bewegungen von Kinderarbeitern Solidarität entstehe. "Durch gewerkschaftliche Organisation versuchen Kinder sich Gehör zu verschaffen und an der Politik teilzuhaben, anstatt lediglich die Opferrolle zu erfüllen und unterdrückt zu werden", sagte Thorsen.

Die Wissenschaftlerin kritisiert außerdem das britische Institut für Internationale Entwicklung. Dessen Ministerin Priti Patel habe Druck auf britische Unternehmen ausgeübt, deren Lieferketten nach Anzeichen von Kinderarbeit zu überprüfen. Thorsen bemängelt, dass die Unternehmen kaum die notwendige Kompetenz hätten, um diese Aufgabe rechtmäßig durchzuführen.  

Die Mehrheit arbeitet in ordentlichen Verhältnissen

Ein Experte beim International Child Protection Network in Kanada, Richard Carothers, kritisiert das Vorgehen der internationalen Organisationen. Die Vertreter würden denken, dass Kinder beim Fußballspielen besser aufgehoben seien als bei der Arbeit. "Kinder müssen vor gefährlichen Situationen geschützt werden", sagt er. Der Prozentsatz der arbeitenden Kindern in gefährlichen Situationen sei jedoch klein bis sehr klein. "Auf keinen Fall wird Kindern jedoch durch eine Altersbeschränkung aus solchen Situationen geholfen", sagt Carothers.

Die Sicht der Kinder fehle in der UN-Konvention, kritisieren die Experten. Richtlinien seien nicht differenziert genug. Außerdem genüge es nicht, wenn die UN-Konvention lediglich in nationale Gesetze umgewandelt werde. "Das ist zu einfach und schädigend", sagt Carothers. Man müsse sorgfältig Studien prüfen, in welchen Situationen Kindern und deren Familien geschadet werde und wie man diese Zustände ändern könne.

Mélanie Jacquemin, eine Soziologin an der Universität Marseille, forscht an der Elfenbeinküste über Kinder und Erwachsene, die auf der Suche nach Arbeit aus Dörfern in Städte migriert sind. Sie sagt, es sei nicht zu bestreiten, dass es schlechte Arbeitsverhältnisse für Kinder gebe und sie so zu Opfern von Ausbeutung werden oder sich überarbeiten. Auch Fälle von Freiheitsberaubung und Menschenhandel seien sehr wichtige Probleme. "Diese Fälle sind jedoch Einzelfälle", sagt Jacquemin, vor allem im Vergleich zu der großen Mehrzahl an Kindern in Westafrika, die in ordentlichen Verhältnissen arbeiten würden.

Um die Situation von jungen Arbeitern zu verbessern, bräuchten sie Hilfe, fordert die Soziologin. Kinder seien in vielerlei Situationen Risiken ausgesetzt. Ihnen jedoch die Arbeit komplett zu verbieten, sei ein schwerwiegender Fehler von großen, internationalen Organisationen. Solche Entscheidungen seien auf Basis von "Extremfällen, die nicht die Lebensrealität von vielen Menschen abdecken" gefällt worden.

Die UN-Kommission für Kinderrechte hat sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert.