Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne Fischer im Recht finden Sie hier – und auf seiner Website.

Das Jahr 2016 geht zu Ende, wie es angefangen hat. Wieder wird eine "Wende" diskutiert, gefordert, konstatiert oder angekündigt. Gewerkschaftsvorsitzende geißeln eine "verfehlte Flüchtlingspolitik", ein Generalsekretär fordert die Änderung des Pressekodex, Talkshows, Chefredaktionen, Hintergrundanalysten und Welterklärer sprechen über migrantische Morde, fremde Vergewaltigungen, deutsche Pressefreiheit und die Bedeutung der Wahrheit.

In Freiburg ist ein Mensch getötet worden. In Bochum sind zwei Menschen sexuell genötigt worden. In beiden Fällen wurden Tatverdächtige festgenommen. Und Deutschland befindet sich im Zustand höchster Erregung. Gerade rechtzeitig wurde von einer sich zuständig fühlenden  Expertenkommission das "Wort des Jahres" gekürt: das alberne Adjektiv "postfaktisch". Das klingt gebildet, wie "postmodern" oder "präkollabierend", ist aber nur ein Schmäh, ein Gag, eine Seifenblase. Angeblich heißt es soviel wie "auf Tatsachen kommt’s nicht an". Warum die (unfreiwillige) Persiflage einer Verrücktheit "Wort des Jahres" sein soll, erschließt sich mir nicht. Vorerst aber: Elf Bemerkungen zu einem ernsten Thema.

Erstens: "Was meinen Sie was los gewesen wäre, wenn ein Deutscher eine minderjährige Migrantin vergewaltigt und ermordet hätte. Wäre darüber in der Tagesschau auch nicht berichtet worden? Eben." Dies ist ein Zitat aus einem Kommentar auf ZEIT ONLINE, der dort in der vergangenen Woche eingestellt wurde. Die Frage ist rhetorisch formuliert und gemeint. Der Leser hält die Antwort für derart  selbstverständlich, dass sie sich jedem selbst erschließen müsse. Sie lautet nach seiner Ansicht: Der Teufel wäre los gewesen! Die Tagesschau hätte berichtet, bis ein jeder auch im letzten Zipfel Deutschlands begriffen hätte, worauf es ankommt. Darauf nämlich: "deutscher Täter" und "Migrantin das Opfer".

Ich bitte Sie, verehrte LeserInnen, über diese Behauptung kurz nachzudenken. Möglicherweise tritt dann ein gewisser Zweifel ein. Ich kann ihn nur bestärken: Von den zahlreichen Vergewaltigungs-, Tötungs-, schweren Körperverletzungs- und Missbrauchsdelikten, die in steter Folge an "minderjährigen Migranten" begangen werden, ebenso übrigens wie an minderjährigen Nichtmigranten, berichtet die Tagesschau keine Sekunde. Prüfen Sie das auf denkbar einfachste Weise: Setzen Sie sich hin, nehmen Sie ein Blatt Papier und einen Stift zur Hand und schreiben Sie aus dem Gedächtnis alle Fälle auf, in denen im Laufe des letzten Jahres über Vergewaltigung, Sexualmord und sonstige Tötungsdelikte in Fernsehen und/oder Tagespresse berichtet wurde.

Zweitens: Es ist sehr wichtig, in dieser Woche etwas über den Fluss Dreisam, den deutschen Pressekodex und die staatlich gelenkten Lügen in den Medien zu schreiben. Denn wenn man darüber nichts schriebe, könnte der Eindruck entstehen, diese Untätigkeit beruhe auf der Ansicht, es sei darüber schon mehr als genug geschrieben worden, was aber nicht sein kann, weil bei Weitem noch nicht jeder und jede alles und zu jedem Zeitpunkt darüber gesagt hat, was er oder sie nun gut oder schlecht findet an dem, was die anderen gesagt, und wenn schon nicht nicht gesagt, dann jedenfalls nicht geschrieben haben. Sehr wichtig ist auch darüber zu sprechen, worüber die anderen nicht gesprochen haben, oder jedenfalls nicht, als sie hätten sprechen sollen, oder nicht so, wie sie hätten sprechen sollen, wenn sie denn gesprochen hätten. Da sie aber nicht gesprochen haben, also nicht dann, wann sie hätten sprechen sollen, und als sie dann sprachen, nicht so, wie sie hätten sprechen sollen, also nicht nur darüber, warum sie nicht gesprochen hatten, sondern auch darüber, warum sie jetzt sprechen würden – also zu spät sprachen –, war alles vergebens.

Drittens: Afghanen kommen aus Afghanistan. Wenn ein Afghane nach Deutschland kommt, erlebt er, so hat es Christoph Schwennicke, Chefredakteur des Cicero, eines Magazins, das so auszusehen versucht wie ehedem TransAtlantik, am 12. Dezember 2016 im Deutschlandfunk gesagt, "einen Kulturschock". Dieser tritt ein, meint Schwennicke, wenn der Afghane das Werbeplakat einer Sexmesse sehe. Denn in Kabul und Masar-i-Scharif gibt es so etwas nicht. Ist nun der geschockte Afghane obendrein in einem Alter, in dem der faktisch internationale Mann ein gesteigertes Interesse an sexuellen Fragestellungen aufweist, hat er ein Problem. So weit, so schlecht.

Mir hat sich noch nicht erschlossen, warum der Kulturschock der öffentlich angekündigten Pornografie schwerpunktmäßig bei afghanischen Jungmännern eintritt, und was er in den Gehirnen dieser Wesen für spezifische Verheerungen anrichtet. Ich kann mich nicht mehr im Einzelnen daran erinnern, welche Gefühle, Gedanken, Fantasien, Wünsche und Ängste meine eigenen ersten Konfrontationen mit Pornografie auslösten (überdies erschiene es mir unangebracht, an dieser Stelle Einzelheiten meiner pubertären Menschwerdung zu offenbaren), zugeben kann ich allerdings, dass das eine oder andere Bild – in welcher Form auch immer – mich auf Gedanken brachte, die aus mütterlicher, tantiger oder pädagogischer Sicht bestimmt als verfehlt angesehen worden wären, wären sie diesem Personenkreis je bekannt geworden.

Eine Auswahl der ZEIT-ONLINE-Kolumnen von Thomas Fischer finden Sie auch in seinem Buch "Im Recht. Einlassungen von Deutschlands bekanntestem Strafrichter". Es ist im März 2016 bei Droemer erschienen. © Droemer

Was ich verstehe: Der Afghane als solcher hat nicht selten ein so genanntes "archaisches Frauenbild". Er kommt, sozusagen, vom Lande in die große Stadt, sieht dort Tabledance und Sexmesse, Silikon und Glitzernails, und all diesen Kram. Er ist geschockt. Aber wie? Freut er sich? Ekelt er sich? Oder will er auch so sein wie die neuen Anderen oder die anderen Neuen? Anders gefragt: Was ist das Afghanische am Afghanen in Germanistan?

Was ich nicht verstehe: Warum sollte der Afghane als solcher nun denken, die Frauen in diesem schockierenden Wunderland dürfe, müsse oder solle man vergewaltigen? Darf man das in Afghanistan? Ich glaube nicht. Welche "migrantische" Kultur soll sich hier Bahn gebrochen haben? Springen jugendliche Afghanen in Kabul Radfahrerinnen an und finden nichts dabei, weil das dort üblich oder erlaubt ist? Gibt es, allgemeiner gefragt, irgendein Flüchtlings-Herkunftsland, in dem die Vergewaltigung oder Tötung von zufällig des Wegs einher gehenden Frauen kulturell verankert ist?

Ich weiß, diese Fragen klingen seltsam. Aber sie sollten doch vielleicht beantwortet werden können, wenn und bevor man behauptet, es könne sich etwas spezifisch Migrantisches, spezifisch Afghanisches, in der Tat von Freiburg widerspiegeln.

Bisher ist der Tatbestand "Mord" noch nicht bewiesen

Viertens: Kriminologie ist eine spannende Wissenschaft. Sie integriert Disziplinen der quantitativen empirischen Forschung und solche der qualitativen Analyse. Sie ist Sozialwissenschaft, Kulturwissenschaft, Strafrechts- und Politikwissenschaft, Pädagogik und Psychologie in einem, gebündelt zu solchen Fragen: Was ist Kriminalität? Wer definiert und bestimmt sie, und wie? Wie entsteht Kriminalität? Wie wird sie wahrgenommen? Welche Formen von Kriminalität gibt es? Wie werden sie erfasst, festgestellt, gemessen? Welche Möglichkeiten gibt es, abweichendes und kriminelles Verhalten zu erkennen, zu vermeiden, zu verhindern?

Dies sind nur einige Fragen auf der Makro-Ebene der Kriminologie. Zahllose noch interessantere Fragen gibt es auf den Mikro-Ebenen. Eine davon ist der Bereich "Ausländer- und Migrantenkriminalität". Es gibt dazu, sehr grob und sehr zurückhaltend geschätzt, hundert laufende Meter Fachliteratur aus vielen Ländern, hundert qualifizierte Untersuchungen in Deutschland, hundert Fachleute in deutschen Instituten, Fakultäten, Kommissionen und Ministerien. Nichts spricht dafür, dass der Chefredakteur des Cicero Erkenntnisse hätte, die besser, neuer, qualifizierter wären oder dass er die wissenschaftliche Erkenntnislage intellektuell zur Kenntnis genommen und verstanden hätte. Das gleiche gilt für den ähnlich daherredenden allgegenwärtigen Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt.

Fünftens: "Ein Mord wie jeder andere." Deutschland streitet, ob der – bislang unaufgeklärte – furchtbare Tod der Studentin in Freiburg "ein Mord wie jeder andere" gewesen ist oder nicht. Ich habe dazu diese Meinung: Wer immer sich in der vergangenen Woche an dem Begriff "ein Mord wie jeder andere" abgearbeitet hat auf den tatsächlichen oder imaginierten Bühnen der Kommunikation, sollte sich schämen und den Mund halten. Ich meine damit nicht einmal die oberflächlichste, sich aufdrängende Ebene, also den rechtstechnischen Begriff des "Mordes". Das nennt man im Strafrecht "Qualifikation"; Mord ist also eine besonders schwere Form der Tötung eines anderen Menschen. Sie setzt, um den Tatbestand zu erfüllen, bestimmte Merkmale objektiver (äußerer) und subjektiver (innerer) Art voraus. Niemand weiß bis heute, ob der Tod der jungen Frau in Freiburg eines dieser Merkmale erfüllt hat, also tatsächlich ein "Mord" war, oder ein "Totschlag", eine "Körperverletzung mit Todesfolge", oder eine "Vergewaltigung mit Todesfolge", oder am Ende gar ein nicht strafbares, tragisches Geschehen. Die Justiz wird das prüfen, untersuchen, entscheiden. Nichts gibt den Wichtigtuern aller Kanäle heute das Recht, über den "Mord von Freiburg" und seine "Konsequenzen" zu schwatzen.

Schlimmer noch ist aber etwas anderes: Im "Mord wie jeder andere", genauso aber im angeblichen Gegenteil, jenem Mord, der nicht "wie jeder andere" ist, also dem "berichtenswerten Mord", spiegelt sich eine Mentalität, deren Inhalt man sich einmal vergegenwärtigen sollte: Gnadenlos, abgebrüht, mitleidlos, zynisch. Wie viele "Morde wie jeder andere" kennen Sie denn, liebe Leser, liebe Chopiniterpretinnen, liebe Ingeborg-Bachmann-Verehrer und liebe Kriminologiesachverständige? Was ist für Sie ein "normaler" Mord? Wie viele malträtierte, aufgeschnittene, zerschlagene, entstellte Leichen haben Sie in Ihrem Leben schon gesehen, berührt, beweint? Was ist für Sie ein "gewöhnlicher", ein berichtenswerter, ein regionaler Mord?

Muss die Tagesschau berichten, wenn in Leipzig ein verfaulter Obdachloser mit zertrümmertem Schädel und "Tierfraß" im Gesicht auf der Müllkippe gefunden wird? Möchten Sie zur besten Sendezeit unterrichtet werden über die Spuren, welche die "mindestens zehn Stampftritte auf den Kopf des bewusstlosen Jugendlichen" hinterließen, die täglich vor deutschen Schwurgerichten verhandelt werden? Haben Sie einmal darüber nachgedacht, wie viele Brückenvenen in den Hirnen von Säuglingen und Kleinkindern jährlich durch heftiges "Schütteln" abreißen, ausgelöst von Müttern oder Vätern, überfordert oder gestresst, besoffen oder bloß wütend, und wie diese Mütter und Väter drauf waren am Abend des "tragischen Todes" ihres Kindes oder bei jener Tat, die das Kind als Schwerbehinderten zurückließ? Und vor allem: Wann haben Sie sich zum letzten Mal darüber beschwert, dass die Tagesschau Ihnen all diese Informationen vorenthielt?

Sechstens: Die Wahrheit ist ein hohes Gut. Leider ist sie zugleich Nebelwerk, Schatten, Versuch. Was Wahrheit ist, ergibt sich für den Menschen, sobald nicht der eigene Körper von ihr betroffen ist, stets und notwendig aus einem Akt der Verständigung mit anderen Lebewesen. Was die Wahrheit über Sie ist, sehr geehrte Leser und Leserinnen: Wissen Sie es? Könnten Sie es jetzt sagen oder aufschreiben: "Die ganze Wahrheit über mich"? Oder zumindest: "Die zehn wichtigsten wahren Sätze über mich"? Wenn nein: Warum nicht? Und wer sonst: Ihr Lebenspartner, Ihre Mutter, Ihr Hausarzt, Ihre Facebook-Freunde, Ihr Lehrer, Ihre Computer-Festplatte? Wie fühlt sich Ihre Wahrheit an, wenn Sie im Bett liegen, kurz vor dem Einschlafen, oder allein auf dem Bahnsteig, oder im Traum?

Haben Sie schon eine Straftat begangen? (Wahrscheinlichkeit: 100 Prozent) Wenn ja: Welche? Wie fühlte sich das an? Wie sind Sie damit umgegangen? Wurden Sie erwischt? Haben Sie sie offenbart? Wenn ja: Welches waren die Reaktionen darauf? Und wenn nein: Warum nicht?

Vor einigen Wochen lief der tausendste Tatort im 1. Programm. An wie viele in dieser Fernsehserie dargestellte Tötungsdelikte aus den letzten 30 Jahren erinnern Sie sich? Könnten Sie schildern, wie sich der/die jeweilige Täter/Täterin gefühlt hat? Ich ahne, dass manche von Ihnen diese Fragen merkwürdig finden. Sie sind es nicht, sie fragen nur ab, was nach der Behauptung einer überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung eigentlich selbstverständlich ist. Die Sprachlosigkeit, die sie bei Ihnen auslöst, ist nicht Ihre Schuld. Sie ist "normal", menschlich, überall. Sie sahen in den letzten drei Monaten bei ARD und ZDF Bilder von gequälten, verhungernden, um ihr nacktes Leben kämpfenden Kindern, und waren – vermutlich – entsetzt. Haben Sie sich bei den Sendern darüber beschwert, dass Sie über das weitere Schicksal der Betroffenen nicht informiert wurden? Wenn Nein: Warum nicht?

Siebtens: Wie viele Sexualdelikte werden in Deutschland begangen von a) Katholiken, b) Protestanten, c) Frauen, d) Personen mit Hochschulabschluss, e) Ärzten, f) partnerlosen Männern, g) Minijobbern? h) Bayern? Ich will doch hoffen, dass Sie das wissen. Denn es ist ein eingeborenes, und vor allem selbstverständliches und legitimes Grundbedürfnis der Deutschen, die Risikogruppen in der Gesellschaft präzise zu beschreiben, damit man weiß, was man zu denken und wie man sich zu verhalten hat. Vor allem auch, wie man das Risiko verringern kann.

Ich gehe also davon aus, dass Sie, liebe Leser, eine ungefähre Vorstellung davon haben, ob die Anzahl der Tötungsdelikte – selbstverständlich auf die absolute Zahl der jeweiligen Population bezogen – bei den in Deutschland aufhältigen Afghanen, den deutsch-stämmigen Sozialhilfeempfängern oder der männlichen Population zwischen 15 und 30 Jahren Lebensalter am höchsten ist.

Denn sonst würde ja die ganze Aufregung keinen Sinn machen: Man kann sich, wenn ein Vanille-Joghurt vergammelt ist, nur dann sinnvoll über die unerträgliche Schimmelquote von Vanille aufregen, wenn man weiß, annimmt oder vermutet, die Anzahl der vergammelten Erdbeerjoghurts sei geringer. Denn sonst müsste man von Vanille und Erdbeere abstrahieren und die Sache auf die nächsthöhere, also die Joghurt-Ebene heben. Wenn sich dort nun herausstellen würde, dass man gar nicht weiß, wie viele Kefir- und Dickmilchprodukte ebenfalls vergammelt sind, kann man zwar immer noch im nächstgelegenen Skandalsender einen bescheuerten Notstandsbericht mit dem Titel "Deutsche Joghurts vergiftet" platzieren, befindet sich damit aber definitiv auf der Intelligenzebene jener Zuschauer, für deren Verblödung man seit Jahren arbeitet.

Anders gesagt: Ich warte darauf, dass mir irgendjemand sagt, auf welcher Abstraktionsebene er seine Erkenntnisse über die Wahrheitspflicht zum "Freiburger Mord" ansiedelt. Und vor allem: Warum.

Warum wird aus einer Nichtmeldung eine Meldung?

Achtens: In Freiburg ist ein Verbrechen begangen worden. Ob ihm ein weiteres folgte, weiß man noch nicht. Ein Tatverdächtiger wurde festgenommen. Er hat sich bisher nicht geäußert. Die zuständige Polizeibehörde hat mitgeteilt, es lägen gravierende Indizien dafür vor, dass der Beschuldigte zumindest die erste Tat begangen hat.

So ist das, so geht das, so macht es Sinn. Nicht den geringsten Sinn macht es hingegen, dass ein unübersehbarer Haufen selbsternannter Experten sowie das "postende" deutsche Volk – notorisch sachverständig in jeglicher Frage vom Elfmeter bis zur Weltwirtschaftskrise, von der Bankenrettung bis zur "Ein-China-Politik" – darüber räsoniert, welche Schlussfolgerungen weltpolitischer Art aus diesem Ereignis zu ziehen sind. Ich habe auch, ehrlich gesagt, bislang noch nicht einen Talkshow-Moderator, Investigativ-Reporter und Kommentator erlebt, der mit einer vertieften Kenntnis des Falls, der Fragen und der Zusammenhänge aufgefallen wäre.

Bevor wir diese Frage zu beantworten versuchen, meint der DLF-Moderator in der zwanzigsten "Expertenrunde" am 12. Dezember, fragen wir doch lieber mal was anderes: Könnte sich die herausragende journalistische Bedeutung der Meldung aus Freiburg nicht gerade dadurch ergeben, dass zwanzig Millionen uninformierte Menschen sie nicht verstehen? Damit sind wir bei:

Neuntens: Die Tagesschau hat über die Festnahme eines minderjährigen Beschuldigten in einer Sendung zur Primetime nicht berichtet. Unvorstellbar! Intendanten und Chefredakteure wälzen sich schweißgebadet in ihren Bettchen, eine Entschuldigung jagt die nächste, der deutsche Journalismus wähnt sich einmal mehr an einem der Gladbecker Wendepunkte.

Ich habe einen Traum: Ein Brennpunkt tut sich auf. Ein Intendant erscheint aus dem Nebel: verschwitzt, erregt, sanft angetrunken. Die Krawatte gelockert, der oberste Hemdknopf geöffnet. Er sagt: Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer! Ich bin der Intendant dieses Senders. Ich verantworte die Nachrichten, die wir Ihnen Tag für Tag als Wahrheit darstellen. Viele von Ihnen meinen offenbar, sich darüber beschweren zu müssen, dass wir nicht darüber berichtet haben, dass in Freiburg ein Jugendlicher festgenommen wurde, weil er dringend verdächtig ist, ein schweres Verbrechen begangen zu haben. Dies ist im Grundsatz ein Geschehnis, das sich überall in Deutschland viele Male im Jahr ähnlich ereignet.

Der Grund, warum die Beschwerdeführer sich so über alle Maßen aufregen, ist weder Mitgefühl mit der Toten und ihrer Familie noch Interesse an der Genese dieses Falls. Es ist vielmehr ausschließlich und ganz allein der Tatsache geschuldet, dass der Beschuldigte Mitglied einer Minderheit ist, deren Aufenthalt in unserem Land auf Angst, Wut, Hass und Ablehnung stößt. Ich teile diese irrationalen, von kenntnisfreier Angst beflügelten Emotionen nicht. Ich finde sie widerlich. Ich bin nicht verantwortlich für das Wohlbefinden und den Quotencheck des Pöbels, sondern für das kleine bisschen Wahrhaftigkeit, das dieses Medium vermitteln kann. Und aus diesem Grunde sage ich Ihnen, liebe empörte Volksgenossen: Lecken Sie mich am Arsch.

Wie gesagt: Nur ein Traum. Man könnte, zur Auffüllung des emotional-postfaktischen Vakuums beim Riesling-schlürfenden Tagesschau-Betrachter, noch eine kleine Live-Schalte anschließen in die kinderklinische Abteilung eines Krankenhauses in Aleppo oder eine Säuglingsstation im Sudan oder ein Waisenhaus in Kabul. Nur so halt: um der Wahrheit und des deutschen Mitgefühls willen, und zur Sicherstellung einer umfassenden Information der Zuschauer.

Zehntens: Warum nur läuft der professionelle Journalismus immer in dieselbe Falle? Warum wird aus einer Nichtmeldung eine Meldung, wenn 20 Millionen aufgehetzte Bürger meinen, es sei eine Meldung, dass nichts gemeldet wurde? Warum berichtet man nicht an vorderster Stelle über die unsäglichen Versuche der Verdrehung und Instrumentalisierung? Warum spielt man den Doppelpass mit dem reaktionären Rand, wenn man doch nach eigenen Angaben so weit darüber steht?

Der Generalsekretär einer bekannten deutschen populistischen Partei hat gefordert, der Pressekodex müsse geändert werden. Die Regelung, wonach die Nationalität eines Beschuldigten in der Berichterstattung nur dann genannt werden soll, wenn dies für das Verständnis der Tat von Bedeutung ist, müsse gestrichen beziehungsweise durch eine gegenteilige Regelung ersetzt werden. Die Nationalität von Beschuldigten soll somit stets auch dann genannt werden, wenn sie für das Verständnis der Tat keinerlei Bedeutung hat. Oder: Die Nationalität des Beschuldigten hat für das Verständnis der Tat immer eine Bedeutung.

Beide Behauptungen sind gleichermaßen einfältig, werden aber lebhaft beklatscht. Wenn ich fordern würde, es müsse bei jeder Berichterstattung über Straftaten automatisch die Konfession, die Parteizugehörigkeit oder die sexuelle Präferenz des oder der Beschuldigten genannt werden, würde ich vermutlich für geisteskrank erklärt. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass diese Informationen kriminologisch uninteressant wären. Sie sind für eine wissenschaftliche Analyse ebenso bedeutend wie die Schulbildung, die Anzahl der Sexualpartner oder die Kontaktpersonen von Tätern und Opfern.

Über besorgte und besorgniserregende Bürger

Elftens: Am Ende bleiben auf der Oberfläche ein paar Fragen: 1) Begehen Ausländer mehr Straftaten als Inländer?  Wenn ja: Welche, und Warum? 2) Begehen "Flüchtlinge" mehr oder andersgeartete Straftaten als andere Migranten? Wenn ja: Welche und Warum? 3) Begehen Inländer mehr Straftaten als Ausländer? Wenn ja: Welche und Warum?

Dahinter stehen natürlich wieder sehr viele interessante weitere Fragen. Sie sind in vielen Ländern der Welt, aber auch in Deutschland, seit langem Gegenstand interessanter Forschungen, Analysen, Beobachtungen. Das geschieht nicht aus Zufall oder Langeweile, sondern weil Migration und Integration seit vielen Generationen ein ständiges, oft konflikthaftes, immer spannendes soziales Thema sind.

Die Ansicht, die Straftaten von Freiburg und Bochum seien ein Menetekel der Flüchtlingspolitik, und Bedrohungen der Sicherheit ließen sich durch eine restriktive Zurückweisung von Flüchtlingen aus den Krisenregionen der Welt ausschließen, ist unzutreffend. Sie wird auch nicht wahr durch stete Wiederholung.

"Angst und Besorgnis" ist angeblich die Verfassung des Deutschen Ende 2016. Keine Zeitung, kein Sender, der diesem Schreckensphänomen nicht täglich sein Opfer bringt. Freilich: Dafür, dass Deutschland in Angst erstarrt, läuft das Weihnachtsgeschäft allerdings bisher prima! Die Aufforderungen, zur Vorbeugung der unausweichlichen Katastrophe 20 Liter Wasser sowie einige Dosen Bio-Corned-Beef plus veganes Knäckebrot einzulagern, haben, wie mir mein soziales Umfeld berichtet, etwa 98 Prozent der Deutschen souverän ignoriert: World War III und Fessenheim I scheinen postfaktisch noch keine Chance zu haben gegen Helene Fischers Weihnachtsgala und den potenziellen Mörderflüchtling von Zwickau oder Nürnberg. Womit ich natürlich nicht sagen will, dass die Chefredakteure aller großen deutschen Zeitungen sich öffentlich dafür zu entschuldigen hätten, dass sie jahrelang nicht hinreichend über die "Döner-Morde" berichtet haben, als es an der Zeit war.

Fazit: Ohne jeden Scherz folgt das Ende dieser Kolumne: Wer mit Migration nicht leben will und kann, ist vielleicht ein "besorgter", auf jeden Fall aber ein besorgniserregender, in der neuen, globalisierten Welt nicht angekommener Bürger. Er ist, nach allen kriminologischen Erkenntnissen der letzten 150 Jahre, in hohem Maß gefährdet und gefährlich, denn er ist subjektiv desintegriert, enttäuscht, frustriert, objektiv auf der Verliererseite. Er neigt in deutlich überproportionalem Maß zum sozialen Rückzug, selbstdestruktivem Verhalten und Sucht, zu irrationalem Hass auf vermeintlich Schwächere und Minderheiten, zu Gewalttaten und zum Anschluss an totalitäre Glaubensgemeinschaften religiöser und politischer Art.

Über all das gibt es wirklich vorzügliche Studien aus den USA, einer Nation mit langer und großer Erfahrung in solchen Sachen. Viele dieser Untersuchungen befassen sich übrigens mit durch deutsche Flüchtlinge verursachten Problemen. Die überwiegend alleinstehenden, unbegleiteten jungen Männer, die da als Wirtschaftsflüchtlinge auf abenteuerlichen, oft illegalen Wegen aus Berlin, Hamburg, Dresden oder München ins Land ihrer Träume strömten, wollten einfach nicht einsehen, dass sie ihre rückständige deutsche Kultur gefälligst am Hafen von New York City abzugeben hätten. Der eine oder andere soll damals sogar eine junge amerikanische Frau vergewaltigt haben.