Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne Fischer im Recht finden Sie hier – und auf seiner Website.

Zuverlässigkeit ist, davon sind viele überzeugt, eine genetisch verwurzelte Eigenschaft der Deutschen. Egal, woher sie in den vergangenen Jahrhunderten auch in das Territorium in den Grenzen von 1990 gezogen und geflohen sein mögen – aus Frankreich, Polen, Italien, aus der Ukraine, aus Kasachstan, Rumänien, der Türkei, und so fort. Das ist das Schöne am Deutschsein, dass es sich nicht aus Tatsachen speist, sondern aus einem Geist, der dann wiederum Tatsachen schafft, welche den Geist hervorbringen und so fort… Daher sind auch fast alle Deutschen davon überzeugt, dass alle anderen Völker sich ärgern, dass sie selbst nicht so pünktlich, zuverlässig, treu und pflichtbewusst sind wie die Deutschen. Ein Grieche oder ein Araber verabredet sich ein ums andere Mal punkt 20 Uhr vor dem Kino und wartet dann frustriert, bis die Dame des Herzens gegen 21 Uhr herbeischlendert und nichts dabei findet. Dann denkt er sich: In Ingolstadt oder Wolfsburg wär mir das nicht passiert, da herrscht Ordnung. Zum Ausgleich beginnen die 20-Uhr-Filme in den genannten Ländern daher auch erst um 21.30 Uhr, weil die Filmvorführer ihrerseits ebenfalls eine recht entspannte Einstellung zu Dienstzeiten haben.

Nun könnte man denken: Dann gleicht sich ja alles wieder aus und ist gar nicht schlimm. Doch das täuscht. Wir kennen das aus unserem Schwesterland der 2-CV-fahrenden Kettenraucher: Ein Baguette mit Knoblauch-Frischkäse unter dem einen, eine Stange Gauloises unter dem anderen Arm, freihändig auf dem Fahrrad, auf den Gehwegen tausend bezaubernde junge Damen auf ihrer Wanderung von der Hermès-Boutique in ihre bezaubernde kleine Wohnung… Und was kommt dabei heraus? Chirac, Sarkozy, Le Pen, Präsidenten auf Motorrollern. Die pure Unordnung also. Da loben wir uns den Kölner: Er genießt das Savoir-vivre am Rosenmontag und steht Aschermittwochmorgens pünktlich auf dem Bahnsteig, um zur Schicht nach Leverkusen zu fahren. Da lässt die Bahn auch im Regionalexpress nicht mit sich spaßen. Das "leider" in "…konnte leider nicht warten" ist das Äußerste an Entgegenkommen, das der verspätete Pendler von der praktisch nie verspäteten Bahn erwarten kann. 

Gesundheit

Jeder weiß: Was der Arzt rät, muss man tun, und was er anordnet, widerspruchslos befolgen. Wie anders wären wir sonst ein Volk von durchtrainierten Nichtrauchern, Antialkoholikern, Körnerfressern und Gemüsestick-Dippern geworden? Wir schlucken die Medikamente, die man uns vorsetzt, und wenn uns plötzlich ein Enthüllungs-Format im TV sagt, dass sie Krebs erzeugen statt Fußpilz zu bekämpfen, setzen wir sie anderntags ab und schlucken andere. Die alle hundert Meter bereitstehenden Apotheken vermieten die Standflächen ihrer Verkaufsregale nach der Augenhöhe: Auf etwa 1,70 Meter stehen 50 Packungen jenes Schmerzmittels, dessen Pharmavertreter die überzeugendsten wissenschaftlichen Gründe genannt hat. Der Zweitplatzierte muss sich mit dem Anmieten der Fußmatte für sein Firmenlogo begnügen.  

Diese Mentalität des bedingungslosen Glaubens an das Grundschlechte und das Grundgute zugleich ist nicht bloß der Mutterboden des Katholizismus, sondern auch der sogenannten Compliance. Dieser schöne deutsche Begriff ist eine Wortschöpfung der AOK und der lieben Barmer Ersatzkasse (der Name kommt, liebe Hobby-Etymologen, nicht vom "Erbarmen", sondern stammt aus einem Wohnquartier, dem schwer integrierbare Unternehmer wie der berüchtigte Friedrich Engels entsprangen). Viele Jahrzehnte schlief die Compliance einen bleichen, kommunikativ unentdeckten Schlaf hinter den kilometerhohen Hecken, die ganz zufällig rund um die Global- und die Regional-Player, die Ärztekammern, die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und die Bankfilialen wucherten.

Es gab natürlich schon immer Worte und Bilder: Der ehrliche Hamburger Kaufmann. Der unbestechliche deutsche Halbschwergewichtsboxer oder Libero. Die sparsame schwäbische Hausfrau. Klar, dass ein anständiger deutscher Unternehmer ein Mensch ist wie Du und Ich, dem man einfach vertrauen muss (andernfalls man sich des Kommunismus verdächtig macht). Mit anderen Worten: Anständigkeit. Vertrauen. Zuverlässigkeit. Gerechtigkeit. Fairness. Elf Freunde sollt Ihr sein. Dafür legte sich der Deutsche Vorstopper in Malente in die Jugendherberge und duschte kalt.

Weite Welt

Dann geriet, wir wissen nicht wie, die Märklin-Welt ins Trudeln. Märklin stürzte ab, die HSH-Nordbank stürzte hoch. Siemens verkaufte Siemens, Bayer kaufte Schering, Volkswagen verkaufte abgasfreie Diesel, die Sparkassen und Volksbanken Hanau und Markkleeberg verkauften Derivate auf Wettscheine aus Dallas im Hochsauerlandkreis, im Zwischenhandel über Hongkong, was, wie der Aufsichtsrat der Filiale Rottweil schwor, nahe der kreisfreien Stadt Luxemburg liegt. Hätten sie es nicht getan, so beschwören uns die Vorstände bei den Gebeinen ihrer Großväter – die allesamt ehrsame Hufschmiede waren oder pünktliche Uhrmacher oder akkurate Teppichhändler – so wären sie vernichtet worden vom Sturm der Moderne, dem Tsunami der Agenda 1989, kurz – vom Weltgeist.

Die weite Welt ist etwas, das der Deutsche nun wirklich kennt. Wir waren schon überall. Und können sagen: Es ist überall schön. Wir ließen unsere Seelen sein, was sie sind (Achtung! Hinweis auf eine nicht lang zurückliegende Bukowski-Erregung!) oder schon lange "mal wieder" sein wollten. Mein Gott, diese Gastfreundlichkeit der Einheimischen! Diese Entspannung vom nervenzerfetzenden Umsatzsteuersystem, wenn uns der maledivische Ozean mit 30 Grad Celsius um die pedikürten Füßchen schwappt! Und wenn es mal nicht so schön war, gab es doch immerhin eine schöne Entschädigung für das Fehlen der Schönheit. Das Fehlen von irgendetwas heißt "Entgang". Erst ging etwas auf uns zu, dann ging es an uns vorbei. Entgangene Freude, entgangenes Glück, entgangene Liebe. Und wenn es ausnahmsweise einmal keine Entschädigung für das entgangene Leben gibt, hat höchstwahrscheinlich der Rechtsstaat versagt.