Die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland ist laut Arbeitsministerin Andrea Nahles nicht größer geworden. Das sagte die SPD-Politikerin nach einer Expertenanhörung zum fünften Armuts- und Reichtumsbericht. Dennoch hätten die unteren Einkommensgruppen trotz Mindestlohn und guter Konjunktur den Anschluss an die Mitte nicht bekommen, räumte die Ministerin ein. "Da müssen wir ran, damit das nicht einreißt." Um gegenzusteuern, müsse die Tarifbindung gestärkt werden, etwa im Dienstleistungssektor oder im Handel.

Seit 2001 veröffentlicht die Bundesregierung Berichte zur Wohlstandsverteilung. In diesem Frühjahr soll der Armuts- und Reichtumsbericht vom Kabinett beschlossen werden. Die Themen verdienten eine breite öffentliche Diskussion, sagte Nahles nach der nicht-öffentlichen Expertenanhörung.

Der etwa 650 Seiten starke Entwurf orientiert sich an vorherigen Fassungen, enthält aber auch neue Aspekte. Mit dem fünften Armuts- und Reichtumsbericht, der bisher in einem Entwurf vorliegt, bekomme man zwar gute Kenntnis über die Armut in Deutschland, nicht aber über die Reichen, sagte Nahles. Sie wolle nun mit dem Bericht ausleuchten, welchen gesellschaftlichen Einfluss Reichtum habe.

Hochvermögende bekämen ihr Vermögen zu einem guten Teil vererbt. Da stelle sich die Frage, inwieweit dies an die Gesellschaft zurückgegeben werden könne. Das Volumen von Erbschaften und Vermächtnissen lag 2014 bei fast 40 Milliarden Euro, 2007 waren es noch knapp 22 Milliarden. 

Zuletzt hatten Medienberichte für Diskussionen gesorgt, wonach die Regierung Passagen zum politischen Einfluss von Vermögenden gestrichen haben soll. Politische Veränderungen seien wahrscheinlicher, wenn diese von "einer großen Anzahl von Menschen mit höherem Einkommen unterstützt" würden, soll es in einer vorherigen Fassung geheißen haben. Das Bundesarbeitsministerium verwies darauf, dass der Entwurf noch in der Ressortabstimmung sei – Änderungen seien üblich.

Zwar mehr Erwerbstätige, aber auch höheres Armutsrisiko

Der vorliegende Entwurf betont positive Entwicklungen der vergangenen Jahre. Demnach ist die Zahl der Arbeitslosen seit dem letzten Bericht 2013 von 3,9 auf etwa 3,5 Millionen im Jahr 2015 gesunken. Auch bei der Jugendarbeitslosigkeit gab es einen deutlichen Rückgang. Zugleich waren mehr Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

Allerdings ist das Armutsrisiko ist den letzten drei Jahren leicht angestiegen. Besonders gefährdet sind demnach weiterhin Arbeitslose und Alleinerziehende. Hier verweist der Bericht auf die EU-Definition, wonach Menschen als armutsgefährdet gelten, wenn sie weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens haben. Das Volkseinkommen – sämtliche Erwerbs- und Vermögenseinkommen von in Deutschland lebenden Personen – ist von 2012 bis 2015 um etwa zehn Prozent gestiegen. Auch bei den Löhnen gibt es seit einigen Jahren einen Zuwachs.

Seit 2011 ist zudem die Lohnungleichheit den Erhebungen zufolge leicht rückläufig. Demnach ist in den vergangenen zehn Jahren die Zusammensetzung der Bevölkerung gemessen an der Wohlstandsverteilung recht stabil. Die weite Mehrheit, rund 78 Prozent, zähle zur Mittelschicht.

Die Wahrnehmung der Bevölkerung weicht jedoch stark von diesen Ergebnissen ab, wie der Bericht einräumt. Einer repräsentativen Befragung zufolge glauben 44 Prozent, der Anteil armer Menschen sei in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Vor allem Altersarmut ist für die Befragten ein gravierendes und wachsendes Problem. Laut Bericht ist indes das Armutsrisiko von Menschen ab 65 Jahre stets niedriger als das der Gesamtbevölkerung. Ein knappes Drittel sieht auch einen größeren Anteil Reicher in der Bundesrepublik.

Sozialverbände vermissen politische Konsequenzen

Sozialverbände, darunter Diakonie und Caritas, begrüßen die umfassende Datenerhebung. Sie vermissen jedoch politische Schlussfolgerungen dazu, wie die Schere zwischen Arm und Reich langfristig geschlossen werden könne. Denn auch wenn Arbeitslosigkeit und Sozialleistungsbezug abnähmen, die relative Armut sei schlussendlich größer geworden.

So fordert der Deutsche Caritasverband mehr frühzeitige Hilfen gegen Armut in allen Altersklassen. Erneut zeige der Bericht etwa einen engen Zusammenhang zwischen Armut und schlechten Bildungschancen. Die Regierung müsse über ihre Analysen hinaus endlich aktiv gegen Armut und verdeckte Armut vorgehen. Nach wie vor nähmen viele bedürftige Menschen gar keine Hilfe in Anspruch.

Die Diakonie kritisiert unter anderem, dass Erkenntnisse etwa zur Kinderarmut, Wohnungsnot oder Benachteiligung von Alleinerziehenden versteckt in den hinteren Textteilen auftauchten und nicht systematisch aufgearbeitet würden.