Das US-Justizministerium hat der Polizei von Chicago ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt. Polizisten in der Stadt hätten systematisch den Boden des Rechtsstaats verlassen und über Jahre hinweg die verfassungsmäßigen Rechte von Bürgern missachtet, heißt es in einem 161 Seiten langen Bericht, den Justizministerin Loretta Lynch in Chicago vorstellte.

Beim Vorgehen der Polizeibehörde der Stadt sei ein Muster der Anwendung exzessiver Gewalt zu erkennen, sagte Lynch. Es sei dabei zu Todesfällen gekommen. Die Gewaltanwendung sei weder angebracht noch verfassungsgemäß, heißt es in dem Bericht. Er beruht auf einer 13 Monate langen Untersuchung, die das Justizministerium nach dem Tod eines schwarzen Jugendlichen bei einem Polizeieinsatz in Chicago eingeleitet hatte. 

Laut dem Bericht ließen Polizeibeamte in Chicago die Benachteiligung von Schwarzen zu und eröffneten das Feuer auf Personen, die gar keine unmittelbare Bedrohung darstellten. Diese Praktiken hätten Zivilisten und Beamte gefährdet, vermeidbare Verletzungen und Todesfälle zur Folge gehabt und das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Polizei als "Grundpfeiler der öffentlichen Sicherheit" erschüttert, sagte Vanita Gupta von der Bürgerrechtsabteilung des Justizministeriums. Bei der Untersuchung stellte das Ministerium auch fest, dass Rekruten nicht ausreichend ausgebildet worden und bei Fehlverhalten nicht zur Rechenschaft gezogen worden seien.

Der Präsident der Polizeigewerkschaft von Chicago, Dean Angelo, äußerte Zweifel am Ergebnis des Berichts. Das Justizministerium habe die Untersuchung im Eiltempo durchgedrückt, um noch vor der Amtseinführung des neuen Präsidenten Donald Trump ein Ergebnis zu präsentieren, sagte er. Jeff Sessions, von Trump als Nachfolger von Loretta Lynch nominiert, hatte Überprüfungen lokaler Polizeibehörden durch die Obama-Regierung als zu weitgehend kritisiert.

Laut New York Times hat Chicagos Bürgermeister Rahm Emanuel aber bereits eine Vereinbarung mit dem Justizministerium getroffen, wie man die in dem Bericht beschriebenen Mängel abstellen könnte. Chicago ist nur eine von zahlreichen US-Städten, die von der Obama-Regierung zu Verbesserungen bei der Polizei aufgerufen wurden, darunter Baltimore und Ferguson.

Chicago war im vergangenen Jahr wieder zur Verbrechenshauptstadt der USA aufgestiegen. 2016 wurden mehr als zwei Morde pro Tag registriert, eine deutliche Steigerung gegenüber dem Jahr zuvor. Auslöser für die Untersuchung bei der drittgrößten Polizeitruppe in den USA war der Fall Laquan McDonald: Eine Kamera auf dem Armaturenbrett eines Streifenwagens filmte im Oktober 2014 mit, wie ein weißer Polizist das gesamte Magazin seiner Dienstwaffe auf den schwarzen Jugendlichen abfeuerte, der sich von den Beamten wegbewegte. In der Hand hatte er ein eingeklapptes Taschenmesser. Ende November 2015 wurde der Polizist wegen Mordes angeklagt.