© Andrew Biraj/Reuters

Bangladesch ist zehn Flugstunden von Deutschland entfernt – doch uns ist es näher als andere Länder. Die Kleidung, die wir tragen, kommt oft von dort. In Niedriglohnländern wie Bangladesch lassen Modekonzerne produzieren, um extrem niedrige Preise möglich zu machen.  

Für die Kleidungsindustrie ist es kein Problem, Menschen zu finden, die für sehr wenig Geld arbeiten. In Bangladesch liegt das nicht zuletzt am Klimawandel: Immer öfter kommt es zu Überschwemmungen, die die Ernten zerstören. Von Landwirtschaft zu leben, ist extrem schwer geworden. In den Dörfern gibt es keine Jobs und damit auch kaum Perspektive, besonders für Frauen nicht. Die Landbewohner ziehen weg, weil sie hoffen, in den Großstädten eine zweite Chance zu bekommen.

Wie geht es ihnen dort? Wie leben Menschen, die der Klimawandel aus der Heimat vertrieben hat und die jetzt in Fabriken arbeiten? In Gawair, einem Stadtteil von Dhaka, haben wir sie mit der 360-Grad-Kamera besucht.

In Gawair haben sich informelle Siedlungen gebildet, wie in vielen Vierteln von Dhaka: Familien leben auf engstem Raum in heruntergekommenen, oft improvisierten Gebäuden. Eine typische Familienunterkunft in Gawair können Sie in dieser 3D-Aufnahme im Detail ansehen.

Die Infrastruktur der Hauptstadt Dhaka ist für die enorme Zahl der Neuankömmlinge nicht ausgelegt. Viele von ihnen leben am Existenzminimum. Selbst wer den ganzen Tag arbeitet, schafft es nicht immer über die Armutsgrenze. Sie liegt in Bangladesch bei umgerechnet 1,83 Euro Verdienst am Tag.

Obwohl viele Menschen in Bangladesch noch unter desolaten Bedingungen leben, gibt es auch Fortschritte. Entwicklungsprogramme von UN und Weltbank sollen die ländlichen Gebiete wieder attraktiver machen. Gefördert werden kleinere Städte wie Bogra, Rajshahi oder Pabna, um die Landflucht von der Hauptstadt Dhaka wegzulenken.

Der Schlüssel dazu, dass es den Menschen besser geht, liegt allerdings im Westen. Solange sich das Konsumverhalten der reichen Länder nicht ändert, wird der extreme Preisdruck bestehen bleiben. Die Textilindustrie in Bangladesch gibt ihn direkt an die Schwächsten weiter – an ihre eigenen Mitarbeiter.

Bangladesch – die wichtigsten Informationen

Bangladesch im Überblick

Bangladesch ist ein Staat in Südasien, der an Indien und Myanmar grenzt. Mit einer Fläche von 147.570 Quadratkilometern ist Bangladesch weniger als halb so groß wie Deutschland. Trotz seiner relativ kleinen Fläche hat Bangladesch mit 163 Millionen Menschen die achtgrößte Einwohnerzahl weltweit. Es ist das drittgrößte Land der Erde mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit. Bei der Aufteilung Britisch-Indiens wurde das spätere Bangladesch zunächst als Ostpakistan ein Landesteil von Pakistan. 1971 erlangte die Region infolge des Bangladesch-Krieges ihre Unabhängigkeit; Bangladesch ist seitdem ein unabhängiger Staat und seit 1991 eine parlamentarische Demokratie. Die amtierende Ministerpräsidentin, Scheich Hasina Wajed, regiert das Land seit 2009. Ihre Partei, die Awami-Liga, steht für einen säkularen Mitte-Links-Kurs. Das Bruttoinlandsprodukt von Bangladesch lag im Jahr 2015 bei rund 195 Milliarden US-Dollar. Genaue Zahlen, wie viele Menschen in Bangladesch in extremer Armut leben, sind schwer zu ermitteln. Unterschiedliche Schätzungen gehen von etwa 20 bis 30 Prozent aus.

Die Folgen des Klimawandels für Bangladesch

Bangladesch gilt als das weltweit am stärksten vom Klimawandel betroffene Land. Einem Weltbank-Bericht zufolge könnten sich die Überflutungsgebiete in Bangladesch um 29 Prozent ausdehnen, wenn die globalen Durchschnittstemperaturen um 2,5 Grad ansteigen. In Bangladesch kommen mehrere Umweltprobleme zusammen: Überflutungen durch Ganges, Brahmaputra und ihre Nebenflüsse, Wirbelstürme am Golf von Bengalen sowie Dürreregionen im Nordwesten an der Grenze zu Indien. Allein durch Wirbelstürme sind nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation zwischen 1960 und 2010 mehr als 700.000 Menschen ums Leben gekommen.

Die Hauptstadt Dhaka – riesig und kaum regierbar

Obwohl die Hauptstadt Dhaka nur ein Prozent der Landesfläche umfasst, leben hier etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung und sogar 30 Prozent der urbanen Bevölkerung in Bangladesch. In Dhaka leben etwa sieben Millionen Menschen, im gesamten Großraum um die Metropole 14 Millionen. Im Jahr 2011 wurde Dhaka in zwei große Verwaltungseinheiten getrennt – ein Eingeständnis, dass die Megacity praktisch unregierbar geworden war. Dhaka besteht nun aus der Dhaka north city corporation und der Dhaka city south corporation, beide mit getrennten Stadtverwaltungen. Gawair ist einer von 36 Unterbezirken im neu formierten Nordteil der Stadt.

Millionen ziehen vom Land in die großen Städte

Dhaka ist eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Mit einem jährlichen Bevölkerungswachstum von 4,4 Prozent wird Dhaka im Jahr 2020 die drittgrößte Megacity weltweit sein. Mehr als 200.00 Menschen in Bangladesch verlassen jedes Jahr ihre Heimatdörfer, um sich in Dhaka ein neue Existenz aufzubauen. Um diesen Trend abzumildern, schlagen Experten vor allem zwei Maßnahmen vor: 1) Kleine ländliche Gebiete verstärkt weiterentwickeln, um Anreize für lokale Projekte zu schaffen. 2) Mehr Investitionen in Städte wie Bogra, Rajshahi and Pabna, um Dhaka und die zweitgrößte Stadt des Landes, Chittagong, zu entlasten.

Die Textilindustrie in Bangladesch

Bangladesch ist nach China der weltweit zweitgrößte Exporteur von Kleidung, die für westliche Marken produziert wird. Die Textilindustrie setzt Milliarden um und ist für acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts (Stand: 2013) verantwortlich. Mit Wachstumsraten von über sechs Prozent ist Bangladesch eine der am schnellsten expandierenden Volkswirtschaften der Welt. Schätzungsweise 60 Prozent aller hergestellten Textilien gehen nach Europa. Die Zahl der Textilarbeiter wird auf etwa vier Millionen geschätzt, die meisten verdienen den Mindestlohn von umgerechnet 63 Euro im Monat. Die Konkurrenz durch südostasiatische Staaten wie Vietnam ist groß. Textilfabriken in Bangladesch versuchen deshalb, die Kosten weiter zu drücken und ihre Angestellten weiter unter Druck zu setzen. Kontrollen durch staatliche Stellen sind lückenhaft. Es passieren immer wieder Unglücke. Die Opferzahlen sind oft hoch, weil die Arbeiter während der Arbeit in den Fabriken eingesperrt werden – das Management befürchtet, dass die Belegschaft sonst Materialien aus der Fertigung entwenden könnte.

Mikrokredite und Hilfsorganisationen

Das bekannteste Projekt, um arme Menschen in Bangladesch zu unterstützen, ist die Grameen-Bank. Der ehemalige Wirtschaftsprofessor Mohammad Yunus gründete die Bank 1983, um Mikrokredite für kleine Unternehmen zu ermöglichen – bis dahin war es für sozial Schwache wegen fehlender Sicherheiten kaum möglich, sich Geld zu leihen, ohne Wucherzinsen zu zahlen. Die Grameen-Bank basiert auf dem Prinzip des solidarischen Kredits und auf wechselseitigem Vertrauen. Dabei leihen sich kleine Gruppen gemeinsam Geld; die Mitglieder der Gruppe sorgen dann dafür, dass das Geld zurückbezahlt wird. 2006 wurde Yunus mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. In den Folgejahren kam es wiederholt zu Konflikten zwischen ihm und der Regierung von Bangladesch; 2011 schließlich wurde Yunus aus der Führung der Bank gedrängt.

Zahlreiche Hilfsorganisationen, darunter die Welthungerhilfe, Ärzte ohne Grenzen und SOS Kinderdörfer, sind in Bangladesch aktiv. In Gawair kümmert sich die Maria-Christina-Stiftung darum, dass auch Kinder aus armen Familien in die Schule gehen können. Die Stiftung, die 2005 von der Flugbegleiterin Maria Concepciao gegründet wurde, übernimmt bei 110 Kindern die Gebühren für eine nahegelegene Privatschule und vermittelt jungen Erwachsenen aus Gawair einen Job bei Etihad Airlines, dem ehemaligen Arbeitgeber von Maria Concepciao.

Warum der Begriff Slum problematisch ist

Viele Fachleute, darunter Allan Gilbert, Professor für Geographie am City College London, warnen davor, aufgeladene Begriffe wie Slum zu verwenden. Ein Beispiel sind die Ziele für nachhaltige Entwicklung der UN, in denen unter anderem die "Aufwertung von Slumsiedlungen" als Ziel formuliert wird. Gilbert kritisiert daran, die UN impliziere, Städte könnten sich ihrer Slums entledigen – ein Ziel, das vollkommen unerreichbar sei. "Das Wort ist auch deshalb gefährlich, weil es das Problem desolater Wohnsituationen mit den charakterlichen Eigenschaften der Bewohner vermischt." Wir verwenden deswegen nicht die Formulierung Slums, sondern beispielsweise informelle Siedlungen. Diese informellen Siedlungen können sehr unterschiedlich sein: Manche, die als Ableger eines Ortes gegründet wurden, gibt es schon lange; andere sind unkontrolliert gewachsen mit Einwohnern, die sich oft nicht kennen. In allen Fällen müssen sich die die Bewohner in Interessengruppen organisieren und Druck machen, um überhaupt Unterstützung von ihren lokalen Behörden zu erhalten. Wer diese sozialen Hebelkräfte nicht freisetzen kann, ist auf sich allein gestellt.

Comics aus Gawair

Dan Archer hat während der Recherchen für diese Geschichte in Bangladesch sein Skizzenbuch stets mitgeführt – die Gespräche und Begegnungen hat er als Comics aufgezeichnet.


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Mitwirkende

Idee, Text, 360-Grad-Videos, 3D-Scans, Comics: Dan Archer, Katharina Finger

Interaktiv-Coding: Julian Stahnke

Sprecher: Alexander Weise

Redaktionelle Koordination: Fabian Mohr

Die Recherche von Empathetic Media für diese Reportage wurde durch ein Innovation-in-Development-Reporting-Stipendium des European Journalism Centre ermöglicht, das durch die Bill and Melinda Gates Foundation finanziert wird.

Die Autoren danken Mohammad Shafikur, Rahman Jewel und Katrin Winter von der Maria Christina Foundation für die Unterstützung vor Ort, Taslima Akhter und Rahnuma Ahmed für ihre Übersetzungsarbeit sowie Dr. Saleemul Huq, Direktor des International Centre for Climate Change and Development.