Fast 1.000 Besucher sind am Donnerstagabend in die Aula 2 der Uni Köln gekommen, um etwas zu lernen über "(Sexual)Gewalt gegen Frauen und Recht"*. Die Veranstaltung bildet das letzte Glied einer von der Kölner Strafrechtsprofessorin Elisa Hoven ins Leben gerufenen Vortragsreihe, zu deren früheren Rednern unter anderem die Rechtswissenschaftler Gereon Wolters und Tatjana Hörnle, der Vorsitzende Richter am BGH, Thomas Fischer, und die stellvertretende Chefredakteurin der ZEIT, Sabine Rückert, zählen. Ergänzt und beschlossen wird diese Runde nun durch Alice Schwarzer, Expertin für Sexualstrafrecht schon qua historischer Gewöhnung. Sie schrieb zu dem Thema schließlich bereits vor 40 Jahren in der Erstausgabe der feministischen Zeitschrift Emma. Der Titel damals: "Männerjustiz".

Eine solche sieht Schwarzer auch heute noch am Werk, flankiert zumal von einem Bündnis gerissener Strafverteidiger und Medienanwälte, auf Kurs gehalten durch die übergriffige Berichterstattung einseitig täterorientierter Journalisten, und ideologisch gestützt durch ein Klima des falschen Verständnisses, das zulasten der Opfer ginge. Was Schwarzer zum Beleg dieses Narrativs in über vier Jahrzehnten gesammelt hat, ist Gegenstand ihres einstündigen Vortrags.

Zahlenzauber und Zirkelschlüsse

Auf Unvoreingenommene muss er bestürzend wirken: "Vergewaltigung ist heute in Deutschland ein quasi straffreies Verbrechen", klagt Schwarzer an, und lässt Zahlen folgen: Nur jede zwölfte Vergewaltigung werde auch angezeigt, nur jeder zehnte Beschuldigte werde verurteilt. "So komme ich letztendlich, das können Sie nachrechnen, darauf, dass nur jeder 100. Vergewaltiger verurteilt wird." Dass die Quellen, die sie zitiert, schon die Ausgangszahlen nicht tragen, kann das Publikum kaum wissen. Der Zirkelschluss ihrer Argumentation, die jeden Beschuldigten automatisch zum Schuldigen und jede Verfahrenseinstellung beziehungsweise jeden Freispruch zur Fehlentscheidung erklärt, sollte einem größtenteils von Jurastudenten bevölkerten Saal indes eigentlich nicht verborgen bleiben.

Das gilt auch für Schwarzers rechtspolitische Anklagen wie jene, dass das angeblich strukturell zum Nachteil der Frauen wirkende Mordmerkmal Heimtücke bis heute nicht abgeschafft sei, obwohl "unsereins das schon vor 40 Jahren kritisiert hat – unglaublich!" Dass sich zwar nicht die Gesetzeslage, sehr wohl aber die Rechtsprechung geändert hat, und Fälle, in denen dieses Merkmal bisweilen zu ungerechten Ergebnissen führte, seit vielen Jahren in einer für Frauen günstigen Weise aufgelöst werden, verschweigt die Rednerin diskret.

"Irgendwo müssen die ja sein, die Millionen Täter der Sexualverbrechen"

Überhaupt wiegt das, was nicht gesagt wird, oft schwerer als das Gesagte. So stellt Schwarzer die Presse mit handverlesenen Zitaten zwar als lächerlich beichtväterliche Bande von Täterverstehern dar. Dass auf jedes wegen seiner Einfühlsamkeit verspottete Angeklagtenporträt Hunderte entmenschlichende Boulevardschlagzeilen über den "Axtmörder von Stuttgart", die "Bestie von Bern" und dergleichen kommen, bleibt hingegen unerwähnt.

Auch der Fall Kachelmann, in dem einige wenige Qualitätsjournalisten zur Wahrung eines letzten Rests von Würde des später Freigesprochenen beigetragen haben, gibt der Rednerin nicht etwa Anlass zu Selbstkritik, sondern lässt sie konspirative Machenschaften vermuten. Dass Kachelmann vom Landgericht Mannheim freigesprochen wurde, erklärt sich für Schwarzer durchaus nicht aus den Defiziten der Anklage, sondern aus dem Umstand, dass namentlich die ZEIT schon früh und umfassend über diese Defizite berichtet und somit Ergebnisdruck auf die Verfahrensbeteiligten aufgebaut hätte. Und überhaupt: "So mancher Gutachter oder Journalist kann parteiisch sein, weil er selbst Sympathisant oder gar Täter ist. Denn irgendwo müssen die ja sein, die Millionen Täter der Sexualverbrechen."

Ihre eigene Rolle im Kachelmann-Prozess bemäntelt Schwarzer, was nicht unbedingt verwunderlich ist: Sie war im Angriff auf die Persönlichkeitsrechte des Angeklagten an vorderster Front geritten. Die Bild-Zeitung, für die Schwarzer damals von dem Prozess berichtet hatte, wurde später zu einer der höchsten Schadensersatzzahlungen in der Geschichte des Presserechts verurteilt. Schwarzer selbst musste eine Unterlassungserklärung abgeben, weil sie nach dem Freispruch in einer Emma-Glosse die Worte "einvernehmlicher Sex" und "Unschuldsvermutung" als Unworte des Jahres vorgeschlagen und insinuiert hatte, Kachelmann habe seine Ex-Freundin sehr wohl vergewaltigt. Am Donnerstagabend sagt sie dazu: "Viele von Ihnen werden der Überzeugung sein, ich hätte in dem Fall Kachelmann behauptet: Die Frau sagt die Wahrheit, der Angeklagte ist schuldig. Das ist falsch. Es ist das Ergebnis einer geschickten Litigation-PR, und dass es nicht zutrifft, können Sie in meinen zahlreichen Texten nachlesen. Sie stehen alle auf Emma online." Der Beitrag, dessentwegen sie verurteilt wurde, ist auf den Seiten von Emma nicht mehr zu finden.

"Mein Name ist Jörg Kachelmann"

Auch sonst verschweigt Schwarzer alles, was sich in ihre Sicht der Geschehnisse nicht fügen will – darunter das erst letzten September ergangene Zivilurteil des Oberlandesgerichts Frankfurt, demzufolge Kachelmann nachweislich Opfer einer vorsätzlichen Falschbeschuldigung geworden ist. Dass die Hörer es dennoch kennenlernen, ist Folge eines erstaunlichen Gastauftritts.