Klubnika heißt auf Russisch Erdbeere. In Berlin ist es der Name eines Clubs. Klubnika, die Oase im Grau. Der Club liegt an der äußersten Grenze von Lichtenberg, dort wo das schicke Friedrichshain aufhört und ein Meer von Hochhäusern beginnt, das sich unendlich Richtung Osten bis nach Marzahn erstreckt und in dem 36.000 Deutsche aus der ehemaligen Sowjetunion leben, sogenannte Russlanddeutsche. Es gibt hier eine russische Schule, russische Supermärkte, eine russische Kirche und Klubnika.

Drinnen sind die Wände mit Plastikbrillanten geschmückt. Sie glitzern im rosa Licht. Junge Frauen schreien auf der Tanzfläche russische Liebeslieder ihrer Elterngeneration ins Mikrofon. Lieder, die längst auf verstaubten Kassetten in russischen Kellern vergessen wurden, musikalische Kadaver eigentlich.

Die Frauen wippen auf Stöckelschuhen zum Takt des elektronischen Metronoms. Bebauchte Männer sitzen auf weißen Kunstledersofas und werfen scheue Blicke auf die zu langen Frauenbeine, die unbeholfen unter zu kurzen Synthetik-Abendkleidern hervorragen. Bloß nicht zu lüstern schauen, heißt es für die Männer. "Hier geht es gesittet zu", sagt eine Besucherin, nicht so wie in anderen Berliner Clubs. Hier sei man jenseits westlicher Dekadenz.

Umgeben von der russischen Seele

"Möchtest du einen?", fragen Unbekannte einen neuen Gast auf Russisch mit deutschem Akzent und schieben ihm ein Wodkaglas und eine saure Gurke entgegen. Zusammen zelebriert man im Klubnika die Idee eines Russland, das die Mehrheit der 20-bis 30-jährigen Besucher kaum je bewusst erlebt hat, denn sie kamen als Kinder nach Deutschland. Sie sind Nachfahren der Deutschen, die im 18. Jahrhundert nach Russland emigrierten, meist um der wirtschaftlichen Not in Deutschland zu entfliehen. Ihre Eltern wanderten aber dann in den neunziger Jahren im Rahmen des Zuwanderungsprogramms für Aussiedler und Spätaussiedler wieder nach Deutschland ein und erhielten die deutsche Staatsbürgerschaft.

Marina ist eine von ihnen. Sie steht an der Seite und schaut unter überschminkten Wimpern im Raum umher. Hier, umgeben von der russischen Seele, fühle sie sich zu Hause, sagt Marina, seufzt und fährt sich durch das grell blondierte Haar. Ein Gefühl, das die 30-Jährige, die mit zwölf Jahren mit ihren Eltern vom Ural nach Deutschland zog, jenseits dieser Glitzerwände sehr vermisst.

Marina spricht Deutsch und arbeitet erfolgreich unter Deutschen. Sie sei angepasst, sagt sie. So richtig dazugehörig fühle sie sich trotzdem nicht. Die russische Kultur sei eine andere, sagt sie. Deshalb habe sie auch nur russischsprachige Freunde. Im Hintergrund schreien die Frauen einen russischen Schlager aus den achtziger Jahren: Weiße Rose ohne schützende Dorne.

Auf der Tanzfläche © Rina Soloveitchik

Gerade in letzter Zeit werde es wirklich unangenehm in Deutschland, sagt Marina. Die Realitäten, von denen deutsche und russische Medien erzählten, klafften immer weiter auseinander. Wenn sie nicht im Klubnika feiern geht oder arbeitet, guckt Marina deutsches und russisches Fernsehen. Oft ist sie danach verwirrt. Laut den deutschen Medien scheint die Welt in Deutschland relativ in Ordnung. Marina erfährt auch, dass Russland Menschenrechtsverletzungen an Syrern und Ukrainern begeht.

Die Apokalypse in Europa

Im russischen Fernsehen sieht die Welt anders aus. Hier wird eine europäische Apokalypse gezeigt. Männer aus München bauten in den vergangenen Monaten eine Mauer gegen Flüchtlinge, Terrorzellen in Europa wurden fast wöchentlich aufgedeckt. IS-Kämpfer kündigten an, nach Europa zu fliehen. Die Deutschen kauften immer mehr Waffen, um sich zu verteidigen. Das EU-Parlament bedrohte Russland mit einer geplanten europäischen Armee und die USA verübten Cyberangriffe in Russland.

Die Stimmen der Frauen auf der Tanzfläche werden schriller. Wenigstens könne man hierherkommen und unter sich sein, sagt eine junge Frau zur anderen. In den Musikpausen schnappen sie nach Luft. Als könnten sie ersticken, wenn sie nicht durchatmen. Es wirkt irgendwie anstrengend. Vielleicht weil es um vieles geht im Klubnika, um Identität und Heimat.