"Die Türkei ist das beste Land der Welt." So und so ähnlich habe ich diesen Satz in den letzten 13 Jahren als Lehrerin von jungen Deutschtürken im Ruhrgebiet immer wieder gehört. Nach wie vor sind die Kinder und Jugendlichen von der Heimat ihrer (Ur-)Großeltern fasziniert. Sie selbst kennen sie aber allenfalls aus Urlauben, beziehungsweise glauben sie zu kennen. Der Garant, dass die Türkei das beste Land auf der Welt bleibt, scheint für sie Staatspräsident Recep Tayyib Erdoğan zu sein.

Mit diesem Versprechen zumindest tritt die türkische Regierung auch an ihre "Landsleute" in Deutschland heran. Viele meiner Schülerinnen und Schüler mit türkischer Einwanderungsgeschichte identifizieren sich mit den angebotenen Werten von Stolz, Ehre und Stärke. Sie fühlen sich wertgeschätzt und als Teil dieses Narrativs. In Deutschland hingegen fühlen sie das nur bedingt. Junge Deutschtürken empfinden sich nicht immer als Teil des Ganzen, sondern bestenfalls als Minderheit, auf die häufig mit Misstrauen und Vorwürfen herabgeblickt wird.

Fremd in beiden Kulturen

Meine Schüler aus diesem Kulturkreis erleben immer wieder Ablehnung und Diskriminierung. Kein Wunder also, dass viele mir auf die Frage, welcher Nation oder welchem Staat sie sich zuordnen würden, ganz klar und ohne Zögern antworten: "Wir sind Türken." Um im nächsten Satz festzustellen, dass sie in der Türkei "Deutschländer" genannt werden. Erst zwei Gedankengänge später wird ihnen das eigene Dilemma klar.

Es gibt Deutschtürken, die es zu einem wichtigen und sichtbaren Teil unserer Gesellschaft gebracht haben, es gibt fantastische Künstler, Literaten oder Wissenschaftler, ohne die Deutschland ärmer wäre. Aber es gibt eben auch jene, die es deutlich schwerer haben, soziale Anerkennung zu erleben. Gerade ihnen fällt oft einfacher, sich als Türken zu verstehen denn als Deutsche. Das liegt auch an unseren Debatten, die seit Jahrzehnten mit Stereotypen geführt werden: "Die Türken kommen – rette sich, wer kann", betitelte der Spiegel sein Heft 31 von 1973.

Klischees über die Türkei bestehen fort

Viele meiner Schülerinnen und Schüler mit türkischen Wurzeln beklagen aber auch heute eine einseitige Medienberichterstattung. Dass etwa Präsident Erdoğan nicht für die ganze Türkei stehe, werde nicht ausreichend klargemacht. Wenn über Erdoğans Politik gesprochen und geschrieben wird, werde immer "die Türkei" assoziiert. Allerdings bestätigt natürlich das entsprechende Auftreten des türkischen Staatspräsidenten dieses Klischee: Er ist die Türkei und die Türkei ist er.

Tatsächlich aber wird häufig vergessen, dass die Türkei derzeit vor einer ihrer größten innenpolitischen Herausforderungen seit der Staatsgründung steht: Der Konflikt mit den Kurden eskaliert. Die Terrororganisation PKK ist aktiver als vor einigen Jahren. Der "Islamische Staat" verübt ebenfalls Anschläge in der Türkei. Drei Millionen syrische Flüchtlinge hat das Land aufgenommen. Die Wirtschaft ist ins Stocken geraten und auch der Putschversuch im letzten Jahr hat Spuren hinterlassen. Und das sind derzeit nur die größten und sichtbarsten Herausforderungen.

Die Regierungspartei AKP im Allgemeinen und Erdoğan im Speziellen haben ihren Anteil an diesen Entwicklungen. Spätestens seit den Gezi-Park-Protesten und dem gewaltsamen Niederknüppeln der Bewegung im Jahr 2013 wurde das immer deutlicher. Keine Frage, Erdoğan hat zunächst Wichtiges und Gutes für die Türkei geleistet und das Land deutlich nach vorne gebracht hat. Aber irgendwann haben sich diese Erfolge umgekehrt. Die türkische Gesellschaft spaltet sich immer stärker und die Regierung wählt immer seltener rechtsstaatliche Mittel, um Problemlösungen zu finden.

Viele wünschen sich keinen EU-Beitritt mehr

In dieser Situation sehnen sich offenbar nicht nur viele Türken selbst, sondern infolge ihrer Identifikation auch viele Deutschtürken nach einer starken Hand, die solchen Herausforderungen standhält. In Erdoğan sehen sie dies verwirklicht. Und er selbst sieht in der forcierten Transformation zu einem Präsidialsystem die einzige Möglichkeit, dem Gegner, der nach eigenem Verständnis überall lauert, die Stirn zu bieten.

Von der Idee, die Türkei könne einmal Teil der Europäischen Union werden, nehmen derweil auch unter den Deutschtürken offenbar immer mehr Abstand. Sie wollen sie gar nicht mehr verwirklichen und beklagen stattdessen die Unehrlichkeit der EU-Verhandlungspartner. Die Türkei solle sich in eine andere Richtung orientieren, heißt es oft. Zu dem vorhandenen und wachsenden Misstrauen passt nun in ihren Augen, dass man in Deutschland bislang 13 Imame des Islamverbands Ditib ausgemacht hat, die im Auftrag der türkischen Regierung ihre eigenen Gemeindemitglieder denunziert haben sollen. Die Ermittlungen gegen diese Ditib-Imame laufen und der politische Druck auf Deutschlands größten islamischen Dachverband wächst.

Türkei - Çavuşoğlu verbittet sich deutsche Einmischung in Referendum Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu hat bei einem Treffen mit Sigmar Gabriel gesagt, dass Deutschland eine Positionierung zum Verfassungsreferendum unterlassen solle. © Foto: dpa/Roland Weihrauch