Dies ist der erste Text unserer neuen Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE in den kommenden Monaten aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres neuen Sonder-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

Daniel war noch nie verliebt. Jetzt, mit Mitte 30, hat er entschieden: Das muss sich ändern. Er sucht eine Frau, seine erste feste Freundin. Er will endlich wissen, wie sich dieses Verliebtsein anfühlt. Bis jetzt hat er davon nur gehört und gelesen.

Daniel ist ein einsamer Mensch. Könnte man jedenfalls annehmen, wenn man die Gegend sieht, in der er lebt. Hügeliges Land im Süden Sachsens, nicht weit entfernt von der Sächsischen Schweiz und der tschechischen Grenze. Eigentlich wohnt Daniel noch nicht mal in einem richtigen Dorf, sondern in einem versprengten Örtchen, zu dem man nur über schmale, kurvige Straßen gelangt. Sein Haus liegt abseits von den anderen. Gepflegte Fassade, kleiner Garten, drinnen viel Platz für zwei. Daniel teilt sich das Haus mit seiner Mutter.

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Hier hat er die allermeiste Zeit seines Lebens verbracht. Schiebt man die Spitzengardinen vor den Fenstern zur Seite, ist da nur Landschaft zu sehen, aber weit und breit kein Mensch. Niemandsland. Genau das mag Daniel, diese ewige Stille, diese radikale Abgeschiedenheit. Manch ein Städter würde es hier unheimlich finden. Ihn beruhigt diese Umgebung. "Ich will hier nicht weg", sagt er. "Aber viel brauche ich auch nicht: Stille, ein Dach über dem Kopf, Computer und schnelles Internet."

Für eine sehr lange Zeit war ihm das genug. Seit ungefähr einem Jahr aber ist etwas anders. Daniel sucht Kontakte, nicht nur in der Computerwelt. Er will Begegnungen im richtigen Leben. Nicht, weil ihn die Einsamkeit besonders quält, für ihn ist Alleinsein der Normalzustand. Es ist eher ein Kampf gegen sich selbst. Daniel wird älter, und mit jedem Geburtstag wird eine Frage lauter in ihm: "Ich will wissen, ob es nicht doch noch mehr gibt im Leben." Sein Zeigefinger springt über die zerstreuten Nachbarhäuser am Horizont. Menschen in seinem Alter leben kaum noch in der Gegend. Die meisten sind weggezogen, hin zu Jobs, hinein ins Großstadtleben. Nur die Alten bleiben. Und etliche Männer, die single sind. "Hier gibt es viele Männer, die allein in ihren großen Häusern leben", sagt Daniel. "So will ich mal nicht werden."

Auf dem Land fehlen Frauen. Seit Jahren fällt das in Bevölkerungsstatistiken auf, vor allem in jenen aus Ostdeutschland. Frauen, gerade jüngere, sind im Durchschnitt mobiler als Männer. Sie ziehen häufiger weg in die Großstädte, gehen häufiger in den Westteil Deutschlands. Sachsen ist für diese Entwicklung ein gutes Beispiel. Zwar leben hier insgesamt mehr Frauen als Männer. Betrachtet man hingegen nur die Altersgruppe der 18- bis 30-Jährigen, die über die Zukunft der Region entscheiden, verändert sich das Bild. Auf 100 Männer kommen dann durchschnittlich nur noch knapp 91 Frauen, heißt es im aktuellen Landesentwicklungsbericht. Auf dem Land ist der Männerüberschuss oft noch extremer.

Es gibt Forscher, die argumentieren, dass man solche Dellen in der Demographie langfristig beobachten müsse. Gut möglich, dass sich der Trend wieder drehe. Andere Wissenschaftler hingegen sehen im Männerüberschuss bereits heute ein echtes Problem, das andere nach sich ziehe: Die Schwierigkeiten bei der Partnersuche und Familiengründung führten oft in private und berufliche Perspektivlosigkeit. Manche Männer rutschten eher in radikale Szenen ab, wenn sie allein blieben.

"Einfach mal treffen, die Chemie muss passen"

Daniel ist kein radikaler Mensch. Seine wohl extremste Eigenschaft: Er ist ein Eremit in seinem eigenen Zuhause. Aber er hat Angst davor, irgendwann auch der einzige Bewohner in seinem Haus zu sein. Deshalb die Idee mit den Kontaktanzeigen. Zuerst hat er Flirtportale im Netz ausprobiert. "Aber da wird geredet und geredet und, sobald man sich mal auf einen Kaffee treffen will, ist Ruhe." Also geht er, der Computerfreak, lieber den altmodischen Weg: Zeitungsannoncen.

"Von Computer faszinierter, auf dem Land lebender Mann, NR, kräftiger gebaut, humorvoll, sucht dich." So stellt Daniel sich vor, auf dem Marktplatz für dies und das, ganz hinten im Kleingedruckten der regionalen Zeitungen. Woche für Woche erscheinen immer wieder die gleichen Sätze. "Einfach mal treffen, die Chemie muss passen =). Meine Hobbies sind eher digital, d.h. PC Gaming, Programmieren, Serien schauen, aber keine Angst, ich verreise auch gern mal und kann mich auch für andere Sachen begeistern." Eine Anzeige ohne Pose, ohne Übertreibungen. Finden Frauen so einen Typen sympathisch ehrlich? Oder ziemlich sonderbar?

Daniel hat braune Augen, einen dunklen Bürstenschnitt, in den sich die ersten grauen Haare mischen, eine massige Gestalt, aber ein sanftes Auftreten. Er ist nicht wie alle anderen – das sagt er über sich selbst. Seine Geschichte erzählt er offen, nur sein richtiger Name soll nicht erscheinen. Er will keine Spuren im Internet hinterlassen. Mit dem Netz und Computern kennt Daniel sich aus wie mit kaum etwas anderem. "Bis jetzt war ich mit Rechnern verheiratet" – das ist wohl seine größte Stärke und zugleich seine größte Schwäche.