Ende 2016 erreichte mich eine E-Mail von einer Mutter, die sich Sorgen um ihren Sohn machte: Der Junge wurde aufgrund seiner jüdischen Herkunft von seinen Mitschülern an einer Schule im bürgerlichen Berlin-Friedenau gemobbt. Die Mutter bat mich und meine Mitstreiter der jüdisch-muslimischen Initiative Salaam-Schalom um einen Schulbesuch. In solchen Fällen schicken wir gerne einen jüdischen und einen muslimischen Aktivisten in die Klassen.

Das Ziel ist es, mit den Kindern über Themen rund um das Judentum und den Islam in ein lockeres, aber ernstes Gespräch zu kommen. Wir wollen sie für Vorurteile sensibilisieren. Leider ist aus diesem Besuch nichts geworden. Die Lehrer nahmen die Bitte der Familie nicht einmal wahr. Ein paar Monate später zogen die Eltern die Notbremse. Sie nahmen ihren Sohn von der Schule, nachdem er von einem anderen Schüler verprügelt worden war.

Ob wir mit unserem Besuch diese Gewalttat hätten verhindern können – wer weiß. Die politische Sensibilisierung von Jugendlichen ist eine langwierige Aufgabe. Ein zweistündiger Workshop reicht wahrscheinlich nicht.

An einer Neuköllner Oberschule begleitete ich ein halbes Jahr lang eine Klasse. Ich war die erste jüdische Person, die diese Schüler kennenlernten. Ahmed, ein halbwüchsiger palästinensischstämmiger Berliner, hat mich gleich in der ersten Sitzung für die israelische Besatzung im Westjordanland verantwortlich gemacht.

Ich habe den Vorwurf als Chance wahrgenommen und mit ihm darüber diskutiert, warum eine Pauschalisierung problematisch ist. "Mir wird auch immer unterstellt, dass ich ein Problem mit Homos habe, nur weil ich Araber bin", antwortete Ahmed mit funkelnden Augen. Diesen Punkt konnte er gut nachvollziehen. Das Museum Neukölln wird die Ergebnisse dieses Schulprojektes im Mai im Rahmen einer Sonderausstellung präsentieren: Unter anderem können dort Besucher ein Video sehen, in dem zwei Neuköllner, Ahmed und ich, über unser Leben als die "Anderen" in der Bundesrepublik diskutieren – und darüber, wo man das beste Falafel in unserem Kiez kaufen kann.

Es kommt immer wieder zu inhaltlichen Vermischungen: Juden werden pauschal für Israels Identitätspolitik verantwortlich gemacht. Solchen Stereotypen begegne ich immer wieder, natürlich auch unter nicht-palästinensischstämmigen Deutschen und gewiss nicht nur in Schulklassen. Ich toure in allen möglichen Ecken Deutschlands mit Lesungen aus meinem Buch über jüdisches Leben. Von den oft älteren, biodeutschen Zuhörern sowohl in einer sächsischen Kleinstadt als auch in Hamburg werde ich dann auf "meinen grauenvollen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu" angesprochen. Vor Kurzem musste ich sogar einem Berliner SPD-Abgeordneten erklären, dass nur eine Minderheit der Juden die israelische Staatsbürgerschaft besitzt. Die Heterogenität der jüdischen Gemeinschaft können die Menschen nur realisieren, wenn sie thematisiert wird. Da hilft nur die direkte Kommunikation, der Feldeinsatz – Pressemitteilungen reichen nicht aus.

Nachdem die Familie des verprügelten Jungen mit dem Fall an die Öffentlichkeit ging, verurteilten viele öffentlich die Gewalttat und fingen an, nach einer Lösung für das Problem zu suchen. Der Zentralrat der Juden forderte einen Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung, kurz darauf schlossen sich mehrere andere Organisationen der Idee an, wie die Jüdische Studierendenunion Deutschland oder das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus.