Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

Weitere Informationen über #D17

Der Wetterbericht kündigt Südostwind an. Das, so hatte es Isfried Meyer am Telefon gesagt, darf man als Warnung verstehen für einen Besuch im Erzgebirge. Seit Generationen wohnt Meyer in Seiffen, im südlichsten Zipfel Sachsens. Eine Arbeitergegend, im Winter beliebt als Weihnachtsland, aus dem geschnitzte Nussknacker und Schwibbögen kommen. Auf der Wiese neben Meyers Grundstück war einst der Eingang zu einem Stollen. Er selbst lebt in einem ehemaligen Bergmannshaus, wie schon seine Vorfahren.

Seit Generationen weiß Familie Meyer um das Problem, das hier alle kennen: Bei Südostwind bleiben im Haus die Fenster geschlossen, denn der bringt oft Gestank und Nebenwirkungen wie Übelkeit, Kopfschmerzen, allgemeines Unwohlsein. Manchmal sei es so schlimm, sagt Meyer, dass er gar nicht das Haus verlasse.

An diesem Tag sieht man den Rentner draußen herumwerkeln. Die Vorhersage hat sich geirrt, der Wind weht aus einer anderen Richtung. "Hier riecht's heute nur nach Gülle", sagt Meyer und zeigt zum Landwirtschaftsbetrieb gegenüber. Das kleinere Übel, findet er. Das größere gibt es schon so lange, dass es im Laufe der Jahre viele Namen bekommen hat. "Katzendreckgestank" nennen manche die schlechte Luft, die regelmäßig durch die Dörfer des Erzgebirges zieht. Andere sprechen vom "Böhmischen Nebel".

Isfried Meyer, 68 Jahre alt, sagt: "Katzendreck passt eigentlich nicht mehr. So hat es hier früher gerochen, zu DDR-Zeiten, als noch mehr Kohle verbrannt wurde. Da war es noch viel schlimmer." Stinke es heute, dann nach Schwefel, Benzol oder nach verbranntem Gummi.

Böhmischer Nebel heißt das, weil man vermutet, dass die schlechte Luft aus einer riesigen Industriezone in Tschechien kommt. Unzählige dampfende Schlote reihen sich ein paar Kilometer hinter dem Erzgebirge aneinander. Der Geruch, der auf der deutschen Seite ankommt, ist unsichtbar. Also kein richtiger Nebel, aber das Problem bleibt nebulös. Es plagt die Menschen hier seit Ewigkeiten.

Die Quelle ist eingegrenzt, aber nicht ermittelt

Der Gestank ist auch für die Behörden ein Dauerthema. Wann es zum ersten Mal über die Schreibtische wanderte, kann niemand mehr beantworten. Seit einigen Jahren wird immerhin erfasst, wenn sich Erzgebirgler über den Geruch beklagen. Laut sächsischem Umweltministerium waren es im Vorjahr rund 400 Beschwerden, 2014 sogar mehr als 1.100. Die meisten werden im Winter gemeldet.

Dutzende Wissenschaftler haben die Gegend untersucht, sogar Flugzeuge waren unterwegs, um Daten zu sammeln. Ergebnis: "Es wurden mehr als fünfzig relevante Geruchsstoffe bestimmt, um die Quellen der Geruchsbelastung zu lokalisieren", meldet das Ministerium. Man ist sich inzwischen sicher, dass die Abgase aus dem nordböhmischen Industrievier stammen, einem Gebiet mit "etwa hundert berichtspflichtigen Industrieanlagen". Trotzdem ist es nicht gelungen, die Ursachen eindeutig zu ermitteln oder gar zu beseitigen.