Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Es ist ein einsamer Ort, an dem das deutsche Brauchtum ein Zuhause hat. Gleich gegenüber der Weggabelung am Hasentalweg, wo ein gekreuzigter Jesus neben einer Parkbank wacht, sitzen fünf Männer vor einer Hütte. Sie tragen schwarze Poloshirts, darauf das Logo ihres Vereins: Zwei sich schüttelnde Hände, von Lorbeer umrankt, vor blutroter Sonne. Die Hände stehen für Freundschaft, der Lorbeer für Erfolg, die Bedeutung der Sonne ist im Lauf der Zeit offenbar untergegangen. Immerhin gibt es das Zeichen schon seit 1855, dem Gründungsjahr des Junggesellenvereins Gemütlichkeit in Brenig, einem Dorf mit 4.200 Einwohnern, nicht weit von der Landstraße 192, zwischen Köln und Bonn, im Vorgebirge, wie man hier sagt.  

"Ein Junggesellenverein ist dazu da, Bräuche und Traditionen der Vorfahren am Leben zu erhalten und an kommende Generationen weiterzugeben", sagt Robin Löscher. Der 20-Jährige studiert Physikingenieurwesen und trägt bunte Festivalarmbänder am Handgelenk, an seinem Auto pappt ein Aufkleber aus Wacken. Vor zwei Wochen ist Löscher als Erster Schriftführer in den Vorstand des Vereins gerückt. "Es macht mich stolz, das darf ich schon sagen. Schließlich war schon mein Vater Mitglied des Junggesellenvereins", erzählt er und schaut etwas verschämt auf den Boden. Aus der Hütte dröhnt der Bass einer dicken Trumm. Der Spielmannszug Brenig, mit dem sich die Junggesellen das Gebälk am Waldesrand teilen, ist zur Probe eingetroffen.

Trinkfestigkeit beweisen

Zusammenschlüsse lediger Männer gibt es viele in der Region. Eine Statistik wird nicht geführt, aber das Internet spuckt Dutzende Vereine aus zwischen Vorgebirge und Eifel. Sie tragen Beinamen wie Edelweiß, Fröhlichkeit, Concordia oder eben Gemütlichkeit. Mitglied können alle unverheirateten Männer werden. "Die meisten steigen mit 16 Jahren ein", sagt Schriftführer Löscher. Wer dabei sein will, muss seine Trinkfestigkeit beweisen: In Brenig sind das fünf 0,2-Gläser Kölsch in zwei Minuten. Gescheitert ist daran bislang niemand.

Für die Junggesellenvereine startet allmählich die heiße Phase. Der 1. Mai gehört zu den Höhepunkten deutscher Brauchtumspflege. In vielen Teilen der Bundesrepublik werden Schützenkönige ausgeschossen, Maifeuer gezündet, Maiköniginnen gekrönt und Frauen Maibäumchen vors Fenster gestellt.

Die Wurzeln der Fruchtbarkeitsriten reichen zurück zu Kelten und Germanen. Nach dem Verständnis der alten Völker stiegen zu Maibeginn die Gottheiten auf die Erde. Es war die Zeit der körperlichen Vereinigung von Gottheit und Menschheit. Bei den Germanen galt der 1. Mai als Hochzeitstag Wodans mit der Göttin Freya.

Das hormongesteuerte Treiben im Frühling ließ unter den Männern offenbar den Wunsch nach Austausch aufkeimen. Überlieferungen zufolge gründeten sich im Rheinland bereits im 14. und 15. Jahrhundert erste Jungengemeinschaften, um die wilde Zeit bis zur Ehe zu überbrücken.

Die Zeit des Werbens um das weibliche Geschlecht hat seltsame Blüten getrieben. Was die Junggesellenvereine aus der Region noch heute guten Brauch nennen, wirkt wie aus einer längst vergangen geglaubten Welt.

Ich wäre eher pikiert, wenn niemand für mich geboten hätte.
Michael Schönecks Freundin Veronika

Zwei Wochen nach Karneval versteigert der Breniger Verein alle ledigen Frauen des Dorfes im Alter von 16 bis 29 Jahren. Bis drei Uhr in der Früh sitzen die Männer bei Kölsch aus der Flasche im Pfarrheim zusammen, begutachten die Bilder der Damen, übertragen von Beamer auf Großleinwand, und geben vor dem Antlitz des gekreuzigten Heilands an der Wand ihre Gebote ab. 70 Frauen kommen dieses Jahr beim Mailehen in Abwesenheit und ohne ausdrückliche Zustimmung unter den Hammer. Das höchste Gebot erhält im besten Fall die eigene Freundin, die Übriggebliebenen verteilen die Männer untereinander. Am Ende sind 1.300 Euro im Topf. Jede Ersteigerte, ob sie will oder nicht, erhält später eine Urkunde. Aus dem höchsten Gebot geht das Maikönigspaar hervor, das sich beim großen Fest Ende Juni ein Wochenende bei Blasmusik, kölschen Karnevalsklassikern und Umzug auf dem Marktplatz feiern lassen darf. 

Nebelmaschine, Lasershow, DJ-Pult

"Es mag sein, dass Außenstehende das als seltsam oder aus der Zeit gefallen empfinden", sagt Michael Schöneck, mit 30 Jahren das älteste Mitglied der Breniger Junggesellen. "Aber wir zwingen die Frauen zu nichts, alles ist freiwillig." Auch seine Freundin Veronika, die er zum heutigen Treffen mitgebracht hat, kann nichts Anstößiges in dem Mailehen erkennen. Sie wurde selbst bereits achtmal ersteigert. "Für mich ist das völlig in Ordnung. Ich wäre eher pikiert, wenn niemand für mich geboten hätte", sagt die 30 Jahre alte Grundschullehrerin. 

Freilich kennen die Breniger die gängigen Vorurteile, die gerade Städter gegen sie vorbringen: hinterwälderlerisch, braun angehaucht. "In der Mensa werde ich oft gefragt, ob ich es nicht selbst seltsam finde, was ich dort mache", sagt Student Löscher und streift sich einen Rammstein-Kapuzenpullover über. "Ich sage dann immer, schaut euch doch mal unsere Facebookseite an oder kommt zu unseren Festen. Dann werdet ihr sehen, dass alles gar nicht so schlimm ist."

Für die Junggesellen aus dem Vorgebirge ist ihr Tun keine dumpfe Deutschtümelei, sondern eine Art Gegenbewegung zur antitraditionalistischen Haltung in den Städten. "Die Menschen in den Metropolen haben sich vom Brauchtum entfremdet", sagt Schöneck, der an einer Bonner Abendrealschule auch Flüchtlinge in Deutsch und Geschichte unterrichtet. "In den Großstädten stehen eher Selbstverwirklichung und Individualisierung im Vordergrund. Aber man kann auch in einer funktionierenden Gemeinschaft aufgehen und dabei glücklich sein."

Ihre Feste, sagen die Junggesellen, seien auch jenseits der Dorfgrenzen beliebt. Eine hoch performende Nebelmaschine, Lasershow und ein riesiges DJ-Pult: Bei den Discoabenden sei das Zelt voll feinster Technik. Schöneck hat in Kellern und Dachböden nach Zeitdokumenten gesucht. "Wenn man sich alte Schwarz-Weiß-Bilder anschaut, war das früher schon sehr miefig", sagt der Lehrer. Aber die Dinge hätten sich geändert, die Breniger wollen mit der Zeit gehen.