Youssef ist Syrer und vor etwa 16 Monaten aus der Heimat geflohen. Er ist Anfang 30, hat als Elektriker gearbeitet und danach ein Wirtschaftsstudium begonnen, das er wegen des Krieges nicht beenden konnte. Sein Asylgesuch läuft, seine Zukunft ist unklar, seine Eltern und seine sechs Geschwister musste er zurücklassen: "Manchmal, wenn ich Facebook öffne und lese, dass irgendwo Bomben gefallen sind, habe ich Angst." Darum unternimmt er viel, besucht Museen und Konzerte, um nicht allein in seinem Zimmer herumzuliegen. Denn dort kommen die Gedanken.

Das eigene Land verlassen zu müssen und die neue Lebenssituation anzunehmen, kann nur gelingen, wenn um das getrauert wird, was verloren gegangen ist. Laut Vamık Volkan gehen fast alle Migranten durch einen Trauerprozess, um ankommen zu können. Volkan ist Psychoanalytiker, selbst aus Zypern in die USA ausgewandert und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Psychologie der Flucht. Gerade ist sein neues Buch erschienen, dass Flucht aus Sicht der Geflohenen und der Gastgeber beschreibt. Wenn die Trauer gelingt, wird eine Verbindung zur Vergangenheit gehalten, die den Blick in die Zukunft ermöglicht. Diese Verbindung kann ganz unterschiedliche Formen annehmen. Manchmal wird sie durch einen Gegenstand symbolisiert, durch ein Lied, einen Geruch oder eine andere Art der persönlichen Nostalgie.

Hühnchen mit Zitronensaft – Essen ist die Verbindung zur Heimat

Für Youssef ist es vor allem das Essen, das ihn mit der Heimat verbindet. In seinem Wohnheim kocht er mit seinem Zimmergenossen Zahr und seinem Freund Hussam. Die Unterkunft ist ein ehemaliges Hotel, außen das verblasste blaue Logo, drinnen ein fleckiger Teppich, im Gang zu den Zimmern riecht es etwas muffig. Trotzdem sagt Youssef: "Die beste Unterkunft in ganz Berlin." Hussam serviert heißen, süßen Tee und Zahr hat gekocht: Molokheya, eine syrische Spezialität, spinatähnliche Blätter, aber würziger, mit Hühnchen und Zitronensaft. Hussam hat es schlechter getroffen als Youssef. Er hat Frau und Kind in Syrien zurücklassen müssen. Als er ankam, war ein Familiennachzug noch möglich, doch mittlerweile hat sich die Gesetzeslage geändert. "Hätte ich das gewusst, wäre ich nicht gekommen", sagt er. Es klingt weniger vorwurfsvoll als traurig. Essen als Verbindung zur Heimat kann heilsam sein, um in der Fremde anzukommen. Youssef und sein Freund spüren dabei den Unterschied von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – und sie können eine Kontinuität herstellen.

Das gelingt nicht immer oder zumindest nicht immer reibungslos. Gerade wenn die Flüchtlinge traumatische Erfahrungen in der Heimat oder auf der Flucht gemacht haben oder sich Vorwürfe machen, dass sie überlebt haben, während andere sterben mussten, kann es zu einer Depression kommen, die eine hoffnungsvolle Zukunft überdeckt. Oder wenn sie sich nicht sicher genug fühlen in der Gegenwart, um die Trauer um die Vergangenheit zuzulassen. Wird die Aufenthaltserlaubnis für ein Jahr oder drei Jahre gelten – oder droht doch die Abschiebung? Dürfen sie Verwandte nachholen oder nicht? Dann verläuft die Trauer kompliziert oder sogar "vergiftet", wie Volkan es nennt. Die Geflohenen schaffen es nicht, in der neuen Heimat anzukommen. Sie ziehen sich von Kontakten mit Menschen zurück, verweigern, die Sprache zu lernen.

So ging es zunächst dem 33-jährigen Maher, als er vor etwa eineinhalb Jahren in Deutschland ankam. Auch er ist Syrer, auch er hielt es wie Youssef am Anfang nur sehr schwer aus, mit seinen Gedanken allein zu sein. Aber darüber hinaus war sein Grundgefühl in der großen anonymen Stadt Berlin die Einsamkeit. Auch in Syrien war er ein Außenseiter gewesen, weil er kein praktizierender Muslim ist und der Sohn einer alleinerziehenden Mutter, wofür er oft beschämt wurde. Er dachte, er würde glücklich sein, sobald er sich aus der kollektivistischen syrischen Gesellschaft verabschiedet hat – aber er fühlte sich genauso einsam wie in der Heimat.

Maher war einsam – wie schon in der Heimat

"In Deutschland schien mich der Geist der muslimischen Werte zu verfolgen", erzählt Maher, während er sich eine Zigarette dreht. Er ist schmal gebaut, hat einen wachen Blick und ein breites Lächeln. Heute wirkt er gelöst, doch als er in Deutschland ankam, fand er sich plötzlich in einer individualisierten Welt wieder, die ihn überfordert hat. Besonders in Berlin sei es schwer, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen, neue Freundschaften zu knüpfen: "Wenn man in Syrien ausgeht, lernt man direkt die halbe Bar kennen", sagt er. Außerdem hielt er es nicht aus, zum Nichtstun verdammt zu sein.

Mahers Rettung war die Internationale Psychosoziale Organisation, kurz IPSO. Die Organisation ist erst seit Kurzem in Deutschland aktiv und bietet Menschen mit Migrationshintergrund die Möglichkeit sich weiterzubilden, um als psychosozialer Berater andere geflohene Menschen zu unterstützen. Da Maher in Syrien schon einige Jahre als Patientenberater in einem Krankenhaus gearbeitet hatte, wurde er für die Ausbildung angenommen. Bei IPSO lernte er, dass er selbst entscheiden kann, was richtig und was falsch ist. Das war in Syrien anders, dort lief er immer Gefahr zum politisch Verfolgten zu werden, wenn er zur falschen Zeit das falsche Wort sagte. Bei IPSO hatte er zum ersten Mal die Gelegenheit, sich von diesen Zwängen zu befreien – und kann inzwischen als Berater diese Erfahrung auch an andere geflohene Menschen weitergeben.