Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Manchmal bringt der Druck einen um Worte. Johannes Träumer hat wegen des Drucks nicht schweigen können. Die Szene ereignete sich vor zwölf Jahren: Neben Träumer sitzt ein Kollege im Wagen und deutet auf eine Frau am Straßenrand. Heiß sei die, oder? Träumer sagt heute, er hätte damals gerne geantwortet: "Geh weg, langweil mich nicht damit." Stattdessen sagt er: "Woah." Träumer sagt, er habe damals vor dem Polizeikollegen nicht als verdruckst dastehen wollen, als einer, der keine Frau findet. Dass er schon damals in Wahrheit auf Männer stand, habe er nicht sagen können.

Ein Nachmittag Ende April. Johannes Träumer, 36 Jahre alt, ein schlaksiger, hoch gewachsener Mann, sitzt in einer hellen Neubauwohnung in Kempten im Allgäu. Erdgeschoss, Terrasse, Scheibengardinen, bürgerliche Selbstverständlichkeit. Neben ihm am Tisch sitzt sein Mann Mathias. Beide haben vor einem Jahr eine eingetragene Lebenspartnerschaft geschlossen. Seither sind sie vor dem Gesetz Herr Träumer und Herr Träumer. Beide arbeiten für die Polizei Bayern, in der gleichen Dienststelle, im Polizeipräsidium Schwaben Süd/West. An diesem Morgen hatten sie wie fast immer eine Schicht zusammen, jetzt haben sie den Nachmittag über frei.

Eigentlich sollte es im Jahr 2017 selbstverständlich sein, dass Schwule in der bayerischen Polizei akzeptiert sind. Doch die Sache ist offenkundig nicht so einfach. Johannes Träumer hat vor fast zehn Jahren die bayerische Sektion von VelsPol gegründet, was die Abkürzung ist für: Verein lesbischer und schwuler Polizeibediensteter. Der Verein hat bundesweit etwa 600 Mitglieder, was vergleichsweise wenig ist, vor allem wenn man Schätzungen traut, wonach fünf Prozent aller Polizeibediensteten schwul oder lesbisch, bi- oder transsexuell sind.

Bis heute, sagt Träumer, sei der Kampf um die Gleichstellung von Schwulen in der Polizei nicht ausgekämpft. Bis heute sitze in den Köpfen vieler Kollegen die Angst vor dem Outing. Träumer kennt Geschichten von bayerischen Polizisten, die sich mit Selbstmordgedanken quälen, weil sie Sorge haben, sich vor den Kollegen zu bekennen. Die schon den Strick um den Hals, die Dienstwaffe in der Hand hatten, weil sie Ausgrenzung und Respektlosigkeit fürchten.

Noch vor wenigen Jahrzehnten war die Polizei in Deutschland ein reiner Männerbund. Schwulsein war Tabu. Noch heute sind Polizisten im Dienst, die Anzeigen nach Paragraf 175 ausgestellt haben, der Homosexualität unter Strafe stellte. Viele Schwule haben der Polizei die Verfolgung von damals nicht verziehen. Für sie ist es überhaupt nicht ausgemacht, wie aufgeklärt die deutsche Polizei mittlerweile mit Schwulen in den eigenen Reihen umgeht. Das gilt erst recht in Bayern, das als Enklave der Erzkonservativen gilt.

"Zobelchen, du kackestampfende Schwuchtel!" Zobel, das ist Mathias Träumers Geburtsname, und die Beleidigung war die Reaktion eines seiner Vorgesetzten, als er vor etwa 15 Jahren bei einer Schießübung das falsche Ziel getroffen hatte. Sechs Monate nachdem Träumer seine Ausbildung bei der Polizei angefangen hatte, bekommt er mit, dass die Kollegen tuscheln. Also wählt er den Angriff nach vorn und outet sich. Zwei Tage später deutet ein Kollege auf die große Taschenlampe an seinem Gürtel. "Warum ist die denn so glitschig?"

Das ist lange her, aber selbstverständlich sei Schwulsein in der Polizei auch heute nicht, sagt Mathias Träumer. "Klar gibt es noch Gipsköpfe." Johannes Träumer sitzt neben ihm und presst die Lippen aufeinander. Er findet es nicht gut, wenn sein Mann zu negativ über die Lage der Schwulen redet, zumindest nicht vor Journalisten.

Einerseits ist Johannes Träumer ein guter Gesprächspartner, wenn man erfahren will, wie es ist, in Bayern in der Polizei schwul zu sein. An ihn wenden sich viele Kollegen mit ihren Geschichten, die von Lügen, Schweigen, Sexismus und Unterdrückung handeln. Andererseits ist Johannes Träumer als bayerischer Vereinsvorsitzender auch Funktionär. VelsPol ist eigenständig, der Verein sieht sich als Gewerkschaft, aber er arbeitet auch mit dem bayerischen Innenministerium zusammen. Johannes Träumer will seinen Dienstherrn nicht vor den Kopf stoßen und trotzdem für sein Anliegen kämpfen: dass kein einziger junger Kollege mehr durchleiden muss, was er durchgemacht hat.

Johannes Träumer wächst in Mindelheim im Allgäu auf. Zehn Jahre lang ist er Ministrant, seine Mutter ist aktiv im katholischen Frauenbund. Als er 15 ist, ziehen die Eltern mit ihm aufs Dorf in die 2.500-Einwohner-Gemeinde Sontheim. Sie haben das Haus der Oma geerbt. Für ihn sei das okay gewesen auf dem Dorf, sagt Träumer. Er machte den Rollerführerschein, und ein Zug in die Stadt fuhr auch. Warum ihn der Polizist beeindruckte, der irgendwann in der Schule von seinem Beruf erzählte, kann er heute nicht genau sagen. Den Eignungstest absolviert er mit einer 1,0.