Elif Küçük hat zu tun. Motive finden, fotografieren, Bilder bearbeiten, Rechnungen bezahlen. Für Fragen zu ihrer Identität hat Küçük eigentlich keine Zeit, aber sie kann ihnen ja doch nicht entgehen. "Wenn ich in einen Späti gehe oder mir einen Döner hole oder Taxi fahre, werde ich fast immer gefragt, woher ich komme." Elif ist Kurdin. "Früher hatte ich manchmal keine Lust auf Diskussionen und habe einfach gesagt, ich sei Deutsche." Ihre Eltern kamen nach Deutschland, da war Elif fünf. Jetzt ist sie 29 und professionelle Fotografin. Mittlerweile beantwortet sie die Frage anders. "Auch wenn ich sehr häufig eine üble Beleidigung mit auf den Weg bekomme oder aus dem Taxi geworfen werde: Ich sage immer, ich bin kurdische Alevitin." Warum? "Um die Leute aus ihren Schubladen rauszuholen, dass alles immer ihren Erwartungen entsprechend und eindeutig zu sein hat."

Jetzt, während des Referendums über die türkische Verfassung, stehen die vielen Walhberechtigten mit türkischem Pass in Deutschland im Blickpunkt – die Hunderttausenden Kurden darunter, und die vielen Kurden mit anderer Nationalität: Sie sind, wenn sie nicht gerade mit PKK -Fahnen demonstrieren, einmal mehr unsichtbar.

Zwischen 600.000 und 1,2 Millionen Kurden leben Schätzungen zufolge in Deutschland, zuverlässige Statistiken gibt es keine. Denn die ethnische Zugehörigkeit wird in Deutschland nicht erfasst, nur die Nationalität – und eine eigene Nation haben die Kurden nicht. Also gelten sie gemäß ihrer jeweiligen Staatsbürgerschaft offiziell als Türken, Iraker, Iraner und Syrer, im konkreten Alltagsrassismus oft einfach als Muslime.

Erkennungszeichen Sprache?

Je nachdem, aus welchem der vier Länder sie kommen, sind sie leichter oder schwerer als Kurden identifizierbar. Berechnungen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge aus dem Jahr 2015 zufolge sind beispielsweise etwa ein Drittel der Geflüchteten aus Syrien kurdischer Abstammung. Die Zahlen ergeben sich aus Befragungen zur Muttersprache. Um kurdischstämmige Menschen aus der Türkei zu erfassen, funktioniert diese Methode aber bereits wieder nicht. In der türkischen Republik kurdisch zu sprechen galt fast ein Jahrhundert lang als Straftat und bedeutete Demütigung, Verhaftung und Folter. Viele Eltern erzogen ihre Kinder nicht mehr in ihrer Muttersprache, um sie zu schützen. Das prägt die Identität vieler türkeistämmiger Kurden bis heute.

Elif Küçük © privat

"Roj baş, den kurdischen Begriff für 'Guten Tag', habe ich zum ersten Mal von anderen Kurden gehört, als ich mit fünf Jahren nach Deutschland gekommen bin", sagt Elif, die Fotografin. Ihre Familie stammt aus Dêrsim, Elif selbst ist in Izmir zur Welt gekommen und in Erfurt aufgewachsen. "All diese Fragen, ob und wie kurdisch ich sei, waren mit so viel Schmerz, Scham und auch Wut verbunden", sagt Elif. "Der zweite Satz nach 'Roj baş' war immer 'Kurdî dizanî?', also ‚Kannst du kurdisch?‘" Elif konnte es nicht, damals mit fünf. Sie sprach nur türkisch. Die Reaktionen variierten von belustigt bis vorwurfsvoll. Auf einmal war Elif sprachlos. Sie musste Deutsch lernen.

Die Scham verschwindet nicht

Mittlerweile spricht Elif ganz gut kurdisch, sie hat es gelernt. "Aber damals war es sehr schmerzhaft, irgendwann hat sich Wut aufgestaut, weil ich mich auf eine nicht erklärliche Art und Weise schuldig gefühlt habe." Auch Scham habe sie empfunden. "Bis heute", sagt Elif. "Es ist weniger geworden, aber wahrscheinlich wird diese Scham nie ganz weggehen."

Die Scham ist eines der filigransten Leitmotive in der modernen Unterdrückungsgeschichte der kurdischen Identität. Die systematische Beschämungspolitik des türkischen Staats, umgesetzt von Lehrern, Polizisten, Medien und verinnerlicht und unbewusst weitergegeben auch durch Eltern, war das langfristig effektivste Instrument gegen die kurdische Sprache und Identität. Effektiver noch als simple körperliche Gewalt.

Die Kurden aus der Türkei sind sehr politisch

Nach dem jahrzehntelangen Kampf der kurdischen Bewegungen ist die Scham nicht verschwunden, sie hat sich nur aufgeteilt. Zu denen, die sich schämen, kurdisch zu sein, sind längst jene gekommen, die sich schämen, nicht kurdisch genug zu sein. Als Reaktion auf diese Unterdrückung seien gerade die Kurden aus der Türkei, die heute in Deutschland leben, eine zwar heterogene, aber hoch hoch politisierte Gruppe, sagt Kenan Engin. Er ist Politikwissenschaftler und Migrationsforscher an der Universität Kassel. Während für Menschen aus Syrien, dem Irak und dem Iran Religion, Ethnie und Sprache die Essenz der kurdischen Identität bildeten, spiele bei den Kurden aus der Türkei vor allem die politische Haltung eine vorrangige Rolle. "Viele sind in Vereinen aktiv und sind in dieser Arbeit sehr Türkei-orientiert", sagt Engin.

Von offizieller Seite besteht wenig Interesse an einer öffentlichen Anerkennung der kurdischen Kultur als etwas nicht rein Privates. Auf eine Kleine Anfrage der Linkspartei an den Bundestag im Jahr 2000 hin erklärte die Bundesregierung sinngemäß, die statistische Erfassung von Kurden sei weder finanzierbar noch nötig und verweist auf die Kommunen. Diese Haltung sorgt unter vielen Kurden für Frust. Hier bilden die Kurden nicht nur eine Minderheit, sondern eine Minderheit innerhalb einer Minderheit, die deutsche Mehrheitsgesellschaft nimmt sie gerne einfach als "Türken" wahr.