Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für DIE ZEIT über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Prolog

Ich wette, ein TV-Format mit dem Titel Das Opfer-Quartett hätte Potenzial. Ja, liebe Leser, das klingt vielleicht zynisch, ist es aber nicht. Ein bisschen Hintergründigkeit müsste natürlich sein, dazu ein gewisses Infragestellen der Hintergründigkeit. Sagen Sie jetzt nicht, damit ließen sich nicht ein paar liebe Zuschauerinnen und Zuschauer gewinnen! Die Stammbesetzung müsste aus je einer PsychologIn, einer JournalistIn, einer PfarrerIn und einem Kriminologen (aus Hannover) bestehen – dazu jeweils drei per Publikumsvoting vorab ermittelte Kandidaten als "Opfer der Woche", die jeweils 30 Minuten lang alles raushauen dürfen, was sie umtreibt. Man könnte während der Sendung ein Spendentelefon laufen lassen; der oder die GewinnerIn kriegt am Ende alles, die beiden anderen eine Nebenrolle im Nachmittagsfernsehen. Ich bin sicher: Das Ding läuft!

Gerade fällt mir ein, dass auch ich als Gast infrage käme. Denn ich bin im Laufe meines Lebens schon Opfer zahlloser Straftaten geworden: von einfachen, gefährlichen und Körperverletzungen im Amt, Beleidigungen, räuberischen Erpressungen, Kindesmisshandlungen, üblen Nachreden und Verleumdungen, sexuellen Nötigungen, einem Mordversuch, Bedrohungen, Betrug, Diebstahl, besonders schwerem Diebstahl, Nötigungen; weiterhin von Verletzungen der Vertraulichkeit des Wortes, des Briefgeheimnisses, von Privatgeheimnissen sowie des Post- oder Fernmeldegeheimnisses, des Ausspähens von Daten, der fahrlässigen Körperverletzung, der Unterschlagung, des schweren Raubs, der Hehlerei und des Kapitalanlagetrugs, der Untreue, der schweren Brandstiftung, der Sachbeschädigung und des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr. Und da habe ich die Tatbestände, die meine Rechtsgüter nur "mittelbar" oder "reflexhaft" schützen (zum Beispiel: Amtsträger-Bestechlichkeit, Umweltdelikte, Geldfälschung, Abgeordnetenbestechung, Bestechung im geschäftlichen Verkehr, Baugefährdung, Abrechnungsbetrug und dergleichen), noch nicht mitgezählt.

Sollte Ihnen diese Aufzählung egozentrisch oder übertrieben erscheinen: Das täuscht. Machen Sie die Probe und scannen Sie kurz Ihr eigenes Leben. Ich bin recht sicher, dass die meisten von Ihnen ebenfalls eine beeindruckende Liste zusammenbringen und jederzeit die Ehrenmitgliedschaft im Weißen Ring beantragen könnten. Wir alle werden, anders gesagt, unser Leben lang, permanent oder immer wieder Opfer von Straftaten. Das Leben des Menschen ist ein Opfergang, so könnte man etwas irritierend und multidimensional formulieren.

Andererseits sind, wo "Opfer" sind, die "Täter" nicht weit – auch wenn nicht alle "schuldig" sein mögen. Die allermeisten der Täter und Täterinnen meiner persönlichen Liste des Schreckens sind niemals zur Rechenschaft gezogen worden: Sie wurden weder beschuldigt noch angeklagt, noch verurteilt. Nur wenige wurden bestraft. Und die weitaus meisten von ihnen sind ebenfalls Opfer, wie auch wir Opfer in der Regel anderswo Täter sind. Das kann auch gar nicht anders sein: Wenn praktisch die ganze Gesellschaft aus Opfern von Straftaten besteht, ist es fast ausgeschlossen, dass sie sich nicht zugleich auch aus lauter TäterInnen zusammensetzt. Hier verschwimmen die Perspektiven: Filmen wir das Leben oder dessen Spiegelbild?

Eine interessante Frage in diesem Zusammenhang ist übrigens, ob das Opfer-Sein und das Täter-Sein einmalige Ereignisse sind oder bleibende Persönlichkeitsattribute. Das kann man sprachlich, kriminologisch oder psychologisch erörtern. Mit kommt es heute aber nur auf den Aspekt der sogenannten Empathie an.

An dieser Stelle sollte man noch kurz etwas zum Begriff des Opfers sagen. Das Opfer ist zunächst ein Ding, ein Tier oder eine Person, das oder die etwas erleidet. Man kann umgangssprachlich Opfer der Umstände, der Zeit, seiner Einbildung oder eines auf Ibiza hart erarbeiteten malignen Melanoms werden. Eigentlich aber ist das Opfer – wir erinnerten uns zu Ostern, dem höchsten aller christlichen Feste, soeben daran – eine Gabe, eine Stellvertretung, ein Mittler zwischen dem Hier und dem Dort, dem Oben und dem Unten, dem Leid und der Erlösung. Wie viele Lämmlein und Hammel wurden im Rauch gen Himmel gesandt, bevor Troja fiel, und wie viele mehr, damit es nicht falle! Wie viele Kindlein waren unter den Lämmlein, wie viele Männer unter den Hammeln! Tag und Nacht schnitten die Priester von Tenochtitlan den Opfern das Herz aus der Brust, um den Untergang der Welt abzuwenden. Christen feiern die Sublimierung des alttestamentarischen Erstgeborenenopfers (Stichwort: Abraham) durch die –unter götterrationalen Gesichtspunkten ziemlich erstaunliche – Opferung des Sohns ihres Gottes. Keine schlechte Idee ­– jedenfalls stressreduzierend.

Opfer ist eine Gabe – zielt aber stets auf eine Gegenleistung. Diese kann vorzeitig (Dank), gleichzeitig (Vertrag) oder nachzeitig (Hoffnung) sein. Göttern, die nichts zu leisten versprechen, opfern nur Dummköpfe. Ohne Paradies, Nirvana oder zumindest die Aussicht auf das Ausbleiben irdischer Katastrophen ist Schluss mit der Opferei. Selbst King Kong bekommt nur deshalb jährlich eine Jungfrau, weil er sich danach pflichtgemäß wieder hinter die Barrikade verzieht.