In Syrien sind durch eine Autobombe in der Nähe eines Evakuierungskonvois nach Angaben von Aktivisten 112 Menschen getötet worden. Viele weitere Menschen seien teilweise schwer verletzt worden, berichtete die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in London, die ihre Angaben von Aktivisten vor Ort beziehen. 

Sowohl staatliche Medien als auch der Opposition nahestehende Aktivisten berichteten von einer Detonation am Rande der Großstadt Aleppo. Die Busse kamen aus vier nordsyrischen Städten, die nach einem Abkommen zwischen der syrischen Regierung und Rebellengruppen derzeit evakuiert werden. 98 der Toten sollen nach Angaben der Beobachtungsstelle aus den Städten Fua und Kafraja stammen. Laut Medienberichten soll ein Selbstmordattentäter nahe der Busse eine Autobombe gezündet haben. Die Beobachtergruppe erklärte, vermutlich sei ein Sprengsatz detoniert.

Zunächst wurde die Zahl der Toten niedriger geschätzt: Ein führender Vertreter der Opposition sagte, dass 20 Rebellen getötet worden seien, die die Busse bewacht hätten. Außerdem seien viele Passagiere ums Leben gekommen. Ein syrischer Fernsehsender berichtete von mindestens 39 Toten. Erst der Rettungsdienst korrigierte die Opferzahl nach oben. Demnach sind mindestens 100 Personen getötet worden. Ein Gesprächspartner der Regierung, der die Evakuierungen verhandelt hatte, sprach von insgesamt 140 Toten. Es sei unklar, wie viele Rebellen unter den Toten seien, sagte Abdul Hakim Bagdadi.

Unklar war zunächst, wer für die Explosion verantwortlich ist. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana sprach von einem Anschlag von Terroristen. Oppositionelle Aktivisten beschuldigten hingegen Anhänger der Regierung, für die Bombe verantwortlich zu sein. Bilder im Internet zeigten ausgebrannte Busse und Autos sowie Leichen auf der Straße. Helfer versuchten, das Feuer zu löschen.

30.000 Menschen sollen gerettet werden

Der Aktivist Nahel Nur berichtete, nach der Explosion herrsche unter den Menschen Angst und Panik. Nur erklärte, die humanitäre Lage der Wartenden sei sehr schwierig. Die Menschen – darunter viele Frauen und Kinder – hätten seit Freitagmorgen weder geschlafen noch gegessen. Es gebe kaum Toiletten.

Zahlreiche Busse hatten seit Freitagabend in Raschidin am Rande Aleppos gewartet, um überwiegend schiitische Bewohner zweier evakuierter Dörfer in die Stadt zu bringen. Aleppo wird von Regierungstruppen kontrolliert. Die Weiterfahrt soll sich nach Angaben von Aktivisten verzögert haben, weil die Al-Kaida-nahe Organisation Tahrir al-Scham die Fahrzeuge stoppte. Sie warf den Regierungsanhängern vor, sich nicht an die Abmachung gehalten zu haben. Hintergrund der Evakuierung ist ein Abkommen zwischen der Regierung und Rebellen zum Austausch von bis zu 30.000 Bewohnern mehrerer Ortschaften.

Die Einigung war von Iran und Katar vermittelt worden. 75 Busse waren gestern in den von Rebellen belagerten Städten Fua und Kafraja in der nordwestlichen Provinz Idlib eingetroffen. Aus diesen Dörfern stammten die Busse, die von der Explosion getroffen wurden. Sie sollten etwa 5.000 Menschen nach Aleppo bringen. Außerdem sollen mehr als 2.000 Oppositionskämpfer und Aktivisten aus den von Regierungstruppen umzingelten Städten Madaja und Sabani gebracht werden. Durch die jahrelange Belagerung gibt es in den vier Städten kaum Lebensmittel. Auch an medizinischer Versorgung mangelt es.  

Die Evakuierung wird mit mehrtägiger Verzögerung umgesetzt. Kritiker hatten das Abkommen als erzwungene Vertreibung kritisiert. Innerhalb der nächsten zwei Monate sollen die Bewohner aus den Städten gebracht werden.