ZEIT ONLINE: Der Film "Zwischen den Stühlen" zeigt Sie während ihrer Ausbildung in Berlin. Es gibt darin eine Szene, da sitzen Sie an der Ostsee und sagen, dass Sie zum ersten Mal verstehen können, wieso Lehrer an Burn-out leiden. Sie fragen: Wie soll ich das noch 35, zehn oder fünf Jahre aushalten?

Katja Wolf: Ich war im Referendariat ein ganz anderer Mensch, ich war sehr unausgeglichen, viel emotionaler und nicht mehr stressresistent. Meine Eltern und Freunde mussten darunter ganz schön leiden. Ich war immer sehr engagiert, aber wenn man ständig gegen eine Wand läuft, ist das frustrierend, und das strahlt man dann auch aus. Da habe ich gemerkt, das geht tiefer und nimmt mich mit.

ZEIT ONLINE: Sie sind dann von der Sekundarschule auf eine Grundschule gewechselt.

Wolf: Ich hatte davor schon einmal an einer Grundschule gearbeitet. Die Zeit an der Sekundarschule hat mir gezeigt, dass ich dort wahrscheinlich besser aufgehoben bin. Es war sehr schwer, die pubertierenden Jugendlichen für etwas zu begeistern, das ist mit den Kleineren anders. Mir geht es jetzt auf jeden Fall viel besser, ich bin wieder motiviert und sitze gern auch mal am Sonntag am Schreibtisch und bereite etwas für den Unterricht vor.

ZEIT ONLINE: Also könnten Sie sich jetzt schon vorstellen, das noch 35 Jahre lang zu machen?

Wolf: Nein, 35 Jahre nicht. Der Job frisst einen einfach auf, es ist sehr viel Arbeit. Ich würde gern noch mit 67 vor einer Klasse stehen, wenn das das Einzige wäre, was man macht. Aber so ist es ja nicht. Ich bin erst Anfang 30 und habe schon Phasen, in denen ich völlig fertig und total gestresst bin. Es gibt Tage, da komme ich morgens nicht aus dem Bett. Wenn ich das jetzt schon erlebe, ist es mit Anfang 60 sicher noch eine Spur schärfer. Ich hoffe, dass ich mich irre, aber den Job unter diesen Bedingungen so lange zu machen, ist sehr schwierig. Da muss man schon ein sehr ruhiger Typ sein und nur auf Sparflamme laufen.

ZEIT ONLINE: Welche Bedingungen meinen Sie?

Wolf: Ich bin nur zu einem Drittel Lehrerin. Ein Drittel ist noch Psychologin oder Sozialarbeiterin sowohl für die Eltern als auch für die Kinder, und der Rest geht für Büroarbeit drauf. Ich bin zwar sechs Stunden in der Klasse, aber was ich nebenbei mache, ist so viel, dass ich eigentlich zu wenig Zeit mit dem Lehren verbringe. Der Verwaltungsaufwand ist extrem hoch. Man muss Anträge schreiben, viel hinterher telefonieren, Statistiken erstellen, für all diese Sachen im Hintergrund muss ich zusätzlich Zeit opfern, die dann an der Arbeit mit den Kindern fehlt. Und wenn man versucht, alles unter einen Hut zu bekommen, hat man entweder zehn- bis zwölf-Stunden-Tage oder arbeitet am Wochenende durch. Dauerhaft kann das keiner.

ZEIT ONLINE: Das heißt, Sie haben gewusst: Ich will Lehrerin werden, aber gleichzeitig kann ich das nur für eine begrenzte Zeit machen?

Wolf: Ja, ich habe immer für mich gesagt: Ich mache den Job so lange, wie ich kann. Ich will aber etwas finden, dass einen Ausgleich zu meiner alltäglichen Arbeit bietet. Das kann eine Weiterbildung zur Schuldirektorin sein oder die Arbeit in der Schulkommission. Man kann schon bis zur Rente Lehrer sein, wenn man Abstriche macht. Das heißt dann, eine Woche nur Frontalunterricht oder nur mit einem Buch zu arbeiten. Das ist auch in Ordnung, letztlich muss das jeder für sich selbst entscheiden. Für mich ist das aber nichts, ich arbeite oft noch zu Hause weiter. Das ist auch möglich, weil ich noch keine eigene Familie daheim habe.