ZEIT ONLINE: Frau Schrupp, wie bewerten Sie die Frauenpolitik der Bundesregierung in den vergangenen vier Jahren?

Antje Schrupp: Ich glaube, die jetzige Bundesregierung unterscheidet sich nicht wesentlich von den 20, 30 Jahren davor. Grundsätzlich ist das Problem an allen politischen Maßnahmen zur Gleichberechtigung, dass sie nur einzeln geplant werden und nicht das große Ganze der Geschlechterverhältnisse im Blick haben.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Schrupp: Es geht meist nur um offensichtliche Ungerechtigkeiten. Wenn der Status der Frauen, die gesetzlich oder wirtschaftlich benachteiligt sind, lediglich an den der Männer angeglichen wird, löst das nicht das grundsätzliche Problem. Das ist gut an der Diskussion über den Gender Pay Gap zu sehen. Der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern lässt sich zwar beziffern auf diese 20 bis 22 Prozent, aber die Ursachen für diesen Pay Gap sind vielseitig.

Auch die Einführung des Elterngeldes war kontraproduktiv. Was sich auf den ersten Blick gut anhört, bedeutet in der Umsetzung, dass Frauen mit guten Berufen und gut bezahlten Arbeitsplätzen mehr Geld vom Staat bekommen als arme Frauen. Der größte Skandal war aber, dass der Mindestbetrag von 300 Euro, den Hartz-IV-Empfängerinnen bekommen, nun auch noch mit Hartz IV verrechnet wird. Den armen Frauen ist das Elterngeld also gestrichen worden, während den reichen Frauen mehr Elterngeld gegeben wurde. Und das alles mit pseudofeministischen Argumenten, man wolle Frauen und Männer gleichstellen.

ZEIT ONLINE: Gibt es einen Bereich, in dem die Gleichstellung besonders hakt?

Schrupp: Das Hauptthema, in dem alle Gleichstellungspolitik bis jetzt versagt hat, ist sicherlich das Thema der ungelösten Betreuungs- und Hausarbeit. Es gab im Zusammenhang mit der Gleichstellung den Paradigmenwechsel "Weg von der Hausfrauenehe hin zur Erwerbstätigkeit für alle". Die Frage, die sich dabei stellt, ist aber, wer die Arbeit macht, die vorher die Hausfrauen gemacht haben. Diese Frage ist nicht beantwortet worden. Reiche Leute können sich das natürlich zukaufen, indem sie die Kinderbetreuung, das Putzen et cetera outsourcen, aber Leute mit geringem Einkommen können das nicht. Meistens bleibt es wiederum an den Frauen hängen, deren Arbeitsbelastung dadurch ungeheuer angestiegen ist. Wie unausgegoren das ist, sehen wir bei den Erzieherinnen. Denn wenn alle Erwachsenen arbeiten müssen, müssen natürlich die Kinder alle betreut werden. Also wurde der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz eingeführt, ohne dass genügend Erzieherinnen ausgebildet wurden. Es gibt Hunderte von Maßnahmen zur Familienförderung, die sich widersprechen. Hier und da wird immer wieder ein Schräubchen gedreht, aber man müsste einmal wissen, wohin die Reise gehen soll, um dann alle diese Einzelmaßnahmen zu prüfen, inwieweit sie mit dem Ziel kompatibel sind.

ZEIT ONLINE: Warum passiert das Ihrer Meinung nach nicht?

Schrupp: Ich weiß nicht, ob ich das einer konkreten Regierung anlasten kann. Wir als Gesellschaft müssen uns das ins Hausaufgabenheft schreiben: Wie wollen wir in Zukunft Familie, Geschlechterverhältnisse, Betreuung und Erwerbsarbeit organisieren, und welche politischen Maßnahmen wären dafür notwendig? Dieser Prozess wird nicht diskutiert, stattdessen macht jeder Lobbyarbeit für seine eigenen Interessen. So wird es nichts. Das ist aber nicht die Schuld einzelner Politiker. Wir haben die Emanzipation nur halb gar gewollt und dementsprechend durchgesetzt. Das ist noch immer so. Es gibt zum Beispiel viele feministische Bücher etwa über Hausarbeit, aber in der Volkswirtschaft und in den Universitäten werden diese Werke nicht gelesen. Deshalb wird immer noch so getan, als seien wir im 19. Jahrhundert, nur dass es eben nur noch Männer und keine Frauen mehr gibt, weil die Frauen ja alles genauso machen wollen wie die Männer. Sie merken schon, ich bin ein bisschen ratlos. Ich glaube auch nicht wirklich daran, dass das innerhalb der derzeitigen politischen Rahmenbedingungen besser wird.

ZEIT ONLINE: Gibt es zumindest Gesellschaften, an denen wir uns orientieren könnten? Die das bereits besser machen?

Schrupp: Nein. Man sagt: Das ist in Schweden besser, das in Frankreich. Es wird gänzlich ignoriert, dass dahinter andere Kulturen stehen. In Schweden gibt es viele staatliche Maßnahmen zur Förderung der Gleichstellung, die auch gut funktionieren, weil es eine große Akzeptanz für einen starken Staat gibt. In allen skandinavischen Ländern werden auch die Einkommensverhältnisse transparent gemacht.

In Frankreich wiederum wird akzeptiert, dass Frauen sich nicht selbst um ihre Kinder kümmern, das hat dort eine lange Tradition. Natürlich ist dann die Kinderbetreuung besser organisiert. Dafür kümmern sich französische Männer noch weniger um ihre Kinder als deutsche Väter, das ist wiederum schlechter. Wir haben außerdem den Wunsch, dass sich Männer und Frauen partnerschaftlich um die Kinder kümmern, während sich in Frankreich allein die Frauen kümmern. Wenn die Mütter diese Aufgabe dann in Tageseinrichtungen outsourcen, wird der Mann gar nicht damit behelligt. Wir müssen uns also erst einmal überlegen, wie wir es haben wollen, und natürlich kann man sich dabei von anderen Kulturen inspirieren lassen, aber diese Debatten "Schweden ist toll, Frankreich ist toll", das kann ich nicht mehr hören.

"Es geht mir nicht darum, dass Frauen mit Männern gleichgestellt sind"

ZEIT ONLINE: Was sollte nach der Diskussion über unsere Ziele folgen?

Schrupp: Zunächst müsste die feministische Forschung und Literatur zur Kenntnis genommen werden. Außerdem muss die Care- und Hausarbeit bei politischen Maßnahmen immer mit in den Blick genommen werden. Vor allem ist wichtig, dass nicht immer nur auf einzelne Detailforderungen gestarrt wird. Das führt uns nicht aus dem Stillstand.

ZEIT ONLINE: Wobei dieser Blick auf das große Ganze, den Sie fordern, vor allem aus der Gesellschaft selbst kommen muss.

Schrupp: Genau, ich glaube nicht, dass die Gleichberechtigung etwas ist, was einfach nur von der Regierung gemacht wird. Ich sage lieber "weibliche Freiheit" als Gleichberechtigung. Denn es geht darum, dass Frauen frei sein können, das zu tun, was sie für richtig halten und sich für ihre Wünsche einzusetzen. Es geht mir nicht darum, dass Frauen mit den Männer gleichgestellt sind. Vielleicht wollen wir ja gar nicht so sein wie die Männer. Die Politik steht jedoch erst am Ende dieser Entwicklung.

Gegen homosexuelle Lebensgemeinschaften etwa hat kaum noch jemand etwas. Die gesellschaftliche Debatte hat die Politik unter Druck gesetzt. Und so war es auch mit der Gleichberechtigung von Frauen in politischer oder gesetzlicher Hinsicht. Niemand versteht mehr, warum Frauen weniger Rechte haben sollen als Männer. Wenn sich das gesellschaftlich als Meinung durchgesetzt hat und Mainstream geworden ist, dann muss jede Regierung handeln.

Aber die Frage nach der Kultur, danach, wie Frauen und Männern gemeinsam leben wollen, jenseits der Gesetze, wird gesellschaftlich noch diskutiert. Wollen wir eine freie Gesellschaft sein, in der Frauen selbst entscheiden, wie sie leben wollen, auch wenn Männer oder andere Frauen vielleicht nicht verstehen, warum? Wollen wir eine Gesellschaft sein, die nicht nur von Profitinteressen getrieben ist, sondern in der Beziehungen eine Rolle spielen? Antifeministinnen sagen oft: Was beschwert ihr euch über die Gender Pay Gap, der größte Teil liegt ja nicht daran, dass Frauen aus sexistischen Gründen weniger Lohn bekommen, sondern an den Entscheidungen der Frauen selber.

ZEIT ONLINE: Was antworten Sie darauf?

Schrupp: Ja, das stimmt, weil der größte Teil des Gender Pay Gap daher kommt, dass Frauen schlechter bezahlte Berufe wählen, dass Frauen häufiger in Teilzeit arbeiten und deswegen logischerweise weniger Geld verdienen. Aber die Lösung kann nicht sein, dass Frauen jetzt auch alle Ingenieure werden. Die Lösung muss stattdessen sein, dass das, was Frauen tun, ökonomisch genauso gut belohnt wird. Frauen wählen oft Berufe, die mit zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun haben, mit der Versorgung von bedürftigen Menschen. Und diese Wahl ist gut. Wir sollten die Frauen dabei unterstützen, dass zu tun, was sie für wichtig halten. Wenn es um Geld oder Entscheidungen geht, passiert aber nichts. Wenn dann noch so ein Diskurs wie über die Leitkultur hinzu kommt, in dem wir sagen, wir hier wertschätzen die Frau, ist das paternalistisch.