Die Autoren Hamed Abdel-Samad und Mouhanad Khorchide sind zwei Größen der medialen Islamdiskussion. Während Abdel-Samad als scharfer Islamkritiker gilt, könnte man Khorchide als sein ideologisches Gegenteil bezeichnen. Khorchide ist als Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster für die Ausbildung islamischer Religionslehrerinnen und -lehrer verantwortlich. Mich als islamischen Religionslehrer interessiert an ihrer gerade erschienenen, gemeinsamen Streitschrift Ist der Islam noch zu retten?, ob die Diskussion der beiden Kontrahenten ins Konzept des Unterrichts passt. Lässt sich das Buch nutzen, um Schülern den Einstieg in eine fundierte Islamkritik abseits von Polemiken und billiger Effekthascherei zu erleichtern? 

An unserer Schule sind alevitische, schiitische und sunnitische Schüler, die wiederum verschiedenen Rechtsschulen angehören. Sie haben jeweils eine ganz andere Religionspraxis und oft auch ein anderes Gottesbild. Manche Kinder haben eher ein spirituelles Verhältnis zu Gott, andere glauben vor allem, den islamischen Regeln folgen zu müssen.Manche kennen den Koran sehr genau, andere wissen fast nichts. Streit gibt es vor allem, wenn Politik ins Spiel kommt – etwa vor dem türkischen Referendum.  

Im Buch von Abdel-Samad und Khorchide geht es um Gewalt, die Rolle der Frau, Scharia und die grundsätzliche Frage der Reformierbarkeit des Islam. Die Leitfragen sind provokant formuliert und könnten schon deshalb im Unterricht für Diskussionsstoff sorgen. Denn Provokation regt auf, aber auch an.

Jeder Leitfrage werden Thesen gegenübergestellt. Die Texte sind kurz und leicht verständlich. Auch wenn das Buch nicht als Schulmaterial entwickelt wurde, ist es unterrichtsfreundlich geschrieben.

95 Thesen – aber ein islamischer Luther ist nicht erwünscht

Die Schrift mit ihren 95 Thesen ist eine Hommage an Luther. Trotzdem sehen sich weder Abdel-Samad noch Khorchide als Reformer im Sinne Luthers. Diesem ginge es mehr um religiöse Rückbesinnung, die der Islam gerade nicht brauche. Die beiden Autoren wünschen sich eine Säkularisierung des Islam. Abdel-Samad sagt sogar, nicht etwa der Islam, sondern das Christentum bräuchte einen neuen Luther. Dieser müsse den Kirchen beibringen, sich "ganz aus der Politik, den Medien und der Wirtschaft zurückzuziehen und sich der Spiritualität zu widmen". So würde die Politik auch gegenüber den Islamverbänden "handlungsfähiger", da der Staat durch das Kirchenrecht zur Zeit auch dem Islam gleiche Rechte einräumen müsse.

Abdel-Samad hält den Islam jedoch grundsätzlich für nicht reformierbar. Er vergleicht ihn mit einem reparaturbedürftigen Auto oder einem Handy der Marke Samsung, das die Neigung hat zu explodieren. Khorchide hingegen versteht den Islam als komplexen Diskurs, der historisch immer wieder durch staatliche Eingriffe ins Stocken geriet oder seiner Vielfalt beraubt wurde.

Die hiesigen Islamverbände seien – das sagen beide – das größte Hindernis für eine Islamreform. Leider fehlt hier eine genauere Analyse. "Die Islamverbände" werden an keiner Stelle des Buchs namentlich benannt oder inhaltlich kritisiert. Sie bleiben ein stetig wiederkehrender, sehr nebulöser Kampfbegriff.

Gegenseite Anschuldigungen

An Schärfe gewinnt der Streit durch gegenseitige Anschuldigungen. Khorchide sei nicht mutig und konsequent genug. Er gehe mit dem Koran selektiv um und sei ein einsamer Streiter auf weiter Flur, sagt Abdel-Samad. Khorchide wirft Abdel-Samad vor, ein Fundamentalist zu sein, dessen Islamverständnis dem der Salafisten in nichts nachstünde. Er würde den Koran nur buchstabengetreu lesen und dabei jede historische Einordnung der Verse vermeiden. Das nennt Khorchide dann wiederum unseriös und selektiv.

Aus Khorchides These von einem Gott, der Mitliebende sucht, macht Abdel-Samad eine Telefonsexwerbung. Er sagt, Gläubige würden Gott anrufen, um Paradiesjungfrauen, "andere Sauereien" oder Beratung zu Selbstmordanschlägen vermittelt zu bekommen. Schrille Assoziationen nutzt Abdel-Samad häufig, obwohl er an anderer Stelle immer wieder den Ernst seiner Sache betont.

Religion - Fünf Fragen an den Islam © Foto: ZEIT ONLINE