ZEIT ONLINE: Herr Lühmann, Wissenschaftler kritisieren Ihre Studie zu Rechtsextremismus in Ostdeutschland scharf. Auf ZEIT ONLINE werfen Ihnen zwei Expertinnen vor, Sie hätten Zusammenhänge zwischen ökonomischen und sozialstrukturellen Bedingungen und den rechtsextremistischen Strukturen vor Ort nur verallgemeinernd beschrieben, statt nachprüfbare Analysen zu liefern. Können Sie das nachvollziehen?

Michael Lühmann: Die Autoren der Kritik haben die 200 Seiten lange Studie entweder nicht in der nötigen Tiefe gelesen oder glauben ernsthaft, es gäbe in der Wissenschaft den einen richtigen Weg zum Ziel. Andere Kollegen, wie etwa der Rechtsextremismusforscher und Mitautor der Leipziger Mitte-Studien, Oliver Decker, haben uns ein methodisch korrektes Vorgehen bescheinigt.

Wir haben zu den untersuchten sächsischen Orten Freital und Heidenau auf 40 Seiten die sozioökonomischen, historischen und politisch-kulturellen Kontextfaktoren genauestens ausgebreitet: die Deindustrialisierung, die Transformationserfahrungen der Menschen, die Erinnerungskultur, sogar die geografischen Bedingungen. Dann haben wir mit verschiedenen Gruppen und Experten der Region gesprochen, um herauszufinden, ob sich die anhand dieser Faktoren entwickelten Hypothesen im Interview bestätigen oder nicht. Wir haben etwa detailreich erklärt, wie schon zu DDR-Zeiten mittels Konsumversprechen die Systemloyalität der Menschen gestärkt wurde – was sich dann im Kohl'schen Versprechen der "blühenden Landschaften" fortsetzte. Wir haben aufgezeigt, dass in den Politikvorstellungen der Menschen eine ambivalente Haltung zum Staat weiterlebt, der Gängelung und Fürsorge zugleich bereithielt. Und nicht zuletzt, dass der Rechtsextremismus in Ostdeutschland nicht plötzlich auftauchte. Das kann man alles nachlesen und selbstverständlich kontrovers diskutieren. Aber verkürzende Pauschalkritik ohne konkrete Beispiele ist wenig hilfreich.

ZEIT ONLINE: Bei den Interviewten ist durchaus eine Ausgewogenheit zwischen Befragten aus dem linken Spektrum und anderen Gesprächspartnern festzustellen. Doch die Kritiker werfen Ihnen vor, nicht zwischen lokalen Befragten und interviewten Experten unterschieden zu haben.

Lühmann: Wir ordnen sehr wohl ein, aus welchem Kontext unsere Gesprächspartner kommen – ist es ein Experte, der uns seine Außensicht mitteilt oder der lokale Blickwinkel eines Anwohners. Dabei gibt es natürlich Überschneidungen, weil auch die Experten oft vor Ort leben oder arbeiten. Darüber hinaus haben wir aber auch mit Anwohnergruppen gesprochen und Medien analysiert. Und wir sind vor Ort wochenlang unterwegs gewesen, sind, wo wir es konnten, an die Treffpunkte, in die Kneipen gegangen, um – einem ethnografischen Ansatz folgend –, aus größtmöglicher Nähe zu den Menschen Erfahrungen und Erkenntnisse zu gewinnen. Das berücksichtigen unsere Kritiker gar nicht. Wir halten unsere Methode für die Entschlüsselung von Kontextbedingungen nach wie vor für richtig und wirksam.

ZEIT ONLINE: Sie stützen sich auch auf Gesprächspartner von Anti-rechts-Initiativen, die ja ihre Daseinsberechtigung daraus ziehen, dass es Rechtsextremismus gibt. Sind deren Antworten nicht interessengeleitet?

Lühmann: Dies ist in Regionalstudien, die die Aktionsformen und Ursachen von Rechtsextremismus erforschen, absolut üblich. Man kann für Forschung zu Rechtsextremismus nicht nur Rechtsextremisten befragen. Das wäre ebenso einseitig. Hinzu kommt: Rechtsextremisten reden nur sehr selten mit Forschern. Wir haben aber mit vielen Menschen vor Ort gesprochen und erlebt, wie manche rechte Übergriffe relativieren, wie unwidersprochen von Islamisten gesprochen wird, wenn von Migranten aus Syrien die Rede ist. Wir sind auf diese Weise nicht weniger genau vorgegangen als andere, frühere Studien.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, Sie haben etwa zehn Gesprächspartner statt mit Klarnamen nur unter einem Pseudonym aufgeführt, weil Sie vor dem Druck der Studie das Einverständnis der Befragten nicht mehr einholen konnten, darunter auch Politiker, Abgeordnete. Die müssten doch aber für ihre Aussagen mit ihrem Namen einstehen ...

Lühmann: Die ursprünglich anonymisierte Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz ist jetzt auch mit Klarnamen genannt. Man darf nicht vergessen: In Freital wurde das Auto eines Linksparteipolitikers durch einen Sprengsatz zerstört, die Verdächtigen sind wegen Terrors angeklagt. Dort herrscht Angst. Wer Rechtsextremismus dort offen als Problem bezeichnet, gefährdet sich selbst. Und man ist anschließend politisch und persönlich verbrannt und wird als Nestbeschmutzer aussortiert.

Wir hätten auch gar keine Namen aufführen müssen, wie es in anderen Studien gang und gäbe ist. Selbst eine Anonymisierung der Untersuchungsorte haben wir zwischenzeitlich diskutiert, um gerade keine Stigmatisierungen hervorzurufen. Als wir uns dann dazu entschlossen haben, mit Pseudonymen zu arbeiten, wurde in der ersten veröffentlichten Fassung bei vier Namen bei Erstnennung im Fließtext nicht mittels Fußnote genannt, dass es sich hier um verfremdete Namen handelt. Zu dem Zeitpunkt hatten wir aber am Ende der Studie, wo wir über unsere Interviewpartner Auskunft geben, die Anonymisierung und Verfremdung bereits erklärt. Um aber allen, auch böswilligen, Unterstellungen entgegen zu wirken, haben wir diesen Abschnitt dann unverzüglich überarbeitet.

ZEIT ONLINE: Wie kam es zu dieser Panne?

Lühmann: Wir hatten weniger als ein halbes Jahr Zeit, um aus den gewonnenen Forschungserkenntnissen einen Studientext zu formulieren, mit Zusammenfassung und Handlungsempfehlungen. Das reichte nicht, um alle Zitate nochmals zusammenzutragen und freigeben zu lassen. Um eine solch komplexe Forschungsaufgabe umfassend bearbeiten zu können, bräuchte man mehr Zeit, mindestens mehrere Jahre. Allein die dafür notwendige Grundfinanzierung der Universitäten fehlt.

Das Ärgerliche ist, dass unsere Studie jetzt für eine Kampagne instrumentalisiert wird. Basierend auf einem verleumderischen Artikel in der Welt und dem falschen Vorwurf etwa des sächsischen CDU-Generalsekretärs Michael Kretschmer, wir würden Ostdeutschland in Gänze diffamieren. Diese Kampagne fußt auf Kritik aus Online-Diskussionsforen, deren Verfasser die Fußnoten unserer Studie einfach nicht gelesen hatten. Diese Politiker glauben Wissenschaftlern weniger als den rechten Verschwörungstheoretikern aus dem Internet. Das ist tragisch. 

Dabei haben wir immer gesagt: Es gibt Probleme in Ostdeutschland, die in den von uns untersuchten Regionen eine besondere Schwere haben. Wir haben aber auch immer gesagt, dass das Problem des ostdeutschen Rechtsextremismus auch in Ostdeutschland gelöst werden kann.