Sonntag, 14.55 Uhr, Aschheim, eine Gemeinde nordöstlich von München

Im Bistro Monsalvy, an einer Durchgangsstraße gelegen, sitzt Martin Siegmund auf einer Sonnenterrasse zwischen Rentnern, die Kuchen essen, und wartet auf einen Mann, der die Welt ganz anders sieht als er. Siegmund ist 27 Jahre alt und arbeitet als IT-Berater. An diesem Sonntag trägt er schwarze Arbeitsschuhe und eine weite Stoffhose mit großen Seitentaschen. Als der andere auf dem Fahrrad angeradelt kommt, bleibt er sitzen und beobachtet ihn eine Weile: Daniel Meng, 29 Jahre alt, ein BWL-Student und Reserveoffizier der Bundeswehr, trägt ein blaues Businesshemd und Wildlederschuhe. Als Meng sein Fahrrad abstellt und seinen Helm verstaut hat, geht Siegmund ihm entgegen.

Martin Siegmund: Gibt es nachher wohl Vorher-nachher-Bilder, mit blauen Flecken und so?

Daniel Meng: Ich hoffe nicht!

Die Männer lachen. Dann geben sie sich die Hand.

Meng: Grüß dich, ich bin Daniel.

Martin Siegmund (l.) und Daniel Meng im Gespräch © David-Pierce Brill für ZEIT ONLINE

Meng und Siegmund machen an diesem Sonntag mit bei "Deutschland spricht", einer Dating-Plattform für politische Gegensätze, die sich ZEIT ONLINE ausgedacht hat. Die Redaktion hat in den vergangenen Wochen fünf Ja-Nein-Fragen auf ihrer Homepage gestellt – und die Teilnehmer anschließend eingeladen, sich mit jemandem in ihrer Region zu treffen, der ganz anders geantwortet hat. Auch Meng und Siegmund haben die Fragen beantwortet. Jetzt sind sie eines der 600 Paare, die sich an diesem Sonntagnachmittag zeitgleich zum politischen Gespräch treffen. Die Zeichen stehen auf Streit. Flüchtlingspolitik, Eurokrise, Russland, Homo-Ehe, Atomausstieg: Siegmund und Meng waren in keiner Frage einer Meinung.

Sie setzen sich an einen der Tische, über Eck.

Siegmund: Gegenüber wäre so ungemütlich.

Beide lächeln verlegen und schauen nach dem Kellner. Was war noch mal das erste Thema?

15.02 Uhr, Köln-Mülheim, Café Vreiheit

Anno Mühlhoff: Schon ungewöhnlich, oder?!

Anne Helgers: Ja. Ich habe mir ja vorgestellt, ich treffe auf einen 18-jährigen Piraten und als ich dann las, es wird ein Polizist, dachte ich: Oh Gott, wo stehe ich in dieser Gesellschaft? Ich habe mich immer ins konservative Lager gesteckt. Und jetzt steht links von mir ein Polizist.

Mühlhoff: Wahrscheinlich bin ich auch innerhalb der Polizei ein komischer Kauz. Daran haben sich meine Kollegen mittlerweile gewöhnt.

Anno Mühlhoff und Anne Helgers begrüßen sich in Köln-Mülheim. © Marcus Simaitis für ZEIT ONLINE

Anno Mühlhoff und Anne Helgers haben sich vor wenigen Minuten vor dem Café Vreiheit getroffen, in einer schmalen Einbahnstraße gegenüber der Friedenskirche im Kölner Stadtteil Mülheim. Anno Mühlhoff, 40 Jahre alt, ist seit 20 Jahren Polizist. Anne Helgers, 15 Jahre älter, arbeitet als Agraringenieurin bei einem Großkonzern im Umland. Mühlhoff, der Polizist, findet, dass Deutschland in den vergangenen Jahren nicht zu viele Flüchtlinge aufgenommen hat. Helgers schon. Mühlhoff ist gegen die Homo-Ehe, Helgers dafür. Jetzt sitzen sie an einem hellen Zweiertisch am Fenster. Draußen ist es dreißig Grad und schwül.

Mühlhoff: Was ist denn Ihr Schwerpunktthema?

Helgers: Na ja, ich bin mit einer Frau verpartnert. Das heißt, ich bin ganz klar für eine gleichgeschlechtliche Ehe. Sie sind das ja nicht. Und ich kann es überhaupt nicht fassen, dass jemand dagegen sein kann. Ich liebe meine Frau und wir führen eine wundervolle Beziehung. Der Staat sagt, alle Menschen werden gleich behandelt. Aber gleichzeitig sagt man: In eine Ehe dürft ihr nicht.

Mühlhoff: Wenn jemand wie ich Nein sagt, fühlen Sie sich herabgesetzt?

Helgers: Ja. Es gibt Kirchen und Religionsgemeinschaften, die das von vornherein ausschließen. Das verstehe ich zwar auch nicht, aber ich akzeptiere es. Dass der Staat aber sagt, in Ehen dürfen nur Heterosexuelle rein, das ist sehr verletzend.

Mühlhoff: Ich habe nichts gegen Schwule und Lesben. Es ist auch nicht so, dass ich das Zusammenleben dieser Menschen nicht gutheiße. In meinem Umfeld ist das ständig präsent. Bei der Polizei wimmelt es ja davon. Nachvollziehen kann ich die rechtliche Situation, die ganzen rechtlichen Hürden. Man darf nicht mitreden, etwa bei lebensverlängernden Maßnahmen, braucht Vollmachten. Aber bei der Förderung der Ehe ging es doch ursprünglich um ein sehr egoistisches Konzept: Man schützt einen Bereich, in dem Nachwuchs entsteht. Das verwässert zunehmend, nicht nur wegen der Homosexuellen. Immer mehr Menschen verstehen die Ehe als finanzielles Gestaltungsinstrument, als Trickserei. Da bin ich dagegen.

Helgers: In meinem Freundeskreis gibt es homosexuelle Paare, die Kinder haben und sie gemeinsam erziehen. Diese Kinder sind glücklich und wachsen wohlbehütet auf. Es ist inzwischen wissenschaftlich untersucht worden, dass diese Kinder keine psychischen Probleme davontragen. Aber bei Heterosexuellen dürfen die Kinder in einer Ehe aufwachsen, bei Homosexuellen in einer Verpartnerung. Warum nur möchten Sie nicht, dass Menschen wie ich eine Ehe schließen dürfen?

Mühlhoff: Instinktiv denke ich, dass es von der Natur eine sinnvollere Einrichtung ist, wenn Mann und Frau zusammen sind. Das kann ich nicht weiter begründen. Das ist nur ein Gefühl.

Helgers: Mit der Biologie zu argumentieren ist schwierig. Die Frage ist: Wollen wir als Gesellschaft zulassen, dass Homosexuelle heiraten? Das ist eine intellektuelle Frage. Der Staat sollte nicht definieren, wie eine Ehe auszusehen hat. Wenn der Staat Homosexuellen verbietet zu heiraten, ist das für mich genauso, wie wenn er verbietet, dass blonde Menschen heiraten dürfen. Der Sinn des Lebens ist auch nicht, sich zu vermehren.

Mühlhoff: Was ist der Sinn des Lebens?

Helgers: Für mich wäre ein Sinn, ein konstruktiver Teil der Gesellschaft und ein guter Mensch zu sein. Und mein Leben zu genießen. Haben Sie Kinder?

Mühlhoff: Nein.

Helgers: Ich liebe Kinder. Gott sei Dank bin ich sehr beliebt bei den Kindern der Nachbarschaft.

Deutschland spricht - "Über dieses Gespräch werde ich weiter nachdenken" Waltraud und Jan waren Fremde, bevor sie sich in einem Biergarten trafen, um über Flüchtlinge und die Ehe für alle zu diskutieren. Eine Begegnung von "Deutschland spricht" © Foto: Jan Lüthje